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05. Mai 2015

"Zeichne mir ein Schaf"

Ausstellung von Wilhelm Morat im Breisacher Radbrunnen .

  1. Papierkunst von Wilhelm Morat ist derzeit im Breisacher Radbrunnen zu sehen. Foto: Paul Klock

BREISACH. Luftig, leicht, schwebend und dennoch selbstbewusst präsent. So kommen sie daher, die Papierarbeiten des in Titisee-Neustadt beheimateten Künstlers Wilhelm Morat. Fast aus dem Nichts, wie eine Wolke am Himmel, ein Lichtfleck auf dem Boden, ein Schatten an der Wand.

Papierkunst ist eine eigene Kunstrichtung in der Kunstgeschichte. Man kennt die Scherenschnittarbeiten des späten Matisse, einfach und doch virtuos, bescheiden und doch spektakulär in ihrer optischen Wirkung. Wie in kaum einer anderen künstlerischen Technik lässt sich hier nachvollziehen, wie klein und doch so riesengroß der Schritt von einer Bastelarbeit zum Kunstwerk ist. So zerbrechlich das Material scheint, so groß ist doch seine Kraft.

Das Papier steht im Mittelpunkt

Und Wilhelm Morat führt dies überzeugend vor. Sowohl bei seinen skulpturalen Wandobjekten, seinen frei schwebenden Skulpturen und selbst bei seinen zweidimensionalen Bildtafeln. Das Papier steht im Mittelpunkt, die Gestaltung, die Farbe, das Muster, die Figur sind eine Art Nebenprodukt und doch von Anfang an unlösbar damit verbunden. Wilhelm Morat ist ein Alchimist der Papierkunst, da er schon das Material selbst herstellt. Vom Anbau des Hanfes, der Herstellung des Papierbreis bis zur Schöpfung, Trocknung und anschließender künstlerischen Verarbeitung.

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Dabei lässt er sich sowohl vom Material als auch von seinen kreativen Vorstellungen leiten. Und sicher kommt ihm ab und an auch der Zufall zu Hilfe, wenn das Material seine eigenen Reaktionen zeigt und das Ergebnis mitbestimmt, indem er ihm zum Beispiel eine dechiffrierbare Form gibt, die der Künstler ganz selbstverständlich aufnimmt: "Wenn formale Anleihen eines Huhns bereits im Materialgefüge angelegt sind, sollte man diese ignorieren oder gar gegen sie arbeiten?", gibt er als Gegenfrage auf eine diesbezügliche Feststellung zu bedenken.

Kein Wunder reicht die Formgebung von figürlich bis abstrakt. Doch was heißt schon abstrakt, da selbst die Natur beide Gestaltungsarten kennt. Bei Wilhelm Morat fließt das auf eine ganz eigene Art zusammen. Wie er die Schwerkraft bei seinen schwebenden Objekten aufzuheben scheint, schafft er aus Fragmenten Ganzheit, aus Zerbrechlichkeit Stabilität, aus Luft Materie.

Es mutet an wie die berühmte Stelle aus dem kleinen Prinzen von Saint Exupéry, als er den Erzähler bittet: "Zeichne mir ein Schaf." Wilhelm Morat hätte nicht den Zeichenstift genommen, sondern ins Wasser mit dem aufgelösten Papierbrei gegriffen. Farbe spielt in Morats Arbeiten eine eher untergeordnete Rolle.

Doch wenn er sie einsetzt, geschieht dies häufig in Form von leuchtenden Farbpigmenten wie bei den Arbeiten im Eingangsbereich, mit denen er die Ausstellungsbesucher quasi begrüßt. Drei Objekte, die ihr Material auf den ersten Blick nicht verraten, sondern den Betrachter zu ersten Erkundungen einladen. Und wenn sich dann sein Blick nach oben richtet, wo fünf Objektfragmente sich zu einer fast kosmisch wirkenden Einheit verbinden, bekommt er eine erste Ahnung des künstlerischen Universums, das Wilhelm Morat erschafft und immer weiter versucht auszudehnen. Denn die ausgestellten Arbeiten sind nur ein kleiner Ausschnitt seines Werkes.

Die Ausstellung im Radbrunnen in Breisach auf dem Münsterberg ist bis zum 7. Juni freitags und samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 11.30 bis 13 Uhr geöffnet.

Autor: Paul Klock