Vergoldeter Staffel-Abschluss

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Fr, 23. Februar 2018

Olympische Spiele

Kombinierer Fabian Rießle von der SZ Breitnau krönt seine Karriere nach Einzel-Silber mit dem Team-Olympiasieg .

SKI NORDISCH. Jetzt darf, jetzt muss, jetzt soll gefeiert werden im Schwarzwald: Zwei Tage nach Einzel-Silber und einem historischen deutschen Dreifacherfolg der deutschen Nordischen Kombinierer gelang dem für die SZ Breitnau startenden St. Märgener Fabian Rießle am Donnerstag erneut ein Wettkampf der Extraklasse. Im Teamwettkampf gewann der 27-jährige Hochschwarzwälder im Skating-Rennen über 4x5 Kilometer, als Nummer zwei gestartet, zusammen mit Vinzenz Geiger, Eric Frenzel und Johannes Rydzek Olympiagold.

Die Breitnauer Kirche steht wie eine trutzige Burg auf einer kleinen Anhöhe. Weit geht der Blick von hier über sibirisch anmutendes Weiß zum Feldberg. Ein Ort der Zuflucht. Viele Menschen der 1800-Seelengemeinde haben hier schon Trost gesucht. Und gebetet. Vor allem in den vergangenen, olympischen Tagen. Die Zahl der Kerzen, die im Gotteshaus entzündet werden, ist in den vergangenen Tagen sprunghaft angestiegen. Ob das mit dem Auftritt dreier junger Männer der Skizunft Breitnau im fernen Pyeongchang zusammenhängt? Weiß der Himmel! Der Tempel der Freude steht in diesen Tagen nebenan. Im Schatten der Kirche. Funktional, schlicht. Ein Schwarzwälder Zweckbau ist die Turn-, Fest- und Feierhalle, in der zurzeit im Zweitagestakt gefiebert, gebangt und gejubelt wird. In Gemeinschaft. Am Sonntag galt die Zuneigung vor dem TV-Schirm im Foyer der Festhalle Biathlet Benedikt Doll von der SZ Breitnau, der nach Bronze auf Rang fünf lief, am Dienstag jubelten die Breitnauer dem aus St. Märgen stammenden SZ-Kombinierer Fabian Rießle zu, als der im Großschanzenwettbewerb Silber gewann.

Und jetzt das: Donnerstag, 22. Februar, kurz vor zwölf. Wieder gibt es "Public Viewing", gratis Getränke und Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold, die munter geschwenkt werden wollen. "Public, hä?", fragt Moritz Huber (7), "mir gucke doch Fabi". Der Zweitklässler ist einer von 57 Pennälern aus der einen Steinwurf entfernten Grundschule, die an diesem Tag mitfiebern dürfen. Verschwitzt ist er nach einer kurz unterbrochenen Sportstunde seines Lehrers: Philipp Rießle transpiriert vor dem TV-Schirm noch ein bisschen mehr als Moritz. Schweißperlen stehen dem Bruder des Nordischen Kombinierers Fabian Rießle auf der Stirn, der in diesem Moment im Skatingrennen der 4x5-Kilometer-Staffel von Startläufer Vinzenz Geiger als Nummer zwei des DSV-Viererzugs auf seine 2x2,5 Kilometer geschickt wird.

"Fabiiiiiiii", brüllen die Kinder. Aus dem Foyer wird ein Fahnenmeer. "Das ist der kleine Bruder von unserem Lehrer", erklärt Zweitklässler Taim (9), vor zwei Jahren mit seinen Eltern aus Syrien geflüchtet, dem Reporter: "Und der Herr Fabian ist ein Guter." Da irrt Taim: Fabian Rießle ist mehr als ein Guter, er ist der Beste. Der 27-Jährige läuft wie ein Uhrwerk. Zwei, eins, Doppelstock, raumgreifend der Schritt. Die Konkurrenten aus Österreich und Norwegen, die Japaner, sie kommen ihm nicht nach. Fabian Rießle läuft ihnen einfach davon. Das sieht so locker, so entspannt aus, wie ein Trainingslauf auf zwei schmalen Latten im Schwarzwald – und ist doch der Lauf seines Lebens.

"Mein Gott", raunt Philipp R., der Lehrer, der als Heimtrainer seinem Bruder in den vergangenen Jahren alle Kniffe beigebracht hat, die man beherrschen muss, um als Weltklasse-Kombinierer den Besten der Besten zu enteilen: "Mein Gott, der Fabian wird Olympiasieger." Es sind 42 Sekunden Vorsprung, die Fabian Rießle seinem Teamkollegen Eric Frenzel mitgibt. Und der übergibt an Johannes Rydzek für ein Schaulaufen auf den letzten fünf Kilometern zum zweiten historischen Triumph der Deutschen Nordischen Kombinierer, die binnen 48 Stunden erneut Herausragendes schaffen: 30 Jahre nach dem in Calgary durch die Dreierstaffel Hans-Peter Pohl (Schonach), Thomas Müller (Oberstdorf) und Hubert Schwarz (Oberaudorf) gewonnen Gold, stürmen vier deutsche Kombinierer in Gemeinschaft auf den Olymp.

Die Breitnauer Grundschüler quietschen vor Begeisterung, die Fahnen fliegen wie Segel. Als Johannes Rydzek über den Zielstrich hinweg Fabian Rießle mit Gold im Kopf in die Arme fährt, ist es vorbei mit Philipp Rießles Contenance: Freudentränen fließen, zu Siegersekt und Freibier. "Jetzt wird gefeiert", versprechen SZ-Chef Franz Lickert und Tobias Bach, der sportliche Leiter der Skizunft unisono.

Olympiaparty:

Am kommenden Dienstag wird Fabian Rießle um 17 Uhr im Kapitelsaal in seiner Heimatgemeinde St. Märgen geehrt, um 19 Uhr lassen die Breitnauer in der Festhalle die Medaillengewinner Fabian Rießle, Benedikt Doll und Stephan Leyhe hochleben.