Märchen mit überraschenden Pointen

Begeisternde Festspielpremiere von "Rumpelstilzchen"

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

Mo, 19. Juni 2017 um 17:26 Uhr

Breisach

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles." Regisseur Peter W. Hermanns hat mit diesem Faust-Zitat in seiner Bühnenfassung des Märchens Rumpelstilzchen sehr pointiert zum Ausdruck gebracht, um was es in dem überaus unterhaltsamen Märchenspektakel der Breisacher Festspiele in erster Linie geht. Das Premierenpublikum honorierte die großartige Leistung des Jungen Theaters mit lang anhaltendem Beifall.

Einen besonders eindrucksvollen Beleg für die Bedeutung des Faust-Zitats liefert die Königin (Yvonne Dewaldt) auf der Breisacher Freilichtbühne, die ihre Gier nach dem begehrtesten Metall der Menschheit ungeheuer variantenreich zum Ausdruck bringen kann. Gleich in der schwungvollen Eröffnungsszene, dem "Steuereintreibungstag", spielt sie mit einer Vielzahl von Emotionen rund um das Edelmetall. Sie ist betört davon und verliert angesichts der ihr von der Bevölkerung ihres Königreiches dargebrachten Goldsäcke schier die Besinnung… ein wirklich köstlicher Spaß und ein besonders gut gelungener Auftakt in eine Inszenierung, in der 43 Darsteller im Alter von 5 bis 64 Jahren ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen.

Bekannte Geschichte
Aber wie in der realen Menschheitsgeschichte bringt das Gold auch im Märchen mehr Unglück und Verderben als Segen über die Akteure. Die Geschichte ist bekannt. Weil der Müller (Jörg Thiedig) seiner Steuerschuld nicht nachkommen kann, behauptet er aus lauter Verzweiflung, dass seine Tochter Marie (Antonia Heitzmann) Stroh zu Gold spinnen könne. Ein gefundenes Fressen für die goldgierige Königin. Mit Hilfe des Zwerges Rumpelstilzchen (Leia Zagermann) gelingt Marie das Unmögliche sogar, aber um welchen Preis? Sie muss dem Zwerg ihr Erstgeborenes versprechen, das dieser ein Jahr nach der Hochzeit mit dem Prinzen Philipp (Jakob Stubert) auch einfordert. Aber Marie kann das Unheil schließlich doch noch abwenden, weil sie das ihr vom Zwerg gestellte Rätsel lösen kann, indem sie seinen richtigen Namen in Erfahrung bringt.

Behutsam veränderte Handlung
Hermanns wäre aber nicht Herrmanns, wenn er auf der Grundlage dieses weltbekannten Plots nicht eine Bühnenfassung zaubern würde, die, ohne dem Grimmschen Märchen ungerecht zu werden, von einer Fülle neuer und origineller Einfälle geprägt ist. Da sind zum einen die behutsamen Veränderungen der Handlung. So schafft Hermanns, der seit nunmehr 13 Jahren in Folge für das Junge Theater als Regisseur tätig ist, beispielsweise den Raum für eine Liebesgeschichte zwischen dem Prinzen und der Müllerstochter. Und der Prinz selbst ist dann auch nicht nur bloß der verständnisvolle Lebenspartner der Müllerstochter, sondern von Beginn der Handlung an auch derjenige, der der Exaltiertheit und Impulsivität seiner Mutter selbstbewusst entgegen tritt und ihr Handeln dadurch immer wieder in vernünftigere Bahnen lenkt.

Etliche neue Figuren
Auch die hohe Literatur macht Hermanns zum Instrument seines Regiekonzeptes. Mephisto (Eduard Dewaldt) und Dr. Faust (Stephanie Fleischer) versuchen sich unter Verwendung zahlreicher Zitate aus Goethes Meisterwerk vergeblich an der Umwandlung von Stroh zu Gold und werden dabei integraler Bestandteil des Geschehens auf der Bühne. Noch deutlicher tritt Hermanns Handschrift bei einer Fülle neu geschaffener Figuren zu Tage. Beispielhaft genannt sei hier zum einen der Minister (Andreas Dewaldt), der mit seiner Ordnungsliebe einen Kontrapunkt zum chaotischen Königshof bildet. Eine wichtige Rolle spielt auch das Kräuterweib Henriette, das vergeblich auf seine Entlohnung drängt, Mitspieler und Zuschauer aber dennoch mit tiefgehenden Weisheiten versorgt: " Als Kind habe ich gedacht, dass Geld das Wichtigste im Leben sei, als Erwachsener weiß ich jetzt, dass das stimmt."

Geschickte Dramaturgie
Nicht zuletzt auch die größeren Gruppen, allen voran die stattliche Zahl der Müllergesellen, die Helferlein von Rumpelstilzchen oder die dramaturgisch geschickt eingesetzten Doppelgänger des Zwerges beleben das Geschehen auf der Bühne und sind auch immer wieder der Personenkreis, von dem die choreographischen Elemente der Aufführung ausgehen.

Beeindruckende Kostüme
Abgerundet wird die Inszenierung durch eine beeindruckende Kostümgestaltung, für die der Regisseur selbst verantwortlich zeichnet, dem stimmigen Bühnenbild von Stephanie Breidenstein, der Kreativität der Maskengestaltung (Brigitte Paulsen-Uhl) und nicht zuletzt durch die Musik von Sascha Bendiks.
Wie heißt gleich noch eine der Weisheiten des Kräuterweibs Henriette?: " Verlorenes Gold kannst du wiederfinden, verlorene Zeit nicht". Eines ist sicher. Ein Besuch beim Jungen Theater der Breisacher Festspiele mag alles sein, nur keine verlorene Zeit.

Ein Fotoalbum zu "Rumpelstilzchen" gibt es unter http://www.badische-zeitung.de

Spieltermine

Juni: 25.
Juli: 2. / 9. / 16. / 23.
August: 20. / 27.
September: 3. /10.
Beginn: jeweils 15 Uhr
Abendvorstellung: Freitag, 25. August, 19 Uhr

Vorverkauf: beim BZ-Karten-Service (http://bz-ticket.de/karten oder Telefon 0761/496-8888), bei allen BZ-Geschäftsstellen, bei der Breisach Touristik sowie an den Spielwochenenden ab 13 Uhr an der Festspielkasse, Telefon 07667/904760. Reservierungen für Gruppen ab 20 Personen sind nur über die Festspielhomepage möglich.