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03. Februar 2012
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Auf Einladung der "Grünen" referiert Ute Kratzmeier über das Konzept der Gemeinschaftsschule / Zeit für den Aufbruch?.
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Ute Kratzmeier, Referentin für den Bereich allgemein bildende Schulen beim Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften sowie Vorsitzende der Landesarbeitsgruppe Schule Bündnis 90/Die Grünen referierte über das Modell Gemeinschaftsschule. Foto: Martha Weishaar
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Paul Gihr, Rektor der Realschule Bonndof, sieht in der Gemeinschaftsschule ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Foto: Martha Weishaar
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Henning Zillessen, Rektor der Schlüchttalschule, sieht in der Gemeinschaftsschule eine Chance und fordert offenes Denken. Bildung wird damit besser, gute Bedingungen vor Ort sollten genutzt werden. Foto: Martha Weishaar
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Reinhard Meier-Musahl, Lehrer an der Waldshuter Fachschule für Sozialpädagogik, findet, dass es höchste Zeit für einen Systemumbau ist, um multiple Intelligenzen der Schüler optimal zu fördern. Foto: Martha Weishaar
BONNDORF. Schulentwicklung ist derzeit sowohl für Kommunalpolitiker als auch für Pädagogen, Schüler und Eltern das bestimmende Thema. Auf Einladung der "Grünen" informierte nun Ute Kratzmeier über das Konzept der Gemeinschaftsschule. Die Referentin ließ keinen Zweifel daran, dass Bündnis 90/Die Grünen darin eine gute Alternative sehen.
Knapp zwei Dutzend Zuhörer indes legen den Schluss nahe, dass sich das allgemeine Interesse an dieser eklatanten Weichenstellung der Schulpolitik in Grenzen hält. Nur wenige Eltern, Kommunalpolitiker und Pädagogen folgten den Ausführungen der Expertin.NEUE LERNKULTUR
In einem kurzen Vortrag stellte die Referentin die Nachteile des dreigliedrigen Schulsystems sowie wesentliche Eckpunkte der Gemeinschaftsschule dar. Im bisherigen System wurde die schulische Laufbahn eines Schülers früh festgelegt, Risikoschüler wurden nicht adäquat gefördert. Ute Kratzmeier fordert nun Heterogenität, beruft sich dabei auf vorliegende Studien und fordert einen individuellen Blick für jeden Schüler. Die gesellschaftlichen Herausforderungen haben sich geändert, man dürfe kein Kind zurücklassen. Die Gemeinschaftsschule sei eine Chance, die Umsetzung gleichwohl schwierig.
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Das dreigliedrige Schulsystem sei alles andere als ein "begabungsgerechtes Schulsystem", die Ansprüche an das Lernen seien heute abstrakter. Auch die Wirtschaft unterstütze die Bemühungen, ein anderes Schulsystem zu etablieren, zumal sich die Hauptschule als zukunftsfähiges Bildungskonzept überlebt habe, was die Übergangsquoten nach der Grundschule belegen. Nichtsdestotrotz attestiert die Referentin vielen Haupt- oder Werkrealschulen hervorragende Konzepte, ja sogar Vorreiterrollen.
LERNEN ALS PROZESS
Gemeinschaftsschule sei keine Einheitsschule, versuchte Ute Kratzmeier Angst vor Veränderungen abzubauen. Man dürfe die Verschiedenheit der Schüler nicht länger ignorieren und den Unterricht an imaginären Durchschnittsschülern festmachen. Vorteile der Gemeinschaftsschule seien unter anderem eine hohe Schüleraktivität, das Lernen als selbstgesteuerter, individueller Prozess sowie der konstruktive Umgang mit Schwierigkeiten. Das Lerntempo solle stärker an den Kindern ausgerichtet, Lust auf Leistung gefördert werden. Ein differenzierter Unterricht, der nicht in dem Maß vergleichend ist wie bisher, mache Schüler leistungsfähiger und sei gerechter. Ziel sei es, dass jeder das Bestmögliche aus sich herausholt.
Nach dem bisherigen Schulsystem hätten Grundschüler häufig schon nach den ersten zwei Schuljahren keine Lust mehr auf Schule. Die grün-rote Landesregierung wolle nun eine neue Lehr- und Lernkultur mit neuen pädagogischen Konzepten etablieren. Ute Kratzmeier warnte jedoch vor Heilsversprechen. 34 Starterschulen in Baden-Württemberg setzen die neuen Konzepte ab dem neuen Schuljahr um, darunter auch die Alemannenschule in Wutöschingen. Mit den momentanen Rahmenbedingungen wie Klassenteiler, Lehrerdeputat oder sonderpädagogische Unterstützung zeigen sich die Grünen allerdings nicht einverstanden. "Wir alle haben viele Sperren", so zeigte Ute Kratzmeier Verständnis für Vorbehalte. Widerstände findet sie ungeachtet dessen hilfreich auf diesem neuen Weg.
BISHERIGES SYSTEM ERFOLGREICH
Skeptisch äußerte sich Paul Gihr, der in der Gemeinschaftsschule ein Abenteuer sieht, von dem keiner wisse, wie es ausgehe. Gihr rügt die deutliche Benachteiligung von Realschulen bei der Zuteilung von Mitteln oder Poolstunden. Die Gemeinschaftsschule führe zu noch mehr Ungleichbehandlung von Schülern. "Hier wird so getan, als ob Schule neu entdeckt werden muss", kritisierte der Realschulrektor. "Es ist haarsträubend, so zu tun, als wäre das bisherige Schulsystem nicht sinnstiftend oder erfolgreich. Es stimmt nicht, dass die Gemeinschaftsschulen etwas leisten, das wir nicht schon können."
LEISTUNGSDRUCK SCHADET
Ute Kratzmeier relativierte, dass es nicht um Neuerfindung des Lernens, sondern vielmehr um selbstverantwortliches Lernen gehe. Man solle das Thema nicht schwarz-weiß sehen, mahnte die Referentin und bescheinigte den Pädagogen bereits jetzt erstaunliche Methodenvielfalt. Lernen unter Stress sei jedoch nicht nachhaltig, Leistungsdruck schädlich. Die Gemeinschaftsschulen würden positive Aspekte verstärken. Siggi Duffner sah gar interessante Parallelen: "Was wir (Lehrer im ländlichen Raum, Anmerkung d. Red.) früher machen mussten, wird jetzt Modell." Die Veränderung des Schulsystems könne man nicht verordnen, meinte die Referentin, dieser Mentalitätssprung brauche etwas Zeit.
Reinhard Meier-Musahl, Lehrer an der Waldshuter Fachschule für Sozialpädagogik, beklagte, dass den Schülern heute die Fähigkeit zu selbstständigem Arbeiten fehle. "Mich frustriert jeden Tag, zu sehen, wie viele Stunden die Schüler für die Katz' in Schulen sitzen. Welches Potential geht uns dadurch verloren?!" In Bezug auf namhafte Wissenschaftler merkte der Pädagoge an, dass es niemanden ernst zu nehmenden gäbe, der das dreigliedrige Schulsystem gut findet und befürwortet folglich einen Systemumbau.
VERÄNDERUNG ALS CHANCE
Auch Henning Zillessen, Rektor der Schlüchttalschule, sieht die Zeit für einen Aufbruch gekommen, sei es aufgrund demographischer Veränderungen oder in Anbetracht der vielen Widerstände, die heute selbstständiges Lernen sowie soziale Entwicklungen behindern. Man müsse offener denken und die Veränderung als Chance für die Raumschaft sehen. Bildung werde besser, man müsse die guten Bedingungen vor Ort nutzen. Kritisch fragte Zillessen: "Manche Schulen in Waldshut platzen aus allen Nähten. Wünschen wir uns diese langen Fahrtzeiten für die Schüler?"
Angesprochen wurde ferner die Möglichkeit einer gymnasialen Stufe, aber auch die dringend gebotene Verbesserung der Lehrerausbildung. Bei allem drängte sich aber auch immer wieder die Frage auf: Wie geht es weiter? Und wie entwickelt sich die Schule weiter, falls in drei Jahren in Stuttgart wieder ein Regierungswechsel ansteht?
ZUR PERSON: UTE KRATZMEIER
ist Referentin für den Bereich allgemein bildende Schulen beim Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften sowie Vorsitzende der Landesarbeitsgruppe Schule Bündnis 90/Die Grünen.
Autor: bz
Autor: Martha Weishaar


