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21. April 2017 17:50 Uhr

Trennung mit bitterem Nachgeschmack

Karatesportler kritisieren Vorstand des Turnvereins

Nach 40 Jahren hat der Turnverein Breisach 1877 (TVB) Ende Januar seine Karateabteilung aufgelöst. Das Ende der Sektion mit zuletzt 48 Mitgliedern geschah alles andere als einvernehmlich und führte bei der Mitgliederversammlung im November 2016 zu einem heftigen Streit (die BZ berichtete). Der geschäftsführende Vorstand des größten Breisacher Vereins hat das Kapitel inzwischen abgehakt. Die Kampfsportler werfen dem Vorstand mangelnde Gesprächsbereitschaft und Transparenz vor. Sie fühlen sich zu unrecht ausgeschlossen.

  1. 2004 war die Welt für die Karatesportler im Turnverein Breisach noch in Ordnung: Damals war sogar der italienische Spitzentrainer Carlo Fugazza für einen Lehrgang in der Münsterstadt zu Gast. Foto: Archiv:Privat

BREISACH."Ob Karate im TVB eine Zukunft hat, darüber haben wir lange diskutiert und schließlich entschieden, die Abteilung aufzulösen", sagt Freddo Dewaldt, der stellvertretende Vereinsvorsitzende. Man habe die Kooperation mit dem ASV Niederrimsingen gesucht, bei dem die Kampfsportler vom Turnverein unterkommen konnten. Gesprächsangebote, die der Vorstand der eigenen Karateabteilung im Vorfeld dieses Beschlusses unterbreitet habe, seien nicht akzeptiert worden.



Betroffene vermissen Einbindung
Ganz anders wahrgenommen hat dies Ulrike Bühler, die langjährige frühere Abteilungs- und Übungsleiterin der TVB-Karateka. "Unser Ausschluss wurde vom Vorstand über unsere Köpfe hinweg entschieden, als Betroffene waren wir gar nicht eingebunden", lautet ihr Vorwurf an die Vereinsführung. Diese Einbindung war auch nicht notwendig, findet Freddo Dewaldt und verweist auf die Vereinssatzung. Sie bestimmt, dass allein der geschäftsführende Vorstand über Auflösung oder Neugründung von Vereinsabteilungen entscheiden muss.

Nach dem Aus für die Karatesektion löste das Gremium zum Jahresende 2016 Ulrike Bühlers Vertrag als Übungsleiterin auf, vier Wochen darauf wurde den 48 Mitgliedern gekündigt und die Abteilung dichtgemacht.

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Vorstand sieht fehlende Nachfrage
"Für einen großen Sportverein mit über 1100 Mitgliedern ist das kein ungewöhnliches Vorgehen", so Dewaldt. Und Vorstandsfrau Xenia Abele fügt hinzu: "Geräteturnen für Mädchen, Basketball und Trampolin, diese Abteilungen mussten wir alle in den letzten Jahren schließen, weil die Zahl der Aktiven zu gering war oder Übungsleiter fehlten." Der TVB eröffnete dafür neue Abteilungen, beispielsweise Reha-Sport, ästhetischer Tanz, Rudern und zuletzt Schach. Demnächst werde eine Rhönradabteilung gegründet.

Die Politik des Turnvereins müsse sich an der Nachfrage orientieren, ergänzt Abeles Vorstandskollege Stefan Schnebelt. Eine Kampfsportdisziplin wie Karate aber gilt als attraktive und gefragte Sportart. Schwer vorstellbar, dass sich beim TVB das Interesse dafür extrem verringert haben sollte. Im Verein gebe es einige Abteilungen mit viel weniger Mitgliedern als bei den Karateka, sagt die abgesetzte Abteilungsleiterin Ulrike Bühler auf BZ-Nachfrage.



Wurde Koronarsport vorgezogen?
Einen Grund für den Rausschmiss der Karatesportler vermutet sie darin, dass die Hallennutzungszeiten vom Vereinsvorstand stärker für Aktivitäten der Koronarsportgruppe bereitgestellt werden sollten, weil der Verein so höhere Zuschüsse erwirtschaften könne.

Ein Vorwurf, den Freddo Dewaldt nicht stehen lassen will. Der Ausbau der Koronarsportgruppe habe mit der sich verändernden Altersstruktur der Mitglieder zu tun. Die Zahl älterer Mitglieder nehme rapide zu, entsprechend wachse der Bedarf für den Koronarsport und andere seniorentaugliche Angebote. Schwerpunktmäßig sehe sich der TVB nämlich als ein Sportverein für Jugendliche und Senioren, erklärt der stellvertretende Vorsitzende.

Kritik am Führungsstil
Im Turnverein habe es schon länger gegärt und zwischen Vereinsführung und einzelnen Sportabteilungen habe es verschiedene Kontroversen gegeben. Häufigster Kritikpunkt sei dabei der unkooperative Führungsstil des Vorstands gewesen, sagt Ulrike Bühler. Viele Mitglieder hätten von diesen Auseinandersetzungen erst in der Hauptversammlung Ende November vergangenen Jahres etwas mitbekommen.

Dort sollte Bühler als Chefin der Karatesektion für ihre langjährigen Verdienste für den Verein geehrt werden. Aus Protest gegen das ihrer Auffassung nach autoritäre Vorgehen des Vorstands verweigerte sie die Annahme der Auszeichnung. "Wenig später stellte sich heraus, dass da die Kündigung an mich schon unterwegs war", so Bühler.

In Stilfragen bewies die TVB-Spitze danach nochmals eine wenig glückliche Hand. Anfang Januar verwehrten Vorstandsmitglieder jugendlichen Karatesportlern der inzwischen aufgelösten Abteilung den Zutritt in die Breisgauhalle. Dort wollten diese trainieren und legten eine E-Mail des Bürgermeisters vor, in der Oliver Rein darum bat, man möge ihnen die Halle zur Verfügung stellen. Die anwesenden TVB-Vorstandsmitglieder riefen daraufhin die Polizei. Nachdem diese erschien, verließen die Karateka die Sporthalle.

"Leider ein großes Missverständnis", räumt Stefan Schnebelt ein. Sofort danach habe man sich dafür entschuldigt. Sein Vorstandskollege Freddo Dewaldt findet es allerdings "sehr befremdlich, dass Frau Bühler sich ohne unsere Kenntnis in Sachen Hallenbelegung an den Bürgermeister gewandt hat".

Man durfte die Jugendlichen dort keinesfalls trainieren lassen, da die Karateabteilung zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr existierte. Damit war auch der Versicherungsschutz für die Akteure erloschen.

Sportfest ist abgesagt
Dass der Turnverein Breisach durch die Querelen einen Imageschaden erlitten hat, glauben die Vorstandsmitglieder nicht. Die Mitgliederentwicklung sei davon unbeeinflusst geblieben. Die Lust am Feiern scheint dem TVB allerdings erst einmal vergangen zu sein. Ein geplantes Jubiläums-Sportfest zum 140. Geburtstag im Sommer wurde inzwischen abgesagt.

Einige der ehemaligen Karatesportler des Breisacher Turnvereins haben sich inzwischen dem ASV Niederrimsingen angeschlossen. Andere, wie Ulrike Bühler, haben ihren Sport, den sie jahrzehntelang ausgeübt und für den sie sich ehrenamtlich engagiert hatten, an den Nagel gehängt.

Autor: Kai Kricheldorff