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23. Januar 2012

"Wir brauchen ein starkes Europa"

Europaabgeordneter Sven Giegold zu Besuch in Bollschweil.

  1. Peter Hobbing (links) und Cornelia Bolesch aus Bollschweil freuten sich über den Besuch von Sven Giegold, der für Bündnis 90/die Grünen im Europaparlament sitzt. Foto: Anne freyer

BOLLSCHWEIL. "Europa hat großes Interesse an Bollschweil", sagte Sven Giegold, Grünen-Abgeordneter im Europaparlament, bei seinem Besuch als Gast der fünften Veranstaltung im Rahmen von "Bollschweil trifft Brüssel". Großes Interesse an dem Globalisierungskritiker und Politiker, Jahrgang 1969, hatte auch eine zahlreich erschienene Zuhörerschaft, die der Einladung in den Bolando-Versammlungsraum gefolgt war, der sich für den Andrang als fast zu klein erwies.

Das sei es, versicherte Sven Giegold, worauf es ihm und seinen Mitstreitern ankomme: direkt und vor Ort zu vermitteln, worum es bei der Idee von einem besseren und vereinigten Europa gehe. Bollschweil empfinde er geradezu als Modellfall für die Verwirklichung dieser Idee: lebendig und initiativ, vor allem, nachdem er von dem gelungenen genossenschaftlichen Unternehmen Bolando erfahren habe.

Mit Giegold Kontakt aufgenommen hatten drei Neubürger, die auf verschiedene Weise Brüssel und dem Europaparlament weiterhin verbunden sind: die Journalisten Cornelia Bolesch und Will Teichert, die beide über lange Jahre als Korrespondenten für deutschen Zeitungen in Brüssel tätig waren und nun in Bollschweil leben, sowie Peter Hobbing, der als Jurist bei der EU-Kommission, Abteilung Justiz und Inneres, tätig war und nach wie vor Kontakt zu seiner Dienststelle hält. Er und Cornelia Bolesch hatten die Moderatorenrolle übernommen und einen Fragenkatalog vorbereitet, der später durch interessierte Bollschweiler ergänzt wurde.

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"Ich war ein Anarchist", bekannte Giegold freimütig, bevor er seinen Weg bis hin zum Abgeordneten im Europaparlament schilderte. Er war einer der Mitbegründer des globalisierungskritischen Netzwerks "Attac", bei dessen europäischer Koordination einer der prägenden Aktivisten und von 2001 bis 2007 mit kurzer Unterbrechung Mitglied im bundesweiten Attac-Koordinierungskreis sowie bis 2008 auch im Attac-Rat. Im September 2008 wurde er Mitglied der Grünen und sitzt seitdem für diese Partei im europäischen Parlament. Die Liste seiner zahlreichen Ämter, die er in der Folge übernommen hat, ist lang: Mitglied in den Ausschüssen "Wirtschaft und Währung", "Beschäftigung und soziale Angelegenheiten" und parallel dazu außerparlamentarisch engagiert in der Präsidialversammlung des Evangelischen Kirchentags, in der Projektleitung für den Ökumenischen Kirchentag 2010 und als Mitbegründer des "Instituts für Solidarische Moderne". Sein Büro hat er in Straßburg, seinen Wohnsitz in Niedersachsen.

Braucht Europa zwei Standorte für sein Parlament? Tatsächlich gebe es, so Giegold, noch einen dritten: Luxemburg, wo der größte Teil der Übersetzungsarbeiten getätigt werde. "Man muss für diese absurde Dualität einen gewissen Humor mitbringen", so sein Kommentar. Über kurz oder lang, das sei im Hinblick auf Kosten-, Zeit- und Energieaufwand zu hoffen, werde sich der Standort Straßburg erübrigen, der als frühes Symbol für ein einiges Europa seine Bedeutung gehabt habe, die sich aber immer mehr verliere.

Trotz der Mehrkosten – 400 Millionen Euro im Jahr – dürfe nicht vergessen werden, dass Europa in dieser Form und Struktur "billiger als alle Kriege und Nationalismen zuvor" sei. Entgegen landläufiger Vorstellung von unvereinbaren Interessen, Sprachengewirr und Missverständnissen beobachte er, dass es im Europaparlament demokratischer, vor allem aber kreativer zugehe als oft in den nationalen Parlamenten. Denn hier sei es möglich, über Parteigrenzen hinaus Vorschläge zu machen, zu argumentieren und zu diskutieren, was ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl bewirke.

Angesprochen auf die derzeitige Krise stellte Sven Giegold eindeutig klar, dass er eine Abkehr von Europa und dem Euro nicht nur für die einzelnen 27 Mitgliedsstaaten, sondern hinsichtlich der zu erwartenden Erstarkung der Schwellenländer in Asien und Südamerika für Europa insgesamt als ruinös ansieht. Zwar sei die Kritik an einigen Krisenländern, insbesondere an Griechenland, berechtigt, doch dürfe nicht vergessen werden, dass dort wie anderswo bereits große Anstrengungen gemacht würden. Im Übrigen sei es nicht Sache der anderen Länder, sondern Griechenlands allein, ob es sich für oder gegen den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft entscheide. Die Verwirklichung des europäischen Gedankens bezeichnete Giegold als eine "historische Meisterleistung", eine Renationalisierung als "Rückschritt auf allen Gebieten", denn, so sein Fazit, "wir brauchen ein starkes Europa".

Autor: Anne Freyer