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26. März 2016

Wenn der Himmel die Schleusen öffnet

In Boll darf es nicht mehr "Land unter" heißen / Stadt informiert über Pläne zur Beseitigung der Schwachstellen in der Entwässerung.

  1. Nicht nur Bürgerinnen und Bürger aus Boll, sondern auch Interessierte aus Bonndorf waren zur Bürgerversammlung in Boll gekommen, um sich über die Entwässerungsmaßnahmen zu informieren. Foto: Kühnemund

  2. Werner Steiert erläuterte die Baumaßnahmen, die notwendig sind, um künftig Überschwemmungen in Boll zu vermeiden. Foto: Juliane Kühnemund

BONNDORF-BOLL. Dass es in Boll "Land unter" heißt, wie nach dem Starkregen im vergangenen Jahr passiert, soll in Zukunft vermieden werden. Die Stadt will so schnell wie möglich die Schwachstellen in der Entwässerung des Dorfes beseitigen. Im Rahmen einer Bürgerversammlung informierte die Verwaltung die Boller Einwohner über die auf einem Gutachten basierenden Pläne.

Das Starkregenereignis am 14. Juni 2015 hatte alles, was man bislang an Regenfällen erlebt hat, in den Schatten gestellt. Die Straße in Boll hatte sich in einen reißenden Fluss verwandelt, Keller wurden überflutet, Schlammlawinen blockierten die Wege und die Böschung bei der alten Mühle wurde weggespült. "In nur einer Stunde schüttete der Himmel die Wassermenge von eineinhalb Schwimmbädern auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern aus", sagte Bürgermeister Michael Scharf in der Bürgerversammlung und fügte an: "Das war kein Jahrhundert-, sondern ein Jahrtausend-Unwetter." Bei allen Schäden, die die Fluten angerichtet haben, habe man noch Glück im Unglück gehabt, sagte der Rathauschef. Die Wassermassen verteilten sich Richtung Wutachtal und Steinatal. "Hätte sich das Unwetter mehr südöstlich zusammengebraut, wäre Wellendingen abgesoffen", so Scharf.

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Das war kein Jahrhundert-, sondern ein

Jahrtausend-Unwetter.

Michael Scharf, Bürgermeister
Nichtsdestotrotz: Was sich in Boll abgespielt hat, darf sich nicht wiederholen. Und um auf der sicheren Seite zu sein, holte sich die Stadt zur Analyse des Ereignisses und zur Planung der Entwässerungsmöglichkeiten Fachleute ins Boot. Mit der Entwässerungsplanung wurde das Ingenieur-Büro Maier (Waldshut-Tiengen) beauftragt. Der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Unwetters widmen sich die Gutachter Pohl von der Uni Tübingen und Hennegrift von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW). Wie Werner Steiert vom Stadtbauamt erläuterte, mussten die Wissenschaftler feststellen: Dieses Regenereignis passt in keine Statistik. Das war verdammt viel Wasser. Sich auf solche Wassermengen einzustellen, sei nahezu unmöglich. Das Entwässerungssystem in Boll könne aber mit relativ geringem Aufwand für ein Jahrhundert-Hochwasser fit gemacht werden. Dazu sei es notwendig, einige Einlaufschächte zu erneuern. Diese müssen künftig 3,6 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufnehmen können. Solche Mengen können derzeit nicht geschluckt werden, weswegen sich das Wasser beim Starkregenereignis seinen Weg über die Straße und durch die Keller suchte.

Bürgermeister Michael Scharf will die Arbeiten so schnell wie möglich in Angriff nehmen. Und so vergab er die Arbeiten noch in der Bürgerversammlung an die Firma Fischer Landschaftsbau und -pflege aus Bonndorf, deren Chef Florian Fischer anwesend war, und der bereits beim Überschwemmungsereignis mit seinem Schreitbagger wertvolle Arbeit geleistet hatte.

Michael Scharf nutzte die Bürgerversammlung auch noch dazu, allen Helfern ein herzliches Vergelt’s Gott zu sagen: der Feuerwehr, den Landwirten und Betrieben, die ihre Geräte zur Verfügung gestellt haben, ohne eine Rechnung zu stellen, und den vielen Privatleuten, die zur Stelle waren, als Gefahr im Verzug war. "Angesichts dieses Gemeinschaftsgeistes und dieser Arbeit Hand in Hand sind mir vor Freude fast die Tränen gekommen", lobte Scharf den beherzten Einsatz der vielen freiwilligen Helfer. Gerne nahm der Rathauschef auch noch Tipps von Bürgern entgegen, um eine ähnliche Katastrophe in Zukunft zu vermeiden. Eine Bürgerin riet dazu, Sandsäcke zu lagern, die sich bei den Fluten bewährt hatten. Friedrich Hugel empfahl, die Stabilität des Dammes am Weiher in Boll zu prüfen, der durch das Starkregenereignis in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Familie Oliver, deren Haus am stärksten unter den Wasserfluten gelitten hatte, sicherte Bürgermeister Scharf zu, dass sich die Stadt mit 50 Prozent an den Kosten für Hochwasserschutzmaßnahmen beteiligen wird.

Durch die Wassermassen gelitten hat auch die Kläranlage in Boll. Die Anlage wurde 1980 gebaut, verrichtet nach einigen Reparaturarbeiten noch ihren Dienst, demnächst laufe aber die Betriebserlaubnis aus, informierte Werner Steiert in der Bürgerversammlung. Vorgesehen sei, die Anlage zu schließen und das Abwasser aus Boll über den Berg nach Bonndorf in die Kläranlage zu pumpen. Der Betrieb von solch kleinen Anlagen sei zum einen energetisch aufwendig, so der Experte vom Bauamt, zum anderen sei die Reinigungsleistung vergleichsweise schlecht. Insofern würde eine Schließung der Anlage in unmittelbarer Nähe zum Naturschutzgebiet Wutachschlucht Sinn machen. Als Zeitfenster für die Umsetzung der Pläne nannte Werner Steiert drei bis vier Jahre.

Über den weiteren Verlauf der Bürgerversammlung werden wir noch berichten.

Autor: Juliane Kühnemund