"Ich will Hörender sein"

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Do, 30. August 2018

Ehrenkirchen

BZ-INTERVIEW mit Michael Hauser, dem neuen Leiter der Seelsorgeeinheit Batzenberg-Obere Möhlin.

SÜDLICHER BREISGAU. Nach elf Jahren als Leiter der Seelsorgeeinheit Batzenberg-Obere Möhlin geht Herbert Malzacher im Oktober in den Ruhestand. Sein Amt übernimmt ab November Michael Hauser. Mit Sebastian Krüger spricht der Pfarrer über seinen Vorgänger und das Verhältnis junger Menschen zur Kirche.


BZ:
Warum haben Sie der Seelsorgeeinheit in Radolfzell den Rücken gekehrt?
Hauser: Nach elf Jahren ist es gut, wenn ein Wechsel stattfindet. Außerdem bin in Heitersheim geboren und rücke so wieder näher an meine Heimat heran.
BZ: Also sind Sie mit den lokalen Traditionen im Breisgau vertraut?
Hauser: In der Seelsorge noch nicht. Zwischen Heitersheim und Kirchhofen liegen manchmal Welten. Aber der Menschenschlag und die Mentalität hier sind mir vertraut.
BZ: Die Seelsorgeeinheit Batzenberg-Obere Möhlin umfasst elf Gemeinden mit fast 10 000 Gläubigen. Besteht bei der Größe die Gefahr, dass die Menschen sich von der Kirche vor Ort entfremden?
Hauser: Die Größe ist eine Herausforderung, aber sie eröffnet auch neue Möglichkeiten. Wir haben elf Gemeinden mit gewachsenen lokalen Traditionen. Unser Ziel ist es, unser gemeinsames Profil zu stärken und die lokalen Eigenheiten zu bewahren. Denn das Dorfbewusstsein bei den Menschen ist groß. Aber man kann in einem Dorf nicht alles anbieten. Unsere Formate für Ministranten sind in kleinen Einheiten oft nicht machbar. Dennoch wäre es vermessen, zu glauben, man könnte allen gerecht werden.

BZ: Ihr Vorgänger, Herbert Malzacher, sagte der BZ, er habe wegen seiner Führungsaufgaben am Ende kaum noch Zeit gefunden, sich um die Menschen vor Ort zu kümmern.

Hauser: Als Leiter der Seelsorge hat man mehr Verwaltungsaufgaben, muss mehr absorbieren, als es früher der Fall war. Wer emotional nicht verarmen will, braucht soziale Kontakte. Ein Leben ohne den direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort kann ich mir nicht vorstellen. Ich will versuchen, ehrenamtliches Engagement zu fördern.

"Soziale Medien spielen

in der Kirche eine Rolle."

BZ: Geht ehrenamtliches Engagement zurück?
Hauser: Ja, ich denke schon. Die Menschen werden durch Familie und Beruf mehr beansprucht und haben weniger Zeit, sich zu engagieren. Es bleibt weniger Zeit für Ehrenamt und Vereine. Viele bringen sich punktuell in Projekten ein, aber nicht mehr so sehr in der langfristigen Verbandsarbeit.

BZ: Sie haben sich mit Malzacher im Vorfeld ausgetauscht. Was wollen Sie anders machen?

Hauser: Ich bin nicht der Typ, der ankündigt, alles anders zu machen. Ich bin froh, die Dinge aufgreifen zu können, die Pfarrer Malzacher initiiert hat und die Wege bestreiten zu können, die er gegangen ist.

BZ: Ihr Vorgänger machte sich für die Öffnung des Priesteramtes für Frauen stark.

Hauser: Das können wir nicht in einer Dorfkirche beschließen. Da muss Rom vorangehen.

BZ: Malzacher meinte, eine Öffnung würde die Kirche glaubwürdiger machen und Nachwuchsprobleme lösen?

Hauser: Die evangelische Kirche hat auch Nachwuchsprobleme. Daher glaube ich nicht, dass wir sie so einfach lösen können. Das Thema hat für mich keine Priorität. Sollte sich die Kirche dafür entscheiden, habe ich kein Problem damit. Aber ich glaube nicht, noch mitzuerleben, dass Frauen zur Priesterin geweiht werden.

BZ: Worin unterscheiden Sie sich noch von Ihrem Vorgänger?

Hauser: Ich bin elf Jahre jünger. Pfarrer Malzacher ist in einer Zeit aufgewachsen, in der das Konzil mit seinen Errungenschaften eine größere Rolle spielte, was zu Polarisierungen führte. Das Schubladendenken ist für Priester, die die vorkonziliare Situation nicht erlebt haben, weniger ausgeprägt. Von der pastoralen Einstellung her ähneln wir uns aber. Wir gehen auf die Menschen zu und nehmen die Gemeinde mit ihren Traditionen ernst.

BZ: Was für ein Schubladendenken?
Hauser: Ich bin ein Mensch, der genauso gern neue geistliche Lieder singt, wie klassischen lateinischen Choral – da gibt es für mich kein "Entweder – Oder". Die Trennlinie zwischen konservativ und progressiv ist nicht mehr so ausgeprägt. Beide Seiten haben sich angenähert.

BZ: Interessieren sich junge Menschen überhaupt noch für die Kirche?

Hauser: Viele Menschen erreichen wir immer noch über Gottesdienste. Einen Zuwachs an unter 50-Jährigen sehe ich dort aber selten. Der Schwund liegt aber nicht darin begründet, dass die Leute austreten. Vielmehr gibt es mehr Beerdigungen als Taufen. Die Zahl der Kinder aus christlichen Familien geht zurück. Mit engagierter Jugendarbeit, Wallfahrten nach Rom und gutem Religionsunterricht können wir junge Menschen erreichen, auch wenn es schwer ist. Dazu kommt die größere Mobilität. Viele Gruppenleiter in der Jugendarbeit verlassen nach der Schule die ländlichen Gemeinden.

BZ: Laut einer DAK-Studie gucken Fünfzehnjährige bis zu drei Stunden am Tag auf ihr Smartphone. Muss die Kirche versuchen, Jugendliche über Instagram oder Youtube zu erreichen?

Hauser: Das Problem haben wir erkannt und die sozialen Medien spielen durchaus eine Rolle. Der Papst hat bei Twitter eine Million Follower. Doch das funktioniert nicht in jeder kleinen Pfarrei. Ich versuche, dem entgegenzusteuern. Ich will jungen Menschen die sozialen Medien nicht ausreden. Das macht keinen Sinn. Vielmehr will ich Risiken aufzeigen, damit sie erkennen, welche Wertschätzung das persönliche Gespräch hat.
BZ: Kommen solche Ratschläge an?
Hauser: Das weiß ich nicht. Aber zumindest kann man junge Menschen für die Probleme sensibilisieren, die durch zwischenmenschliche Sprachlosigkeit entstehen. Ob sie ihren Konsum dadurch ändern? Ich glaube eher nicht.

BZ: Die Homo-Ehe, gegen die sich die katholische Kirche gestellt hat, ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Liberalisierung in Deutschland. Aber wir erleben auch einen Rechtsruck. Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus nehmen zu. Welche Rolle kommt der Kirche zu?

Hauser: Die Kirche soll die Menschen einen. Fremdenfeindlichkeit darf hier keinen Platz haben. Bei Fake News, die in der Vergangenheit kursierten, hilft ein Blick ins Johannes-Evangelium. Dort steht: Die Wahrheit wird euch frei machen. Man kann sie nicht so lange verbieten, bis sie ins politische Konzept passt.

BZ: Ist die Kirche ein politischer Player?

Hauser: Sie ist eine Institution, die ihre Stimme einbringen muss. Das Sommerloch-Theater einiger Unionspolitiker zur Asylpolitik war nicht vom Gedanken christlicher Nächstenliebe getragen. Pauschalurteile über Flüchtende helfen nicht. In Gesprächen erfahre ich oft, wie sehr sich viele Asylbewerber um Integration bemühen. Über diese positiven Aspekten wurde kaum gesprochen.
BZ: Wie lautet Ihre zentrale Botschaft?

Hauser: Ich will Hörender sein. Wir können am meisten erreichen, wenn wir uns in den Pfarreien als eine Weggemeinschaft begreifen. Ich werde in den ersten zwölf Monaten in meine Gemeinde reinhören, um die Talente der Menschen zu entdecken.

Michael Hauser (55), wurde 1989 zum Priester geweiht und leitete von 2007 an die Seelsorgeeinheit St. Radolt Radolfzell. Im Oktober zieht er nach Kirchhofen.