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21. Dezember 2010

Bestnoten für Seniorenpflegeheim

Viele, viele Einser und Heime, die noch auf Prüfer warten: Pflegeheimbewertung wirft Fragen auf.

  1. Stolz auf die Note 1: Mitarbeiter des Pflegeheims Bötzingen der Evangelischen Stadtmission Freiburg freuen sich über die gute Bewertung ihrer Arbeit durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Foto: stadtmission

BÖTZINGEN/BREISGAU. Das Seniorenpflegeheim Bötzingen hat Bestnoten vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) erhalten. Dieser prüfte das Heim im Auftrag des Landesverbandes der Pflegekassen. Der Heimträger, die Evangelische Stadtmission in Freiburg, teilte mit, dass damit ihre drei bisher geprüften Heime alle die Bestnote 1,0 erreicht hätten. Der MDK soll bis Jahresende alle Pflegeheime geprüft haben. Doch das wird mehr als knapp.

Der auf Landesebene organisierte MDK erstellt von seinen Prüfungen sogenannte Transparenzberichte, die seit dem 1. Dezember 2009 veröffentlicht werden, unter anderem über Internetseiten. Bis Jahresende sollen alle ambulanten Dienste und alle Pflegeheime nach dem neuen Schema geprüft werden. Doch einige Heime haben noch gar keinen Besuch von den Prüfern erhalten – und das bei noch ausstehenden sieben Arbeitstagen bis Jahresende. So warten etwa die Pflegeheime in March und Bahlingen noch auf die Prüfer des MDK. Andere, wie das Breisacher Heim der Stadtmission, wurden zwar schon im Januar geprüft, aber, wie Heimleiter Roland Stadler erklärt, noch nach einem älteren Schema, das noch nicht die Benotungen der Transparenzkriterien vorsieht. Umgekehrt gibt es etwa vom Haus Kaiserstuhl in Breisach oder vom Haus St. Katharina in Endingen aber Benotungen nach der neuen Prüfung, die auch schon im Januar oder gar im Herbst 2009 vorgenommen wurden.

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Zweifel gibt es nicht nur daran, ob der MDK den engen Zeitrahmen einhalten kann, sondern auch am Prüfungskatalog selbst und am Bewertungsschema. Der Katalog sieht 64 Einzelkriterien vor, wobei der Bereich "Pflege und medizinische Betreuung" allein 35 Kriterien umfasst, zehn weitere der Bereich Umgang mit Dementen. Hier werden die Kriterien zum Großteil bei stichprobenweise untersuchten Bewohnern geprüft, in Bötzingen waren dies sechs von 30 Bewohnern. Einige Fragen wie etwa zur Behandlung von Dekubitus (wunde Druckstellen) konnten nur bei Einzelbewohnern, bei denen dieses Problem gegeben war, abgeprüft werden. Alle diese Kriterien werden danach geprüft, ob sie stattfinden, zum Beispiel ausreichende Flüssigkeitsversorgung oder bei dementen Bewohnern das Beachten ihrer Selbstbestimmung in der Pflegeplanung. Wird das befragte Kriterium nachgewiesen, gibt es eine Note 1, beim Fehlen eine Note 5. Zwischennoten gibt es bei der Einzelstichprobe also keine und damit auch keine Aussage über die jeweilige Qualität. Zwischennoten für die einzelnen Kriterien kann es nur geben, wenn sie bei mehreren Bewohnern geprüft wurden und mal eine 1, mal eine 5 anfiel. Bei Fragen, die sich auf das Angebot der Pflegeeinrichtung beziehen – vor allem im Bereich Verpflegung, Wohnraum sowie soziale Betreuung und Alltagsgestaltung – sind dann jeweils nur die Noten 1 oder 5 einmalig ermittelbar.

Schwachstellen auch mit einer 1 vor dem Komma

Da die meisten Kriterien stattfinden, ergibt sich eine Tendenz zu sehr guten Noten. So ergibt sich für die bisher in Baden-Württemberg geprüften Heime ein sagenhaft anmutender Notenschnitt von 1,2. Den erreicht beispielsweise auch das Gottenheimer Pflegeheim "Unter den Kastanien". Die Einzelbewertungen sind auch in den Transparenzberichten im Internet abrufbar. Sie lassen Hinweise erahnen, dass es auch mit einer 1 vor dem Komma Schwachstellen geben kann, die für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sehr wohl ausschlaggebend sein können, ob ein bestimmtes Heim tatsächlich geeignet ist oder eher nicht.

Wie die Heimbewohner selbst zufrieden sind, das spiegelt ein eigener Fragenkatalog mit einer Zusatznote. In Bötzingen wie Gottenheim liegt sie im Gesamtschnitt der 18 gestellten Fragen bei 1,0.

Die Heimleitungen sehen die Bewertungen mit gewisser Skepsis. "Es kann schwierig sein, wenn sich ein Bewohner als Stichprobe von ihm unbekannten MDK-Mitarbeitern bis auf die Haut prüfen lassen soll", findet der Marcher Heimleiter Peter Baake. Ein Teil der Fragen wird natürlich vor allem anhand der vorgeschriebenen Dokumentationen, die für jeden Bewohner täglich geführt werden müssen, geprüft. Über deren Umfang und Zeitaufwand stöhnen die Pflegekräfte seit Jahren. Heimleiter sehen die Gefahr, dass sich die Arbeit in den Heimen nun noch mehr auf das Führen dieser Dokumentationen ausrichtet, gezielt nach den Prüfkriterien des Prüfungskatalogs des MDK. "Ist es denn sinnvoll, unsere Mitarbeiter darauf zu trainieren, oder sind vor Ort nicht vielleicht andere Fragen relevant, wenn es wirklich um die Qualität geht?" frägt der Marcher Heimleiter Baake und nennt hier auch den Bereich der psychosozialen Betreuung." Und sein Breisacher Kollege Stadler warnt, "dass man nicht mehr dazu kommt, selbst nachzudenken, was man im eigenen Haus für die einem anvertrauten Bewohner tun kann". Es gebe ja auch noch eine Prüfung durch die Heimaufsicht, und dieser "Wettbewerb an Prüfungen" dürfe nicht zum Selbstzweck werden.

"Irgendwer muss auch noch die Arbeit machen" meint Stadler und mahnt, gute Pflegekräfte seien wegen der schlechten Bezahlung nur schwer zu halten. Manche hätten sich gar abwerben lassen – für den besser bezahlten Job als Prüfer. Das bestätigt auch Baake und erinnert an einen banalen Umstand: Wer über Pflegequalität rede, der müsse auch wissen, dass den Heimen nur ein begrenzter Personalschlüssel zugestanden werde.

Autor: Manfred Frietsch