Das Musical "Anatevka" auf der Freilichtbühne

Eine großartige Festspielpremiere

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

So, 14. Juni 2009 um 15:41 Uhr

Breisach

Man braucht kein Prophet zu sein, um den Breisacher Festspielen ein besonders erfolgreiches Spieljahr vorauszusagen. Mit der Inszenierung des Musicals "Anatevka" ist ihnen unter der Leitung von Regisseur Jesse Coston ein großer Wurf gelungen.

BREISACH. Daran lassen auch die begeisterten Reaktionen des Premierenpublikums keinen Zweifel, das mit viel Szenenapplaus und einem nicht enden wollenden Schlussbeifall seine Begeisterung zum Ausdruck brachte.

Stellt man sich die Frage, woran es liegt, dass einem diese Inszenierung über zwei Stunden so in ihren Bann ziehen kann, wird schnell deutlich, dass es die hohe Qualität der einzelnen Teile ist, die den so positiven Gesamteindruck bestimmen. Sicher ist dabei zunächst die schauspielerische Qualität der Darsteller zu nennen.

Im Mittelpunkt steht natürlich Tevje, der Milchmann (Frank Ganz), dessen auf Traditionen aufbauendes Weltbild zu bröckeln beginnt, weil sich seine drei ältesten Töchter Zeitel, Hodel und Chava (Simone Engist, Bianca Bürgin, Alexandra Laurenat) erdreisten, sich ihre Ehemänner Mottel, Perchiek und Fedja (Carsten Däntjer, Jürgen Röttele, Valentin Oswald) selbst auszusuchen.

Zwei seiner heiratswilligen Töchter ermöglicht Tevje schließlich eine selbst bestimmte Zukunft, aber als Chava einen Christen heiraten will, ist für ihn die Grenze erreicht. Er verstößt seine Tochter und wird an dieser Stelle als Gefangener seines traditionellen Weltbildes auch zu einer tragischen Figur.

Tevje zur Seite steht als perfekte Partnerin seine Frau Golde (Andrea Löwl), die ihrer Figur ein ganz spezielles Profil verleiht, ebenso wie Alexandra Großklaus als Heiratsvermittlerin Jente oder Wolf Ashmoneit als Metzger Lazar Wolf; überhaupt sind die Figuren durchweg bis in die kleinste Nebenrolle hinein sorgfältig und liebvoll gestaltet.

Nicht nur eine Parabel über Nutzen und Grenzen von Traditionen

Und alle verfügen über ganz erstaunliche gesangliche Qualitäten, die man Amateurschaupielern fast nicht zutraut. Seien es die solistischen Auftritte, die Duette – ein Höhepunkt ist sicherlich das Lied "Ist es Liebe", das Golde zusammen mit ihrem Tevje singt – oder die vom Chorgesang geprägten Stücke, seine persönlichen Favoriten mag sich jeder Besucher selbst aussuchen und er steht dabei ohne Frage vor der Qual der Wahl. Untrennbar verbunden mit den Gesangsdarbietungen ist natürlich die herausragende Leistung des fünfköpfigen Musikensembles unter der Leitung von Natalie Damm. In das von Stephanie Breidenstein entwickelte karge, als Rahmen für das Bühnengeschehen überaus beeindruckende Bühnenbild integriert, agieren die Musikerinnen und Musiker einfühlsam und gleichzeitig überaus präsent, ohne aber zu irgendeinem Zeitpunkt über das Geschehen auf der Bühne zu dominieren.

Nicht zuletzt lebt das Musical auch von einer begeisternden Choreographie, für die Vera Stöckle verantwortlich ist. In vielen Szenen sorgen ihre Ideen und deren perfekte Umsetzung für farbenfrohe Bilder und schauträchtige Aktionen, die einem lange in Erinnerung bleiben werden. Und lange erinnern werden sich die Besucher sicherlich auch an die Momente, in denen das Stück weit mehr ist als eine Parabel über den Nutzen und die Grenzen von Traditionen in einer sich verändernden Welt. Das sind vor allem die Passagen, in denen Unterdrückung, Gewalt und Verfolgung in die Welt des Dörfchens Anatevka eindringen.

Ganz leise fängt es an, als der russische Wachtmeister in seiner NS-Attitüde von einer "kleinen, inoffiziellen Demonstration" spricht, die dann aber in wenigen Sekunden aus einem rauschenden Hochzeitsfest ein Inferno der Zerstörung und Demütigung werden lässt. Der emotional wahrscheinlich bewegendste Moment ist dann am Ende des Musicals, als alle jüdischen Bürger auf Anordnung des Zaren Anatevka verlassen müssen.

In der Fiktion des Stücks führt ihr Weg nach Amerika oder Jerusalem, aber wohl kaum einer der Besucher dürfte sich angesichts der mit Koffern über die Bühne ziehenden Menschen nicht an die Bilder der jüdischen Bevölkerung auf dem Weg in die Vernichtungslager der Nazidiktatur erinnert gefühlt haben: das bedrückende Ende eines großartigen Theaterabends.

Weitere Informationen und eine Fotogalerie von der Festspielpremiere des Musicals "Anatevka" finden Sie auf http://www.badische-zeitung.de