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30. Oktober 2010

"Vater hat mir zweimal das Leben geschenkt"

Amira Gezow und Inge Auerbacher, zwei Überlebende des Holocaust, erzählten vor Breisacher Schülern von ihren Erlebnissen während des Naziterrors.

  1. Foto: Kai Kricheldorff

  2. Foto: Kai Kricheldorff

BREISACH. Konzentrierte Stille und gebanntes Zuhören über einen Zeitraum von 100 Minuten dürften wohl eher eine Ausnahme sein, wenn 160 Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen versammelt sind. Als die 81-jährige Amira Gezow vor dem Auditorium der Hugo-Höfler-Realschule aus ihrem Leben erzählte, aber war es so still, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Das traumatische Schicksal der Israelin mit deutschen Wurzeln ergriff die jugendlichen Zuhörer.

Im Alter von 11 Jahren wurde das jüdische Mädchen im Oktober 1940 mit ihren Eltern von den Nationalsozialisten aus ihrer Heimatstadt Mannheim ins Internierungslager Gurs nach Frankreich verschleppt. Die Eltern ermordeten die Nazis später im Konzentrationslager. Amira Gezow überlebte das Grauen mit viel Glück, vor allem aber mit Hilfe von Franzosen, die sie versteckten und ihr zur Ausreise in die Schweiz verhalfen.

"Es gab immer gute Menschen", kommentierte Amira Gezow ihr Überleben während der Internierung in Frankreich. Sachlich berichtete sie von den fürchterlichen Bedingungen, die ihre Familie im Lager Gurs vorfanden, in das sie mit 6000 weiteren Juden aus Baden im Herbst 1940 transportiert worden war. Aus Schlamm und Sumpf bestand der Boden des riesigen Barackenlagers. 6 Personen mussten sich einen Laib Brot teilen. Nur eine dünne Rübensuppe ergänzte die Tagesration.

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Hunger, Frischwassermangel, Ungeziefer und katastrophale sanitäre Verhältnisse waren Ursachen dafür, dass sehr viele der inhaftierten Juden starben. Die meisten anderen wurden von den Nazis in Güterwagen nach Auschwitz transportiert und dort in den Gaskammern ermordet.

Als die Familie von Amira Gezow in einen Waggon zum Abtransport getrieben wurde, entrissen Mitarbeiter vom Roten Kreuz den Eltern ihre Kinder. "Ich weigerte mich, mit ihnen zu gehen, aber mein Vater stieß mich aus dem Güterwagen mit den Worten: ’Wo wir hinfahren, gibt es nichts zu essen, keine Schule und die Bedingungen sind dort noch schlechter als in Gurs‘", erzählte Amira Gezow. "Das war der Moment, wo ich meine Eltern verlor. Mein Vater hatte mir zum zweiten Mal das Leben geschenkt".

Mit Hilfe von Angehörigen der französischen Resistance gelang es dem damals 13-jährigen Mädchen in die Schweiz zu kommen, von wo aus sie im Sommer 1945 nach Palästina ausreisen konnte. Amira Gezow kam dort in einen Kibbuz und gründete eine Familie, zu der jetzt neben Kindern und Enkeln auch 7 Urenkel gehören.

Die Eltern von Amira Gezow wurden in Auschwitz ermordet

"Heute", sagt die 81-jährige Jüdin, "bin ich versöhnt. Das Leben kann alles überstehen." Vor 20 Jahren reiste sie erstmals in ihrer einstige Heimatstadt Mannheim, die Überlebende des Holocausts eingeladen hatte. Auf Anraten ihrer Kinder schrieb sie ihre traumatischen Kindheitserlebnisse während der Zeit des Naziterrors auf. Häufig berichtet sie von ihren Erlebnissen in Schulklassen. Zur 70-jährigen Wiederkehr des Transports der badischen Juden nach Gurs, nahm sie letzte Woche an den Gedenkfeierlichkeiten dort teil.

Auf Grund einer persönlichen Bekanntschaft mit Geschichtslehrerin Elke Bach von der Hugo-Höfler-Realschule war Amira Gezow in Begleitung ihres Sohnes Nimrod und Schwiegertochter Zvia nach Breisach gekommen, um den Schülern von ihrem Schicksal zu berichten. Langanhaltender Beifall belegte die nachdrückliche Wirkung der Schilderungen der Zeitzeugin, die am Ende auch einige Fragen der Schüler beantwortete. Schulsprecher Marcel Armbruster verabschiedete sie mit Dankesworten und einem großen Blumenstrauß.

Die 75-jährige Inge Auerbacher aus New York sprach tags darauf auf Einladung des Fördervereins Blaues Haus im Gemeindezentrum St. Hildegard vor 8- bis 10-jährigen Jungen und Mädchen des katholischen Kinderkirchenchors. Einfühlsam erzählte sie von ihrer Kindheit in Kippenheim und später in Stuttgart. Als 7-Jährige wurde das jüdische Mädchen mit ihren Eltern von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Bei Kriegsende von der sowjetischen Armee aus dem Lager befreit, wanderte die Familie nach New York aus.

Inge Auerbacher wurde Chemikerin und hat in den vergangenen Jahren mehrere Bücher über ihre Kindheitserlebnisse in Nazideutschland und im Konzentrationslager veröffentlicht. Ihr bekanntestes Buch, "Der gelbe Stern", ist auch in deutscher Sprache erschienen.

Ihre traumatischen Erlebnisse im Lager erzählte Inge Auerbacher in einer Weise, die sie dem kindlichen Publikum verständlich machen sollten. Anhand der Fragen, die die Kinder nach dem Vortrag stellten, wurde aber doch deutlich, dass Vorkenntnisse und inhaltliches Verstehen der damaligen Zeit in dieser jungen Altersgruppe noch etwas begrenzt waren.

Autor: Kai Kricheldorff