Demenz: Meist fängt es harmlos an

Martha Weishaar

Von Martha Weishaar

Fr, 12. Mai 2017

Bonndorf

Kabarettistisches Schauspiel "Dementieren zwecklos" im Rahmen der Themenwoche "Graue Haare, buntes Leben".

BONNDORF. Am Ende war es still im Paulinerheim. Das Publikum war betroffen von der Inszenierung "Dementieren zwecklos". Schnörkellos und geradeheraus setzten sich die beiden Schauspieler Britta Dumke-Martin und Uwe Spille in der Aufführung mit dem Thema Demenz auseinander. Im Rahmen der Themenwoche "Älterwerden - Graue Haare, buntes Leben" hatten die beiden Kirchengemeinden in Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und Caritas das kabarettistische Schauspiel veranstaltet.

Etwa 70 Frauen und Männer waren gekommen. Derweil wäre es generell ratsam, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen. Zahlen und Fakten, welche die Künstler immer wieder geschickt in ihr Bühnenspiel einflechten, sprechen für sich. Die Wahrscheinlichkeit, früher oder später entweder selbst oder durch die Erkrankung eines nahe stehenden Angehörigen mit Demenz konfrontiert zu werden, ist nämlich hoch. Harmlos fängt es an, wenn einem hin und wieder Wörter einfach nicht mehr einfallen wollen. Der Achtsame spürt, dass etwas nicht mehr stimmt, andere mögen geflissentlich über derlei Vergesslichkeit hinwegsehen. Untersuchungen können Gewissheit verschaffen. Zuweilen werden Medikamente verabreicht. Deren Nutzen stellen die Schauspieler in Frage, zumal ältere Menschen häufig verschiedene Medikamente einnehmen und die Nebenwirkungen beträchtlich sein können.

"Ich hätte nie gedacht, dass mich das mal trifft" – eine Aussage, die wahrscheinlich die meisten Menschen im Anfangsstadium ihrer Demenz treffen – zeigt das Nicht-wahr-haben-wollen sowie Verzweiflung und Unsicherheit auf, die mit dieser Diagnose einhergehen. Dementielle Erkrankungen können jeden treffen, sie machen auch vor hoher Intelligenz nicht halt. Doch sie haben in unserer Leistungsgesellschaft offenbar keinen Platz.

Andere Kulturen gehen anders damit um. In manchen Ländern wird Demenzkranken geholfen, indem ihnen Cannabis verabreicht wird. Andere sprechen rücksichtsvoll davon, dass das "Gehirn wackelt" oder Alte "ihren Verstand an ein Neugeborenes abgegeben haben". Heinz und Irene, das Paar auf der Bühne, gehen schonungslos offen mit der Erkrankung um, klären frühzeitig ihre Kinder auf, ebenso ihre Freunde. Sie halten zueinander, so dramatisch die Krankheit Irene auch verändert. Und Irene ist Heinz dankbar dafür, dass sie beim ihm "in aller Ruhe den Verstand verlieren darf".

Sie machen deutlich, dass Demenz auch deswegen ein Problem unserer Gesellschaft ist, weil wir, leistungsorientiert, mit Anderssein nichts zu tun haben wollen. Und geben hilfreiche Tipps. Wo kann man sich fachkundig untersuchen lassen? Wo finden Angehörige Hilfe, ehe sie unter der Dauerbelastung der Pflege eines Demenzkranken einknicken? Welche alternativen Wohnmodelle könnten Entlastung bringen? Welche Rollen spielen Geborgenheit und Glaube?

Am Ende ihres Auftritts stellen Britta Dumke-Martin und Uwe Spille radikale Fragen. "Wie soll man seine Grenzen kennen, wenn man sich nie mit Demenz befasst? Wären Sie bereit, Ihren Partner zu pflegen und den nicht einfachen Weg mit ihm zu gehen?" Und sie ermutigen ihr Publikum: "Wir sollten leben, bevor wir tot sind!"