Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. August 2012

Salzburger Festspiele

Breth inszeniert "Prinz von Homburg": Was ist das Ich?

SALZBURGER FESTSPIELE I: Andrea Breth inszeniert Kleists Preußendrama "Prinz von Homburg" – zum Staunen.

  1. Na, wer wird denn da : Prinz Friedrich Arthur von Homburg (August Diehl) und die Kurfürstin (Andrea Clausen) Foto: dapd

Ein Schlosspark sieht anders aus. Was Martin Zehetgruber auf die Bühne des Salzburger Landestheaters gebaut hat, erinnert eher an ein Schlachtfeld. Nebelschwaden liegen schwer in der Luft wie Pulverdampf, verkohlte Baumstämme und Baumstümpfe ragen empor: ein Bild der Zerstörung. Dort im Dunkeln sitzt ein Mensch mit leeren Augen, während sich aus der Tiefe des Raums eine geschlossene Gruppe anderer Menschen nähert, mit schwankenden Lichtern. Kann hier noch etwas wachsen? Hoffnung, Glaube, Liebe? Sehr suggestiv, sehr eindringlich sind diese ersten Minuten in Andrea Breths Inszenierung von Kleists Preußendrama "Prinz von Homburg". Sie fesseln – und man wird nicht mehr entlassen aus dem Zauberbann. So kann Theater heute noch sein: zum Staunen.

Es staunt auch August Diehl. Staunt im Traum darüber, was da auf ihn zukommt. Der Lorbeerkanz, den er sich selbst gewunden hat, kehrt aus der Hand seiner unbewusst geliebten Natalie geschmückt mit den Insignien preußischer Staatsmacht zu ihm zurück. Ist es ein Traum? Es ist das Experiment mit einem in narzisstischen Wünschen gefangenen Schlafwandler. Ein brutaler Scherz.

Werbung


Die verbale Vernichtung

Peter Simonischek, der überragende Kurfürst von Brandenburg, kostet das Spiel mit einem Ohnmächtigen mit unheimlich kalter Ruhe aus. Und als er gesehen hat, wie weit er es treiben kann mit seinem Ziehsohn und Rivalen, der mit einer rührenden Geste die Hand ausstreckt nach den Insignien von Triumph, Macht und Liebe, spricht er das Urteil über ihn. Ins Nichts mit ihm, dem Jungen, dem Anmaßenden. Ins Nichts. Und wie Simonischek diese zwei Worte sagt und sie wiederholt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. So hat man das noch nie gehört. Kann sich der Prinz von dieser verbalen Vernichtung noch erholen?

Alles deutet in der ungemein klug komponierten Eingangsszene schon darauf hin, dass das nicht gelingen wird. Nicht in dieser Inszenierung. Von der Verwirrung, in die Prinz Friedrich Arthur von Homburg durch diese Manipulation seines Inneren – wie Kleist den vermeintlich unverfügbaren Kern des Individuums genannt hat – gestürzt ist, wird er sich nicht mehr erholen. Im Machtspiel des Vaters hat der Sohn keine Chance. Es ist kein Zufall, dass er nur einmal die Oberhand zu gewinnen scheint: Als die – irrtümliche – Nachricht vom Tod des Kurfürsten in der Schlacht von Fehrbellin eintrifft, schickt sich der Prinz wie selbstverständlich an, seine Rolle zu übernehmen. Und er wagt es, die Geliebte zu küssen, leidenschaftlich. Es war wieder nur ein Traum.

So verschiebt Andrea Breth in ihrer ungemein schlüssigen Sichtweise die Gewichte vom Namensgeber des Stücks hin zu seinem Oberbefehlshaber und Souverän. Man muss Simonischek nur beobachten, wie er sich vor seinen Generälen ankleidet; wie er beim Ringen der von Kottwitz geführten Unterzeichner einer Petition gegen das vor einem Kriegsgericht ergangene Todesurteil gegen seinen Ziehsohn eine Möhre verspeist; wie er beim Bittbesuch seiner Nichte kurz nur von einem Modell mit der Schlachtordnung seiner Truppen aufschaut und ihrer so entsetzten wie Anteil nehmenden Schilderung der Todesangst des Delinquenten mit nur für einen Moment aufflammendem Verwundern folgt: Dann wird einem klar, dass hier keine Begnadigung mehr Friedrichs Ende wird aufhalten können.

An dieser ihm allmählich dämmernden Erkenntnis wächst August Diehl – und wächst über sich hinaus. Und es ist packend, ihm zuzuschauen. Wie er zunächst von einer Abwesenheit in die andere fällt. Das Erwachen des Schlafwandlers bringt ihn zurück in die Orientierungslosigkeit. Als er am Morgen dann wahrnimmt, wem der Handschuh gehört, der ihm als Beweisstück der nächtlichen Episode geblieben ist, fällt er in eine Art Verkrampfung, aus der er nur äußerst schwer wieder herauskommt. Geistesgegenwart beim Empfang der militärischen Order sieht anders aus. Wie er dann, der zum strikten Warten auf den Befehl zum Angriff verdonnert wurde, seinen von Marcus Kniepe als säuerlichen Opportunisten gegebenen Rittmeister von der Golz ins Ohr beißt, als dieser ihn davon abhalten will, gegen die Order loszustürmen: ein Gewaltexzess, den man sich nur mit seiner maßlosen Prätention, ein Kriegsheld zu sein, erklären kann. Wie er dann von seinem Vertrauten, Roland Kochs schneidigem Graf Hohenzollern, erfährt, das Todesurteil werde nicht aufgehoben, sondern vollstreckt. Wie vor den Frauen, Pauline Knofs erst blasser, dann aber an Format gewinnender Natalie und Andrea Clausens souverän beherrschter Kurfürstin seine Todesangst aus ihm herausbricht. Wie er, als ihm Natalie das Angebot des Kurfürsten unterbreitet, er sei frei, wenn er erkläre, ihm sei Unrecht geschehen, das Urteil anerkennt. Und wie er zuletzt, mit einer Binde über den Augen, Kleists unsterblichen Unsterblichkeitsmonolog spricht: ganz still, ganz in sich zurückgenommen. Diehls Prinz von Homburg gehört zu den ganz großen Darstellungen der Figur.

Theater für Erwachsene

Wie man die konzentrierte Leistung des gesamten, von Moidele Bickele in elegante schwarze lange Mäntel gekleideten prominenten Ensembles (mit Udo Samel und Hans-Michael Rehberg) würdigen muss. Nichts lenkt in dieser Inszenierung vom Kern ab, die verhandelt werden: das Recht des Einzelnen versus die Allmacht des Staates und seiner Gesetze, die Verwischung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum. Die Frage: Was ist das Ich? Die Regie fordert einiges von einem zunehmend zerstreuten Publikum. Sie ragt wie ein erratischer Block ins regressive Unterhaltungstheater der Gegenwart. Theater für Erwachsene. Wie aus vergangenen Zeiten. Und die grandiose Schlussszene, die symmetrisch zum Anfang zurückkehrt. Wieder der einzelne Mensch, nicht mehr mit leeren, aber mit verbundenen Augen, was auf dasselbe hinausläuft. Wieder diese Gruppe Gleichgesinnter, wieder der Kranz mit den Insignien von Macht und Liebe. Kann das noch gut werden? Die Freude tötet ihn, sagt Natalie, als der Prinz in ewige Ohnmacht fällt. So kann ein Urteil auch vollstreckt werden. Der priesterliche Kottwitz deckt den Mantel über ihn.

Autor: Bettina Schulte


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Theater