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12. Juli 2013

"Winzerinnen haben mehr Fingerspitzengefühl"

Franziska Schätzle kehrt aus Rheinhessen nach Baden zurück, um gemeinsam mit den Eltern das Weingut in Schelingen zu leiten.

  1. Winzerin mit Leib und Seele: Franziska Schätzle aus Schelingen Foto: daniel schoenen

VOGTSBURG-SCHELINGEN. "Wenn sich Badener außerhalb der Landesgrenzen treffen, ist immer gleich ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl da", sagt Franziska Schätzle. Die 28-jährige Diplomingenieurin für Weinbau und Önologie muss es wissen. Denn vor einigen Jahren zog es sie vom heimatlichen Weingut in Schelingen hinaus in die weite Welt. In Spanien, Frankreich und Neuseeland sammelte sie wertvolle berufliche Erfahrungen, bevor es sie der Liebe wegen nach Rheinhessen ins Weingut Schnell-Aisenbrey zog, das von ihrem Mann Christian Schnell und dessen Eltern bewirtschaftet wird.



ERFAHRUNGEN IM AUSLAND
Doch dieser erneute "Auslandsaufenthalt" geht in wenigen Monaten zu Ende. Denn Franziska Schätzle, die bereits im Mai dieses Jahres offiziell ins elterliche Weingut Gregor und Thomas Schätzle eingestiegen ist, wird im Herbst gemeinsam mit ihrer einjährigen Tochter Katharina ins Elternhaus ziehen, in dem dann vier Generationen wohnen. Ihr Mann wird noch einige Zeit zwischen Rheinhessen und dem Kaiserstuhl pendeln. "Ich freue mich, wieder nach Baden zu kommen", sagt die junge Mutter, "immer, wenn ich von der Autobahn komme und über die Schelinger Höhe nach Hause fahre, spüre ich meine Wurzeln und ein Gefühl von Heimat", füg

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t sie hinzu.

Dass Franziska Schätzle in den elterlichen Betrieb einsteigt, wird nicht nur von Vater Thomas, Mutter Friederike, Opa Gregor und Oma Lore begrüßt. Auch die Freunde des Kaiserstühler Weines dürfen sich freuen, denn es kommt eine ausgewiesene Fachfrau zurück nach Baden. Ihr großes Wissen hat sie unter anderem 2009 unter Beweis gestellt, als sie von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zur "Jungwinzerin des Jahres" gekürt wurde. Alle männlichen Konkurrenten hatte sie dabei hinter sich gelassen.

GUTER DRAHT ZUM VATER

Zweifelsohne gibt es am Kaiserstuhl und in ganz Baden viele Winzerinnen, ohne die der Betrieb nicht funktionieren würde. Meist stehen sie jedoch im Hintergrund, während das Weingut, die Winzergenossenschaft oder die Weinkellerei von einem Mann geführt wird. Beim Weingut Schätzle in Schelingen wird dies mittelfristig anders sein. Zunächst wird der Betrieb noch gemeinsam von Franziskas Eltern und ihr geleitet, doch irgendwann wird sie die alleinige Verantwortung tragen. Und dies ist auch im Sinne ihres Vaters Thomas, der sich schon heute darüber freut, dass sich eine seiner drei Töchter für diesen Weg entschieden hat.

Generationskonflikte? Franziska Schätzle hat keine Angst davor. "Sicherlich sind wir nicht in allem einer Meinung, wir können aber gut über Probleme reden und einen gemeinsamen Weg finden", ist sie überzeugt. Zumal sie sich ohne Scheu als Familienmensch outet. So habe sie es zum Beispiel schon als kleines Kind genossen, bei Weinproben von Opa Gregor dabei zu sein. "Manchmal durfte ich meinen Finger in sein Weinglas tunken und ihn danach abschlecken. Besonders die süßen Eisweine waren lecker", erzählt sie heute lachend.

MUSIKALISCHE FAMILIE
In ihrem Elternhaus sei immer etwas los gewesen. Neben der Arbeit wurde gemeinsam viel gelacht und vor allem musiziert. "Wir bekommen als Familie ein kleines Orchester zusammen", sagt Franziska Schätzle, die selbst recht gut Klarinette spielt und in ihrer Freizeit gerne für Marathonläufe trainiert.

Sich selbst bezeichnet die Badenerin als offen, lebensfroh, begeisterungsfähig und extrem zielstrebig. "Wenn ich etwas unbedingt will, kann ich schon einen gewissen Biss entwickeln", verrät sie. Dennoch sei sie eher der diplomatische Typ, der versuche, alle mit ins Boot zu holen, und der sich über Rückhalt in der Familie und im Freundeskreis sehr freue. Kraft schöpfe sie auch aus ihren badischen Wurzeln, "heimzukommen, ist ein super Gefühl".

LEIDENSCHAFT BURGUND
Und ihre Schwächen? "Vielleicht bin ich manchmal etwas unnachgiebig und nehme Kritik zu persönlich." Auf die Palme bringen sie Dinge, die eigentlich klar seien, aber zum zehnten Mal diskutiert würden. Mit ihrem Vater teilt die junge Weinfachfrau die Leidenschaft für Burgund und die Burgunderweine. Bei der Weinstilistik seien sie sich recht ähnlich. Sie selbst bevorzuge elegante und filigrane Weine, "die nicht zu laut sind und einfach Spaß beim Trinken machen". Im Vordergrund müsse nicht immer die Frucht stehen, vielmehr sei es wichtig, dass der Gaumen den Wein möglichst lange spüre und es auch beim zweiten oder dritten Schluck noch etwas Neues zu entdecken gebe. Außerdem liebt sie eine gewisse Mineralität und Salzigkeit in Verbindung mit einer lebendigen Säure. Dabei sei es ein Vorteil, dass die Weinberge in Schelingen zwischen 320 und 400 Meter hoch liegen und die Ernte in der Regel 14 Tage später als in anderen Kaiserstuhlorten beginne. Schließlich müsse der Wein auch noch ein guter Begleiter zu einem feinen Essen sein.

FRAUEN SCHMECKEN BESSER
Wie die Weine des Schelinger Weingutes ausgebaut werden, wird bereits seit einigen Jahren im Teamwork zwischen Vater und Tochter entschieden. Im Keller, wo die junge Winzerin eher die kleinen Barriquefässer als die großen Edelstahltanks mag, ist Franziska Schätzle wohl auch zu finden, viel lieber arbeitet sie jedoch in der freien Natur.

"Ich will das ganze Jahr über miterleben, wie sich die Weinberge entwickeln, und bei der Weinlese die Trauben selbst sehen und natürlich auch probieren", erläutert sie.

Ein großes Ziel von ihr sei, jede einzelne Rebparzelle gut kennenzulernen, um das Beste aus ihr herausholen zu können. Welche Sorte und welcher Klon passen wohin? Solche Fragen löst sie besonders gerne. Bei der Suche nach dem optimalen Weinstil für das Weingut sei man schon weit gekommen, der Weg sei aber noch nicht beendet.

CUVÉE ROSE ALS TIPP
Was machen im Weinbau Frauen anders als Männer? "Von unserer Natur aus sind wir eher familien- und teamorientiert, außerdem haben Frauen zum Beispiel bei Gärproblemen im Keller oder beim Verkosten von Weinen etwas mehr Fingerspitzengefühl", sagt Franziska Schätzle überzeugt.

Evolutionsbedingt habe das weibliche Geschlecht in der Natur und in der Küche schon immer schauen müssen, ob etwas noch essbar sei. Dies habe den Winzerinnen vielleicht das bessere Näschen eingebracht. Auch bei den Kunden, die ins Schelinger Weingut kommen, hätten die Frauen oft das sensiblere Geschmacksempfinden.

Und ihr persönlicher Weintipp: "Ein 2012er Cuvée Rose trocken aus unserem Schelinger Weingut. Er ist für die Sommermonate ideal, weil er Frucht und Frische, Lebendigkeit und den Rotweincharakter miteinander verbindet und flexibel einsetzbar ist."

INFO: WEINGUT SCHÄTZLE SCHELINGEN

Rebfläche: 13 Hektar

Sortenstruktur: 35 Prozent Grauburgunder, 35 Prozent Spätburgunder, 8 Prozent Weißburgunder, acht Prozent Chardonnay;
der Rest verteilt sich auf Müller-Thurgau, Gewürztraminer,
Kerner und Merlot

Lagen: Schelinger Kirchberg,
Oberbergener Bassgeige, Amolterer Steinhalde

Durchschnittsertrag je Ar:
60 Liter

Jahresproduktion:
rund 80 000 Flaschen  

Autor: gz

BADISCHE WORTSPIELE

"Ich trinke am liebsten Spätburgunder"

Folgende Sätze wurden von
BZ-Redakteur Gerold Zink begonnen und von Franziska Schätzle ergänzt:

Wenn ich an Baden denke, dann
… geht die Sonne auf.

Baden ist für mich
… Heimat und Lebensfreude.

Baden und Schwaben
… können sich gut verstehen.

Baden und Rheinhessen
… passen ideal zusammen.

Badischer Wein ist
… charaktervoll und immer eine
Versuchung wert.

Gar nicht leiden kann ich badische
… Dipflischisser.

Die badische Küche
… ist so facettenreich wie unsere Weine.

Badische Winzerinnen haben
… tiefe Wurzeln und ein sensibles
Feingefühl.

Baden tue ich am liebsten
… in der Naturquelle Badloch am
Badberg.

Über Baden lacht die Sonne, über … (lacht, denkt an Schwaben, sagt aber nichts)

Badischen Dialekt
… sollte jedes Kind beherrschen.

Meine badischen Wurzeln
… habe ich selbst in Neuseeland
gespürt.

Badens Winzerinnen und Winzer
müssen noch lernen
… mehr über den Tellerrand zu schauen.

Ich trinke am liebsten einen badischen … Spätburgunder.  

Autor: gz

Autor: Gerold Zink