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19. Juni 2009 11:34 Uhr

Nachruf

Trauer um Lord Ralf Dahrendorf

Die Badische Zeitung hat einen Freund und kritischen Ratgeber verloren. Lord Ralf Dahrendorf, der Sozialphilosoph, liberale Politiker und Publizist ist nach langer Krankheit gestorben. Ein Nachruf von BZ-Chefredakteur Thomas Hauser.

  1. Lord Ralf Dahrendorf. Foto: Ingo Schneider

Ralf Dahrendorf ist tot. Dabei war er bis kurz vor seinem Ableben noch voller Tatendrang, voller Pläne. Seinen 80. Geburtstag Anfang Mai hatte er, von schwerer Krankheit schon gezeichnet, inmitten akademischer Freunde in Oxford verbracht. Mit Jürgen Habermas, Fritz Stern, Antony Giddens, Timothy Gordon Ash und anderen hatte er dort über die Freiheit diskutiert.

Wenige Tage später war er auf Einladung der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin. Und am Tag darauf nahm er in Darmstadt den Schader-Preis entgegen. Mit ihm werden Gesellschaftswissenschaftler für ihren Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme ausgezeichnet. Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt werden.

In seiner Dankesrede reflektierte er noch einmal sein Lebensthema: Die Verantwortung des Wissenschaftlers als Grenzgänger zwischen Geist und Tat. Er, der nach eigener Überzeugung sein Leben lang das Alter eines 28-jährigen in sich trug, weil dies die Zeit war, in dem ihm die Welt offen stand, brachte hier noch einmal auf den Punkt, was diesen Weltbürger im Laufe seiner 80 Jahre vorangebracht hat: von der Jugend in Opposition zum Nationalsozialismus über Studium und Wissenschaft in die Politik und zurück in Forschung, Lehre und Publizistik. Er wollte den Dingen auf den Grund gehen. Und er konnte wie kaum ein anderer die Dinge auf den Punkt bringen.

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Das machte ihn zu einem gefragten Gesprächspartner und Ratgeber. Vor allem aber war er ein Intellektueller der sich einmischte. In einer Zeit, in der Geist mit Politik eher nichts zu tun haben will, gibt es davon nicht viele in Deutschland, auch wenn Menschen wie er angesichts der tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüche zur Orientierungssuche dringend gebraucht werden: Scharfzüngig und direkt, ohne zu verletzen, grenzenlos neugierig und undogmatisch, aber strukturiert und präzise im Denken.

Als Ratgeber wird er auch der Badischen Zeitung fehlen. Als einer, dem es Spaß machte, mit der Redaktion weniger über Gott als über die Welt zu diskutieren, der zuhörte und mit präzisen Fragen half, die eigenen Gedanken zu klären. Als einer, der sich mit Leitartikeln zu Wort meldete. Und als einer, den man einfach anrufen konnte, wenn man einen Rat brauchte oder jemanden, der einem half, ein Thema zu durchdringen.

Dass ihm der Krebs zunehmend die Kraft nahm, hat er durch Willen zu kompensieren vermocht. Als er ihm mehr und mehr die Stimme raubte, musste er letztlich klaren Verstandes kapitulieren. Seine Dankesrede zur Verleihung des Schader-Preises, liest sich im Rückblick wie ein Vermächtnis. Sie macht den Verlust schmerzhaft deutlich, der durch seinen Tod entstanden ist. Die Beerdigung ist voraussichtlich in London. Ort und Termin stehen aber noch nicht fest.

Autor: Thomas Hauser