Über allem schwebt die Liebe

Gelungene Premiere der Festspiele

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

Mo, 09. Juni 2014 um 16:14 Uhr

Breisach

Die Premiere des Stücks "Die deutschen Kleinstädter" von August von Kotzebue auf der Freilichtbühne der Breisacher Festspiele ist gelungen. Die Zuschauer wurden gut unterhalten.

Amüsante und unbeschwerte Sommerunterhaltung hat Armin Kuner bei seinem Regiedebüt bei den Festspielen Breisach versprochen. Und dieses Versprechen hat er mit seiner Inszenierung von August von Kotzebues "Die deutschen Kleinstädter" ohne Zweifel gehalten. Kuner hat auf der Breisacher Freilichtbühne den Ort Krähwinkel entstehen lassen, dessen Bewohner dem Ruf Krähwinkels als Musterbeispiel für kleinstädtische, spießbürgerliche Beschränktheit in vollem Umfang gerecht werden.

GROßE GELTUNGSSUCHT
Wie ein roter Faden zieht sich die Titelsucht der Krähwinkler Bürger durch die Handlung. Ganz besonders deutlich wird dies an der Figur der Frau Untersteuereinnehmerin Staar (Alexandra Großklaus geht in dieser Rolle völlig auf), insbesondere als sie die wichtigsten Damen des Orts zum Empfang bittet. Und Frau Oberfloß- und Fischmeisterin Brendel (Jutta Rappl) und Frau Stadtakzisekassaschreiberin Morgenrot (Daniela Frey) lassen sich nicht lange bitten, denn wenn etwas Wichtiges vorgefallen ist, sind die Damen der Krähwinkler Gesellschaft sofort dabei, denn Klatsch und Tratsch sind integraler Bestandteil ihres spießbürgerlichen Lebens.

Dem Trio ältlicher Klatschbasen fällt es demzufolge in ihrer Geltungssucht auch nicht schwer, in dem in Krähwinkel auftauchenden Karl Olmers (Mirco Lambracht) einen König zu sehen, der in Wirklichkeit der aus der Residenzstadt kommende potenzielle Bräutigam von Sabine Staar (Alexandra Laurenat) ist, Enkelin der Untersteuereinehmerin und Tochter des Krähwinkler Bürgermeisters Niklas Staar (Frank Ganz).

SEHNSUCHT NACH TITELN
Auch die durchaus reflektierte Sabine, von Laurenat beeindruckend dargestellt, akzeptiert letztlich die Farcenhaftigkeit der Krähwinkler Titelsucht, wenn sie ihrem geliebten Karl Olmers unmissverständlich klar macht, dass er sie ohne Titel niemals vor den Traualtar führen kann: "Ohne Titel kommen Sie in Krähwinkel nicht fort. Hier wird nicht gefragt, hat er Kenntnisse, Verdienste, sondern wie tituliert man ihn? Kurz, mein schöner Herr, ohne Titel bekommen Sie mich nicht."



SPÖTTISCHE KRITIK
Und das gilt umso mehr, weil Olmers der ihm von den Krähwinkler Bürgern entgegengebrachten übertriebenen und geradezu unterwürfigen Aufmerksamkeit mit spürbarer Distanz begegnet. Die sklavische Beachtung standesgemäßer Verhaltensweisen, die nicht hinterfragte Unterwerfung unter die Obrigkeit, die lächerliche Kultivierung der Titelsucht, das Sprechen in Floskeln, all das ist nicht die Sache von Olmers und provoziert ihn zu spöttischer Kritik, auch wenn er schließlich dann doch in die Vorgaben der Krähwinkler einlenkt.

Letztlich rettet er sogar die überaus fragwürdige Krähwinkler Ordnung. Denn als der Ratsdiener Klaus (Andreas Geyler) den Bürgermeister und seinen Bruder, den Vizeabfalltrennungsvorsteher Andreas Staar (Holger Klingenberg), darüber informiert, dass eine Diebin aus dem Krähwinkler Gefängnis flüchten konnte, lässt dies die Krähwinkler um Amt und Ansehen fürchten.

Das ist der Moment, in dem Olmers zusichert, seinen Einfluss zu Gunsten der Krähwinkler im Ministerium geltend zu machen, was ihn, zusammen mit seiner Eröffnung, er besitze auch einen Titel, auf einmal zum allseits akzeptierten Bräutigam Sabines macht. Und hier wird dann deutlich, dass sich die Geschichte im Kern auch um die Liebe dreht, die ja, so Regisseur Kuner, ohnehin über allem schwebt.

MODERNES FRAUENBILD
Dabei manifestiert sich bei der Braut ein für das Jahr 1802, in dem Kotzebues Werk erschienen ist, erstaunlich modernes Frauenbild. Sie treibt die Handlung weitgehend selber voran und setzt sich gegen die Versuche ihres Vaters durch, sie mit dem recht schrulligen Bau-, Berg- und Weginspektorsubstitut Sperling (Benjamin Kromer) zu verheiraten. Sie zeigt sich aber auch im Umgang mit ihrem zukünftigen Gatten Olmers sehr selbstbewusst und gibt ihm genaue Anweisungen, mit denen sich dieser bei den Krähwinkler Bürgern beliebt machen soll.



EIN MOPS SPENDET TROST
Auch bei der Einschätzung der Huldigungen ihres Geliebten zeigt sie durchaus einen gesunden Realismus ("Liebhaber und Lerchen singen nur im Frühling und man muss noch froh sein, wenn sie im Herbst nicht gar davon ziehn"), ohne dass ihre aufrichtige Liebe zu Olmers dabei jemals in Frage gestellt wird.

Zusammenzucken lässt den Zuschauer allerdings ihr Umgang mit dem ihr eigentlich zugedachten Sperling, diesem naiven, lebensfernen, der Poesie ergebenen und leicht chaotischen Menschen, der aber "seiner" Sabine doch eine tiefe Zuneigung entgegenzubringen scheint. Benjamin Kromer versteht es gekonnt, diese naive und doch durchaus in keinster Weise flache Figur auszugestalten. Wenn Sabine nun ausgerechnet von ihm ein Hochzeitsgedicht zu ihrer Vermählung mit Olmers einfordert, dann macht sich doch beim Publikum auch die Erkenntnis breit, wie grausam die Liebe sein kann. Nicht umsonst gehören die letzten Worte des Stücks Sperling, dem, von allen verlassen, nur sein Mops als Gesprächspartner bleibt.

Am Schluss erhielten die Akteure auf der Freilichtbühne des Münsterbergs für ihre Leistung vom begeisterten Publikum lang anhaltenden Applaus.

Ein Fotoalbum zum neuen Abendstück der Breisacher Festspiele gibt es unter http://www.badische-zeitung.de

Weitere Spieltermine

Juni: 14./21./28.

Juli: 5./6./ 12./13./19./20./26./27.

August: 16./17./23./24./30./31.

September: 6.

Beginn: jeweils um 20 Uhr auf der Freilichtbühne auf dem Münsterberg

Vorverkauf: Breisach Touristik, BZ-Geschäftsstellen, http://www.festspiele-breisach.de www.reservix.de, Tickethotline 01805/700733

Preise: 11 bis 15 Euro