Hier erfüllt sich ein Theatertraum

Frank Kreutner

Von Frank Kreutner

Di, 22. Juni 2010

Breisach

Premiere bei den Breisacher Festspielen: Peter W. Herrmanns zeigt Andersens "Kleine Meerjungfrau", wie sie noch nie zu sehen war.

"Träume gehen selten in Erfüllung" sagt die kleine Meerjungfrau Seraphine, als es zum Schluss der Premiere des Jungen Theaters der Festspiele Breisach darum geht, Abschied von ihrem Traumprinzen zu nehmen und in ihre Unterwasserwelt zurückzukehren. Ein wirklicher Theatertraum erfüllt sich aber ohne Zweifel für diejenigen, die sich in den kommenden Wochen auf den Münsterberg begeben, um dort die Bühnenfassung des bekannten Märchens "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen zu erleben.

Verantwortlich für die außergewöhnlich gelungene Inszenierung ist Peter W. Herrmanns, Autor der Bühnenfassung, Regisseur und in diesem Spieljahr auch zuständig für die Kostüme. Und es ist durchaus gerechtfertigt, den Blick auf die Inszenierung gerade mit diesen Kostümen zu beginnen. Denn was in diesem Bereich an Ideen auf die Bühne des Schlossbergs gezaubert wird, ist mehr als beeindruckend und verdient höchstes Lob, natürlich nicht zuletzt für das Team der Nähstube, das die vielfältigen Ideen in großartiger Manier umgesetzt hat. Jedes der über 70 Kostüme, in das die Mitwirkenden schlüpfen, ist geprägt von liebevollen Details und einem Gespür dafür, den Charakter einer Figur durch die Kostüme zu unterstreichen.

Für die Musik, Lieder und Liedtexte ist Sascha Bendiks verantwortlich, und seine Songs haben echten Hitcharakter ("Sie ist so böse", "Nach oben, nach oben", "Mach dich locker, lass die Flossen hängen"). Aber auch die instrumentale Begleitung fügt sich stimmig in das Geschehen ein. Schon wenige Töne unterstreichen beispielsweise, dass die Szenerie von der Welt der Menschen zur Welt des Meeres wechselt und unterstützen damit die von Stephanie Breidenstein geschickt gestaltete Zweiteilung des Bühnenbildes, die schlüssig mit den zwei Handlungsebenen korrespondiert. Dazu gelingt es mit einfachsten Mitteln, aus den Mauern des Pfarrhauses aus dem Abendstück die bunte Welt eines Korallenriffs entstehen zu lassen. Auch die choreografische Gestaltung (Simone Engist) besticht durch Einfallsreichtum und trägt zur beeindruckenden Inszenierung bei.

Aber natürlich können Bühnenbild, Kostüme, Musik und Choreografie nur den Rahmen bilden, den die Akteure auf der Bühne mit ihrem Spiel ausfüllen müssen. Und auch das gelingt bei dieser Inszenierung in besonderem Maße, zumal es der Regie hervorragend gelingt, den großen und kleineren Rollen gleichermaßen ihre ganz eigene Bedeutung zu geben. So begleiten so viele liebevoll gezeichnete Figuren den Weg der kleinen Meerjungfrau Seraphine (Jana Roos), die sich auf die Suche nach ihrer großen Liebe Prinz Philipp (Samara Binz) begibt. Besonders unterstützt wird sie dabei vom stummen Pinguin Ingo (Alina Bürgin) und dem Kofferfisch Samson (Angela Libal), aber auch von zahlreichen anderen Meeresbewohnern, denn es gilt ja auch, sich gegen die fast schon sadistisch gezeichneten Meerhexen Melusine (Hannelore Stubert) und ihre Tochter Galene (Michaela Fritz) durchzusetzen, die dazu noch vom diabolischen Hummer Hugo (Elke Bürgin) und einer bravurös inszenierten Gruppe von Haien unterstützt wird. Aber man hat ja auch gute Freunde, etwa die Gruppe der Seesterne oder die emsigen Putzerfische, die auf ihre spezielle Art und Weise sogar den weißen Hai und eine Riesenkrake in ihre Schranken weisen und deren Auftritte zu den Höhepunkten der Inszenierung zählen.

Viel Mühe hat Peter W. Hermanns, der bereits zum sechsten Mal in Folge für die Aufführung des Jungen Theaters verantwortlich ist, sich auch wieder bei der liebevollen Verarbeitung seiner bunten Regieeinfälle gemacht. Das fängt an mit den sprechenden Namen der Akteure (die beiden Clownfische heißen beispielsweise Charlie und Rivel), setzt sich fort mit der Verwendung von Zitaten aus der Filmgeschichte ("Schau mir in die Augen, Kleiner!"), einem als "running gag" konzipierten Einsiedlerkrebs namens Bruder Eddie bis hin zur ganz eigenständigen Gestaltung des Endes des Märchens. Hermanns findet dabei einen Weg, der zwischen dem doch sehr traurig-anrührenden Märchenschluss von Andersen und dem Happy-End der Comic-Fassung vermittelt. Der Prinz erkennt im Unterschied zum Originalmärchen zwar, dass Seraphine seine Retterin ist, zueinander kommen können die beiden aber doch nicht, weil "Träume eben selten in Erfüllung gehen". Und so endet der glanzvolle Theaternachmittag mit einer gehörigen Portion Melancholie und Entsagung – und das ist gut so. Es rundet den hervorragenden Gesamteindruck der Inszenierung, bei der man ansonsten so viel und so herzhaft lachen kann, schlüssig ab.

Weitere Termine: 4., 11., 18. und 25. Juli, 22. und 29. August, 5. und 12. September, jeweils 15 Uhr. Kartenservice unter http://www.festspiele-breisach.de