Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Oktober 2017

Wenn ein Angehöriger ins Altenheim muss

Philipp Keller referiert über Probleme und familiäre Krisen.

  1. Interessante Vorträge und der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen können eine neue Sicht auf Probleme bringen und den Alltag erleichtern, auch im Umgang mit der Krise, wenn ein Angehöriger ins Pflegeheim muss. Foto: Martha Weishaar

  2. Philipp Keller spricht vor Pflegenden Angehörigen über die Krise, die entstehen kann, wenn die Entscheidung für die Unterbringung im Pflegeheim ansteht. Foto: Martha Weishaar

BONNDORF. Familiäre Krisen beim Eintritt in ein Altersheim sind nichts Ungewöhnliches. Darüber referierte am Dienstagabend Philipp Keller im Rahmen der Zusammenkunft des Gesprächskreises für Pflegende Angehörige. Der 21-Jährige studiert Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Gesundheitswesen/Altenhilfe und absolviert einen Teil seines dualen Studiums im hiesigen Altenzentrum.

Philipp Keller kennt die Herausforderungen, die mit der Betreuung eines nahen Angehörigen zusammenhängen aus seinem unmittelbaren familiären Umfeld. Sein Vater pflegte die Großeltern über viele Jahre hinweg, was nur möglich war, weil er als selbstständiger Handwerker die Zeit dafür größtenteils selbstbestimmt einteilen konnte. Der Rest der Familie wirkte unterstützend mit. Solch günstige Rahmenbedingungen haben die wenigsten Familien. Starre Arbeitszeiten machen eine dauerhafte häusliche Pflege in aller Regel nahezu unmöglich.

"Nicht jeder ist der Typ

für häusliche Pflege."

Philipp Keller

Werbung

Wenn ein Wechsel in ein Pflegeheim unumgänglich ist, bedeutet dies auch für die Angehörigen die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit. Das kann zu einem Gefühl von Kontrollverlust führen. Zudem können Schuldgefühle auftreten, wenn man dem eigenen Anspruch, für den anderen da zu sein, nicht mehr gerecht werden kann. Die wenigsten Menschen machen sich die Entscheidung für die Unterbringung eines Angehörigen in einem Pflegeheim leicht. Häufig wird sie erst getroffen, wenn die häusliche Betreuung zu Erschöpfung führt und man sich eingestehen muss, dass man diese nicht länger bewerkstelligen kann. Zusätzlichen Stress bedingt der Informationsdrang, die beste Einrichtung auszuwählen. Zumal die Entscheidung häufig unter Zeitdruck getroffen werden muss. Die meisten Pflegefälle kommen nämlich nach einem Reha- oder Krankenhausaufenthalt ins Heim. Zu den vielen Wünschen, die es für alle Betroffenen zu berücksichtigen gilt, kommt das Problem, in der Kürze der Zeit überhaupt einen freien Heimplatz zu finden.

In diesem anstrengenden Prozess ist gesunder Egoismus angeraten. Man sollte auch auf die eigenen Bedürfnisse achten. "Nicht jeder ist der Typ für häusliche Pflege", tröstet der Referent. Man sollte sich nicht ausschließlich über diese Fähigkeit als "guten" Partner/Sohn/Tochter definieren. Auf keinen Fall dürfe man ein schlechtes Gewissen haben oder danach fragen, was andere sagen. Stattdessen könne man sich wieder intensiv auf die eigentliche Beziehungsebene konzentrieren, wenn die organisatorischen Belange von Pflege und Betreuung geregelt sind. Die persönliche und familiäre Krise könne so auch zur Chance für eine Wende in der Beziehung werden.

Im Austausch nach dem Vortrag wurde deutlich, dass allenfalls Menschen, die noch nie eine derartige Entscheidung treffen mussten, von "Abschieden ins Pflegeheim" reden können. "Zu uns kommt keiner freiwillig, das ist für alle nicht einfach", stellte Heimleiterin Gabriele Scheuble klar. Man müsse sich vor allem Zeit für die Eingewöhnung geben.

Den Gesprächskreis für Pflegende Angehörige gibt es seit nunmehr fünf Jahren in Bonndorf. Am 7. November wird das im Rahmen einer humorvollen Ausschau, wie es mit der Pflege weitergehen könnte, gefeiert.

Autor: Martha Weishaar