Ein Blick in den menschlichen Abgrund

Gelungene Premiere von Shakespeares "König Lear" bei den Festspielen

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

Mo, 10. Juni 2013 um 14:38 Uhr

Breisach

Bei der Aufführung des wohl dunkelsten aller Shakespearedramen gab es auf der Breisacher Festspielbühne beeindruckende schauspielerische Leistungen zu sehen.

BREISACH. Shakespeares "König Lear" sei, so der Shakespeareforscher Jan Kott, "wie ein riesiger Berg, der zwar von allen bewundert, seltener aber bestiegen wird". Dass die Mitglieder der Breisacher Festspielgemeinschaft unter der Regie von Jesse Coston in dieser Saison diese Mühen auf sich genommen haben und dass die "Besteigung" des wohl dunkelsten aller Shakespearedramen vor allem auch auf Grund der beeindruckenden schauspielerischen Leistungen der Akteure auf der Bühne als durchaus gelungen zu bezeichnen ist, verdient große Anerkennung und Respekt.

Einen äußerst nachhaltigen Eindruck hinterließ bei der Premiere am Samstagabend auf der Festspielbühne auf dem Münsterberg Frank Ganz als König Lear. Er will vor der Zeit abdanken, sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen und stellt dazu zu Beginn des Dramas die Liebe seiner Töchter auf die Probe. In diesem Anfang steckt schon das Ende, die ganze Katastrophe.

Lear ist unfähig, die Liebe seiner jüngsten Tochter Cordelia (Mildred Kramer) zu erkennen, er verstößt mit ihr ausgerechnet die Person, die ihn wahrhaft liebt, und trifft damit die Fehlentscheidung seines Lebens. Dass er sie dabei demütigt, sie als wertlose Ware auf dem Heiratsmarkt anbietet, macht es schwer, im weiteren Verlauf der Handlung mit dem in den Wahnsinn abgleitenden König Mitleid zu empfinden.

Selbstsüchtig und grausam

Ganz davon zu schweigen, dass man von einem schuldlos Schuldigwerden sprechen könnte, denn auch mit seinem ihm treu ergebenen Berater Herzog von Kent (Holger Czerwinski-Klingenberg) geht Lear maßlos und unmenschlich um. Einen Zugang zu ihm findet letztendlich nur der Narr (Lukas Laurenat), der, hinter einer Puppe versteckt, dem König auch die unangenehmen Wahrheiten sagen kann.

Frank Ganz gibt den König äußerst facettenreich: eitel, machtverliebt, selbstsüchtig, grausam. Dann aber auch wieder anrührend, ein Häufchen Elend am Schluss, als er über seiner toten, zu Unrecht von ihm verdammten Tochter leblos zusammenbricht.

Wie kein anderes Körperteil können die Augen sprechen und die Kraft des menschlichen Blicks ist sprichwörtlich: "Wenn Blicke töten könnten." Den bösen Blick in Perfektion beherrschen die beiden älteren Töchter Lears, Goneril und Regan (Alexandra Laurenat und Simone Engist). Intrigant, bösartig, eitel, eiskalt kalkulierend, auch von unglaublicher Grausamkeit, ein beeindruckendes Spiel mit allen erdenklichen negativen Charaktereigenschaften. Schamlos setzen sie ihre körperlichen Reize ein, um die Männer für ihre dunklen Pläne zu instrumentalisieren.

Lears Geschichte spiegelt sich in der Person der Gräfin von Gloucester (Alexandra Großklaus). Sie vertraut Edmund (Florian Weiß), dem unehelichen Sohn ihres Mannes, der in seinem Machthunger und seinem intriganten Verhalten den Töchtern Lears in nichts nachsteht, und verstößt den ihr wohlgesonnenen Edgar (Gustav Kortenhaus).

Die Gräfin fällt tief und wird geblendet. Edmund gilt in der Literaturwissenschaft als die wohl dunkelste Schurkengestalt Shakespeares und Florian Weiß versteht es gekonnt, mit seinem durchtriebenen Spiel dieser Vorstellung Rechnung zu tragen.

Trotzdem ist der Zuschauer versucht, auch für ihn ein Stück Verständnis aufzubringen. Gleich zu Beginn wird man Zeuge, wie die Gräfin von Gloucester sich abschätzig über den unehelichen Sohn ihres Mannes auslässt. Edmund steht schweigend, aber bei weitem nicht unbeteiligt daneben, er leidet sichtbar und damit wird sein Verhalten als Schurke sicherlich mitbegründet und zu einem gewissen Teil nachvollziehbar.

Das Geschehen endet im Chaos

Das spartanische Bühnenbild (Stephanie Breidenstein) passt schlüssig zur Trostlosigkeit und der Zwangsläufigkeit, mit der das Geschehen ins Chaos treibt. In einem der Texte, der von Sascha Bendiks für die Aufführung komponierten Lieder, heißt es: "Hier ist alles trostlos, dunkel, tödlich" und damit ist im Prinzip genau beschrieben, was das Ende von Shakespeares Drama zu den "schreckenerregendsten fünf Minuten der Weltliteratur" gemacht hat. Die Welt ist aus den Fugen geraten, es bleibt nur noch die Ausweglosigkeit. Gesetz, Moral, Logik und Vernunft haben schon lange ausgedient. An ihre Stelle treten Gewalt, Chaos, Wahnsinn und Zerfall. Niemand kommt ungeschoren davon und am Ende sind fast alle tot.

Das Publikum wird ohne irgendeinen Trost, eine denkbare Utopie entlassen. Was angesichts des Geschehens auf der Bühne bleibt, ist wohl nur die Erkenntnis: "Vieles ist ungeheuer, nichts ungeheurer als der Mensch." Wie das treue Stammpublikum der Breisacher Festspiele diesen dunklen Stoff aufnimmt, wird spannend zu beobachten sein.

Ein Fotoalbum zum Stück "König Lear" gibt es im Internet unter http://www.badische-zeitung.de

Weitere Spieltermine

"König Lear"

Weitere Aufführungen: 15., 22. und 29. Juni, 6., 7., 13., 14., 20. und 21. Juli, 10., 11., 17., 18., 24., 25. und 31. August sowie 1. und 7. September; Beginn ist jeweils um 20 Uhr.