Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

25. Juli 2015

Malerische Tatorte

Der Künstler Wolfram Scheffel zeigt im Radbrunnen auf dem Breisacher Münsterberg seine Werke.

  1. „Hafen von Nizza“ heißt dieses Bild von Wolfram Scheffel. Foto: privat

BREISACH. "Über allen Gipfeln ist Ruh', in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur! Balde ruhest du auch." So dichtete Johann Wolfgang von Goethe im September 1780 nach einem Besuch auf dem Kickelhahn im Thüringer Wald. Die im Breisacher Radbrunnen ausgestellten Bilder von Wolfram Scheffel sind zwar im Schwarzwald und südlichen Gefilden beheimatet, dafür scheint ihnen eine ähnlich trügerische Stimmung innezuwohnen.

Gleißendes Sonnenlicht, blauer oder gelber Himmel, kontrastreiche Kern- oder Schlagschatten, in sich selbst ruhende Bildmotive. Ein Ambiente, das der Filmemacher David Lynch meisterhaft beherrschte. Auch bei ihm ist das prägende Motiv die Oberfläche, die ein Verbrechen verbirgt, ein Geheimnis, ein nicht gelöstes Rätsel.

Bei Wolfram Scheffel verbirgt sie, ja was eigentlich? Das bleibt eine unbeantwortete Frage, denn immer wieder bleibt der Blick an der jeweiligen Szenerie hängen. Schweift über Baumalleen, Schneelandschaften, herausgelöste Gebäudeansichten, als könnten die akkurat gebauten Landschaften kein Wässerchen trüben.

Werbung


Und doch. Da sind die Kontraste, die Schatten, das absichtsvoll dick aufgetragene Licht, die morbide erscheinende Perfektion, die beunruhigen. Es ist der Blick eines Künstlers, der zwar etwas im Augenblick erhascht hat, doch danach sofort zur Bildidee schreitet und dieser auch das Motiv unterordnet. Die Landschaft steht kunstwissenschaftlich gesehen am Beginn der neuzeitlichen Malerei im ausgehenden Mittelalter und in der Renaissance. Nur ging die Blickrichtung vor allem in der Renaissance von drinnen nach draußen, aus dem Fenster einer Burg in die weite Landschaft der Toscana. Wolfram Scheffel geht in einer der ausgestellten Arbeiten genau umgekehrt vor. "Casa Blanca" heißt das mittelformatige Gemälde von 2008. Man späht durch ein kleines Fenster in einer gleißend weißen Hausmauer.

Und ja die Schatten. Manchmal fragt sich der Betrachter, ob die immer so richtig stimmen, zumal das schattenwerfende Objekt oft nicht oder nur in Anrissen zu sehen ist. Vieles ist nur unvollständig abgebildet, als wäre das Abwesende das eigentliche Motiv.

Als hätte jemand mit der Kamera willkürlich auf eine Häuserzeile, eine Strandszenerie, einen Schwarzwaldhügel draufgehalten und zwei Drittel weggeschnitten, kupiert sozusagen. Wie den Schwanz eines Hundes. Irgendetwas scheint immer zu fehlen und das verursacht beim Betrachter einen kleinen Stich, einen kleinen Schmerz, den er nicht so richtig zu verorten weiß.

Darin besteht noch mehr als in den mit Spachtel aufgetragenen Malflächen (kein Pinselduktus, kein Pinselstrich stört die flächige Harmonie) und den starken Kontrasten die Dramaturgie in den Bildern von Wolfram Scheffel, der immer wieder neue Variationen seiner Bildideen findet. Es scheint, als wäre nun nach dem Ausloten der formalen Bildelemente ein psychologisches Element dazu gekommen, das die Lesart verändert. Ein psychologisches Element der Wahrnehmung lag schon immer über den Bildern von Wolfram Scheffel, schon seit den 1990er Jahren. Doch nun scheint sich etwas breitzumachen, das den Betrachter nicht nur wahrnehmungspsychologisch oder formal künstlerisch, sondern sozusagen ganz persönlich fordert, da nicht nur das Auge, sondern auch das Gemüt unruhig wird. Auf irgendeine Weise kann das Auge nicht glauben, was es da sieht, weil es nicht verweilen kann. Es kann nicht verweilen, obwohl es so schön ist.

Ruhig werden die Bilder nur im Ensemble, in ihrem eigenen Bilderreich; als würden sie sich in allererster Linie nur auf sich selbst beziehen. Und da tut die Räumlichkeit im Breisacher Radbrunnen ihr Übriges.

Hier scheinen sie aufgehoben, vielleicht weil die historische Stätte ihre eigene ganz multiple (als Gerichtsstätte mit Folterkammer sogar unheimliche) Geschichte hat, die diese ähnlich verbirgt wie die Bilder Wolfram Scheffels.

Nach Wilhelm Morat hat der Kunstkreis Radbrunnen eine weitere hochwertige Ausstellung im Programm 2015. Schön, dass der traditionsreiche Ausstellungsort zeigt, wozu er in der Lage ist.

Öffnungszeiten: Die Ausstellung von Wolfram Scheffel im Breisacher Radbrunnen ist noch bis Sonntag, 9. August, jeweils freitags von 14 bis 18 sowie samstags und sonntags von 11.30 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

Autor: Paul Klock