Ein rachedürstiges Monster der Gerechtigkeit

Festspiele begeistern bei der Premiere mit "Der Graf von Monte Christo"

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

Mo, 13. Juni 2011 um 13:51 Uhr

Breisach

Vom Publikum begeistert aufgenommen wurde am Samstagabend die Premiere der Bühnenfassung des Romans "Der Graf von Monte Christo" von Alexandre Dumas auf dem Breisacher Schlossplatz.

BREISACH. Dabei bestätigte sich auf eindrucksvolle Art und Weise, dass das Theater für das Erleben und Nachempfinden von Emotionen ein ganz besonders prädestinierter Ort ist. Die von den Schauspielerinnen und Schauspielern beeindruckend dargestellte Gefühlspalette von Liebe, Hass, Rache, Habgier und Stolz wird ohne Zweifel dafür sorgen, dass in diesem Sommer unvergessliche Theaterabende erlebt werden können.

Verrat, Rache und natürlich die Liebe, das sind die eigentlichen Themen des weltberühmten Romans, und die Bühnenfassung greift diese natürlich auf. Dabei ist der Plot der Handlung schnell erzählt. Der junge Matrose Edmond Dantes wird am Vorabend seiner Hochzeit denunziert und auf Chateau d’If eingekerkert. Dieses Schicksal verdankt er seinen beiden schurkischen "Freunden" Mondego und Danglars sowie dem Juristen Villefort, denen allesamt während Edmonds 14 Jahre dauernder Kerkerhaft der Aufstieg an die Spitze der französischen Gesellschaft gelingt. Doch Edmond Dantes kehrt zurück und nimmt, ausgestattet mit dem ihm anvertrauten sagenhaften Schatz eines Mithäftlings, grausame Rache für den "Mord an meiner Seele".

Dabei legt Regisseur Jesse Coston in der Breisacher Inszenierung viel Wert auf eine genaue Zeichnung der Figuren. Fernand Mondego (Florian Weiß) sowie Johannes Joseph als junger Danglars inszenieren die Denunziation zunächst als Spiel, aus dem dann aber blutiger Ernst wird. Aus den Armen seiner wunderschönen Braut Mercedes (Alexandra Laurenat) wird der junge Edmond Dantes (Falk Döhler) völlig unvermittelt in die grausame Kerkerwelt des Chateau d’If gerissen.

Bedrückende Einsamkeit und Seelenqualen im Kerker

Ein überaus gelungener Regieeinfall macht deutlich, welchen seelischen Qualen Edmond während seiner Gefangenschaft ausgesetzt ist. Während auf der Bühne sein Mithäftling Abbe Faria (Gottfried Beck) Edmond all sein Wissen vermittelt, verweist eine Videoinstallation im Hintergrund symbolträchtig auf die unendlich langsam zerrinnende Zeit und der sich gequält auf einem Tisch hin und her wälzende Edmond lässt den Betrachter die bedrückende Einsamkeit und die Seelenqualen des unschuldig Gefangenen fast physisch miterleben. Damit lässt Coston den Eindruck einer fürchterlichen Schuld der Denunzianten entstehen, die letztlich die unerbittliche Rache des als Graf von Monte Christo (Udo Lange) zurückkehrenden Edmond legitimiert.

Seinen lange vorbereiteten Rachefeldzug beginnt er während eines Festes, zu dem er auch seine drei Todfeinde mit ihren Frauen eingeladen hat. Seine Braut Mercedes ist die Frau des Verräters Mondego geworden, deren Ehe aber von einer bemerkenswerten Kälte, ja von Hass gekennzeichnet ist. Der zum erfolgreichen Bankier avancierte Danglars (Frank Ganz) und auch Staatsanwalt Villefort (Jens Distel) repräsentieren zusammen mit Fernand gerade in dieser Festszene die geballte Arroganz der Macht. Der Gastgeber lässt noch auf sich warten, man tanzt, aber der Tanz (Choreografie: Vera Stöckle) zeigt die tiefe Erstarrtheit dieser Gesellschaft und erinnert fast schon an einen Totentanz.

Der Tod kommt tatsächlich, nämlich in Gestalt des Grafen. Sein erstes Opfer ist Fernand Mondego. Was Monte Christo über ihn öffentlich enthüllt, lässt diesem keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. In einer besonders eindrucksvollen Szene treibt er dann den Staatsanwalt Villefort in Wahnsinn und Tod. Schließlich bringt er auch den Bankier Danglars dazu sich selbst zu richten, indem er ihn finanziell ruiniert. Der rachedürstige Edmond Dantes hat damit das Ende seines Weges der Vergeltung erreicht, auf dem aber auch unschuldige Opfer zu beklagen sind.

Er hat sich zum Rachegott aufgeschwungen, hat sich seine eigene Gerichtsbarkeit geschaffen und als "Monster der Gerechtigkeit" agiert. Auf die im Roman angelegte wohltätige Seite des Grafen geht die Breisacher Inszenierung nicht ein, was letztlich konsequent ist, denn in einer beeindruckenden Schlussszene wird der alte, sterbende Graf in einer finalen Gerichtsverhandlung mit den Geistern der Opfer seines Rachefeldzugs konfrontiert. Dabei kommen diese zu einem vernichtenden Urteil über sein Leben: "Sinnlos".

Eindrucksvolles Bühnenbild und ausgefeilte Beleuchtung

Fernand Dantes bricht vor den sich schließenden Toren des eindrucksvollen Bühnenbildes (Stephanie Breidenstein) zusammen, das, unterstützt durch eine ausgefeilte Beleuchtungstechnik, in seiner Variabilität die Enge des Kerkerdaseins gleichermaßen zum Ausdruck bringt wie die gleißend helle Unendlichkeit, in die sich die Dahinscheidenden im Laufe der Handlung begeben. Jetzt wird es aber dunkel auf der Bühne. Zwar verliert der Graf in diesem Moment seine bis dahin gezeigte völlige Gefühllosigkeit, aber es besteht kaum ein Zweifel, dass auch er die Erfahrung seiner Racheopfer machen wird: "Der Weg zur Hölle ist dunkel".

Weitere Termine : 18. und 25. Juni; 2., 3., 9., 10., 16., 17., 23. und 24. Juli; 13., 14., 20., 21., 27. und 28. August; 3., 4. und 10. September, jeweils 20 Uhr. Eine Fotogalerie von der Premiere des Stücks "Der Graf von Monte Christo" gibt es unter http://www.badische-zeitung.de/fotos