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08. August 2016

Niemals aufgeben, heißt die Botschaft

Podiumsdiskussion zum Thema "Bring Dein Leben in Schwung" / Sportler mit Handicap müssen viele Hürden überwinden.

  1. In lockerer Gesprächsrunde tauschten sie sich über die Bedeutung des Sports in ihrem Leben, aber auch erschwerte Bedingungen im Behindertensport aus. Moderator Johannes Bachmann, Roland Gäss, Willi Brem, Georg Hettich, Michael Huhn, Martin Haag (hintere Reihe von links), Benny Rudiger, Klaus Kleiser und Martin Fleig sowie der Pate von Dunker bewegt, Elias Kehl (vordere Reihe von links). Foto: Martha Weishaar

  2. „Dunker bewegt“ fiel zwar ins Wasser, den guten Zweck wollten die Organisatoren jedoch nicht vernachlässigen Dunkerchef Uwe Lorenz (rechts) überreichte im Beisein von Bürgermeister Michael Scharf und Personalchefin Renate Heizmann 5000 Euro an Roland Gäss und Willi Brem (von links) vom Verein zur Förderung des nordischen Behindertenskilaufs. Foto: Martha Weishaar

  3. Unter Anleitung von Trainer Michael Huhn konnten Besucher sich nach der Diskussion am Blindenschießstand versuchen. Foto: Martha Weishaar

BONNDORF. Aktive Erholung, Entspannung, Kraft und Energie für den Alltag sowie deutlich verbesserte Lebensqualität – das bedeutet Sport für Menschen mit oder ohne Handicap. Trotz Behinderung Ziele zu erreichen und zeigen zu können, was man kann, das ist für Menschen mit Behinderung außerdem ein ganz wesentlicher Anreiz, sich im Wettkampf zu behaupten und körperliche Grenzen auszuloten. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema "Bring dein Leben in Schwung" einig.

Eingeladen hatten Dunkermotoren und die Stadt Bonndorf. Mit Olympiasieger Georg Hettich und nicht minder erfolgreichen Behindertensportlern wie Martin Fleig, Klaus Kleiser, Roland Gäss, Martin Haag sowie Willi Brem war das Podium kompetent besetzt. Schirmherr Benny Rudiger und BZ-Sportredakteur Johannes Bachmann moderierten die lebhafte Gesprächsrunde anregend. Weshalb nur rund knapp 50 Besucher den fachlichen Austausch mit Bewirtung und Musik am Samstagabend verfolgten, darüber kann allenfalls spekuliert werden.

Niemals aufgeben – das ist die Botschaft, die "Urschwarzwälder" Klaus Kleiser vermittelte. Der Tüftler aus Bubenbach gilt als Pionier des nordischen Behindertensports. Nach sportlichen Erfolgen in der Leichtathletik konstruierte der seit einem Trainingsunfall querschnittsgelähmte einstige Nordische Kombinierer seinen ersten Langlaufschlitten selbst – eine "Badewanne" auf Skiern. Davon ist man heute weit entfernt. Das Fraunhofer Institut entwickelte gemeinsam mit Partnern im Projekt Snow-Storm moderne Sitzschlittentechnik. Mindestens dreimal wöchentlich trainiert Kleiser, obschon er längst nicht mehr an Wettkämpfen teilnimmt.

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"Es braucht das Glück,

im richtigen Moment

den richtigen Wegweiser

zu finden."

Georg Hettich
Bei Martin Fleig verhält es sich anders. Von Geburt an gehbehindert, strebt der Verwaltungswirt durchaus noch die eine oder andere Medaille an und trainiert intensiv neben seiner 50-Prozent-Beschäftigung beim Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald. Olympiasieger Georg Hettich wiederum sieht den Sport heute völlig gelassen. "Nachdem ich im Leistungssport durchgetaktet und auf Zeiten, Pulsfrequenz sowie Ergebnisse fokussiert war, genieße ich heute beim Sport Entspannung – ohne Blick auf die Uhr und so lange, wie ich Lust habe", sagt der Schonacher Meister der Nordischen Kombination. Dass er je Olympiasieger würde, hätte er, der während seiner Kindheit sportlich eher mittelmäßige Leistungen erbrachte, nie gedacht. Legendär ist ja auch seine Aussage aus dem Jahr 2006 in Turin: "Ich dachte, Olympiasieger gibt es nur im Fernsehen." Im Wesentlichen verdanke er seine Erfolge seinem Heimtrainer Albert Wursthorn, der sein Talent erkannte und förderte. "Es braucht das Glück, im richtigen Moment den richtigen Wegweiser zu finden", sagt Hettich. Dieselbe Erfahrung machte Martin Fleig, der über seine Trainerin sagt: "Ohne Melanie Kirchner würde ich nicht hier sitzen."

Der Sprung vom Hobby- in den Leistungssport ist gewaltig, das trat bei der Diskussion klar zutage. Menschen mit Handicap indes müssen weitaus mehr Hürden überwinden. Das fängt bereits mit der fehlenden Infrastruktur an der Basis an. Die wenigsten Vereine sind in der Lage, Menschen mit Behinderung adäquat zu trainieren, bemängelt Martin Haag, Teammanager der Nationalmannschaft. "Der Behindertensport hat keinen Unterbau." Sowohl Behinderte selbst als auch deren Eltern und die Verantwortlichen in den Vereinen müssten hier unbegründete Ängste überwinden. Politische Schnellschüsse in Sachen Inklusion brächten nichts vorwärts.

An Nachwuchs mangelt es gleichwohl auch bei Nicht-Behinderten, kritisierte Klaus Kleiser, der diesbezüglich Lösungsansätze beim Schwarzwälder Skiverband vermisst. Roland Gäss erinnerte daran, dass erst 1994, nach Lillehammer, aus der Selbsthilfegruppe behinderter Sportler der Verein zur Förderung des nordischen Behindertenskilaufs entstand und verbesserte Rahmenbedingungen schuf. "Wir mussten das selbst in die Hand nehmen", sagte der mehrfache WM-Medaillengewinner im Langlauf. Er kritisiert, dass der Behindertensport zwischen den Paralympics keinerlei Präsenz in den Medien hat.

Der Förderverein bemüht sich inzwischen hauptsächlich um die Förderung des Nachwuchses, was sich sehr schwierig gestaltet. "Es gibt keine herkömmliche Vereinsstruktur, die Sportler leben verstreut und jeder muss sein Training selbst organisieren", erklärt dazu Willi Brem, sehbehinderter Goldmedaillengewinner im Biathlon. Vor allem an Unterstützung im Materialsponsoring hapert es. "Wir sind auf Spenden angewiesen und leben von der Hand in den Mund", sagt Martin Haag.

Diesem Missstand wurde – zu einem Teil – am Ende der Diskussion abgeholfen. Dunkerchef Uwe Lorenz überreichte gemeinsam mit Personalchefin Renate Heizmann 5000 Euro an den Verein zur Förderung des Behindertensports. Mitarbeiter legten weitere 435 Euro aus ihren "Abteilungskässchen" drauf.

Überdies besteht auch jetzt noch die Möglichkeit, den Behindertensport über das Konto (Nr. 547) der Bonndorfer Bürgerstiftung bei der hiesigen Sparkasse zu unterstützen.

Autor: Martha Weishaar