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18. Februar 2014 17:48 Uhr

Sotschi 2014

Bronze für Fabian Rießle – So fieberte der Hochschwarzwald mit

"Fabian, mach jetzt bloß kein’ Mist." Familie und Freunde haben im Naturfreundehaus Breitnau mit Kombinierer Rießle mitgefiebert. Und feierten die Bronzemedaille mit reichlich Tränen.

  1. Fabian Rießle (rechts) freut sich über Bronze. Gold holte Jörgen Graabak vor seinem norwegischen Landsmann Magnus Moan (links). Foto: AFP

  2. Ein Prosit auf den Bronzemedaillengewinner: Albert Wursthorn, Bruder Philipp, Vater Alfred, Fin und Jana, Schwägerin Antje und Fabian Rießles Mutter Barbara Rießle gestern im Naturfreundehaus Breitnau Foto: Johannes Bachmann

"Der Fabian macht das schon", sagt Albert Wursthorn. Vor acht Jahren wies er als Heimtrainer Georg Hettich den Weg zum Olympiasieg. Jetzt stochert er im Naturfreundehaus Breitnau in seinem Wurstsalat. Dienstag, 13 Uhr: Von Aufregung keine Spur. Dabei ist das, was aus Russki Gorski auf die Videowand projiziert wird, ein Erlebnis zum Aus-der-Haut-Fahren. Fabian Rießle, Nordischer Kombinierer der SZ Breitnau hat morgens um elf im Dauerregen auf der Schanze einen 130 Meter weiten Sprung rausgehauen. Der beflügelt die Phantasie, ringt Wursthorn aber ein Nörgeln ab: "Da war für Fabian noch so viel Luft nach oben, ich darf gar nicht dran denken." Gerade mal 53 Sekunden hinter Eric Frenzel kann er auf Rang neun ins Skatingrennen starten. Es ist eine Chance, es ist ein Versprechen.

Verschlafen am Start

Doch was macht Fabian Rießle? Er trödelt. Während die Olympia-Konkurrenten vor und hinter ihm sich längst in die Bindung eingeklickt haben, steht der in sich ruhende Hochschwarzwälder noch leicht verpennt neben den Ski. Kein Wunder, hat er doch auch heute sein obligatorisches Mittagsnickerchen gehalten. "Mensch, Fabi, mach jetzt’ bloß kein Mist, wach uff", brüllt Fabians Vater Alfred (56), Tierpfleger am Freiburger Mundenhof dem Fernseher entgegen. Sohn Philipp "Rio" Rießle grinst sich eins. Er war früher selbst Kombinierer, als Heimtrainer engster Vertrauter und damit weit mehr als nur Bruder des kleinen "Little Rio" Fabian Rießle. Er kennt die Marotten des Kleinen. Mutter Barbara (54), guckt auf die Augen ihres Sohnes, die für Sekundenbruchteile über die zwei Meter breite Leinwand huschen: "Der Fabi sieht gut aus."

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Rießles Patenkind Fin (2) will jetzt lieber nicht zugucken. Und Jana, gerade mal ein Jahr alt, hat für die Aufregung von Opa und Papa nur ein Gähnen übrig. Jetzt muss erst mal ein Schnuller her. Und danach ein Plüschtier. Der Auftrag ist klar: Das soll Patenonkel Fabi mitbringen. Es gibt doch da so niedliche russische Teddybären. "Fabian macht das schon", versprechen die Mama und Schwägerin Antje.

Rat vom großen Bruder

Rein in die Bindung, rauf auf die Ski, raus auf die Piste. Der Sohn, der Bruder, der Onkel, der erste Olympiastarter der SZ Breitnau, der Hoffnungsträger des Hochschwarzwalds, der sportliche Enkel von Olympiasieger Georg Thoma: All das ist Fabian Rießle in diesem Moment. Es ist eine Bürde, die ihn nicht drückt. Weil er sie nicht kennt. Und wenn doch, hach, kein Problem. "Der Fabian ist ganz bei sich", weiß Bruder Philipp. "Er ist so cool drauf". Am Montagabend haben die beiden Brüder kurz miteinander telefoniert, trotz sündhaft teurer Kosten.

Der Rat des großen an den kleinen Bruder: "Sei wie immer." Nicht den Kopf zerbrechen soll sich Little Rio. Und, erinnert sich Philipp: "Ich hab’ ihm ans Herz gelegt, den Spaß nicht zu vergessen". Spaß,auf dieser vom Dauerregen aufgeweichten Mörderpiste, mitten drin unter den besten der Welt, umringt von Favoriten wie dem Olympiasieger von Vancouver, dem Franzosen Jason Lamy-Chappuis, als Lernender unter Lehrmeistern?

Rießle lauert im Windschatten

Fabian Rießle denkt nicht. Er läuft. Nein, er fliegt. Nach gerade mal 1500 Metern ist auf dem viermal zu bewältigenden 2,5-Kilometer Rundkurs die Lücke geschlossen. Johannes Rydzek, Björn Kircheisen und der Hochschwarzwälder sind dran an der noch von Eric Frenzel angeführten Spitzengruppe. Zehn Mann auf Medaillenkurs, darunter vier Deutsche. "Das muss zwei Medaillen geben", fordert Albert Wursthorn. "Und eine für Fabian", ergänzt Mutter Barbara.

Runde zwei. Der Regen rinnt. Rießle fightet. Runde drei: Frenzels Kräfte schwinden. Runde vier. Noch 2,5 Kilometer. "Faaaabi, jetzt", haucht Barbara Rießle. "Nein, jetzt noch nicht", faucht Vater Alfred. "Dran, dran, dran bleiben", fordert Philipp. Die letzte Steigung vor dem Stadion. Björn Kircheisen attackiert. Der TV-Moderator überschlägt sich: "Kirche, Kirche!" Und noch mehr Kirche – zwanzig Sekunden lang. Dass Fabian Rießle im Windschatten lauert, kämpft wie ein Terrier, dass er so brennt wie es sich Bruder Philipp wünscht – kein Wort dazu.

"Ich wusste, dass es der Fabian drauf hat. Auf dem letzten Kilometer ist er brandgefährlich."Trainer Philipp über seinen Bruder
Finale furioso: Das Stadion ist eine Strecke für Hakler und Zocker. "Auf dem letzten Kilometer würd’ ich mich relativ schlau einschätzen", hat Fabian Rießle den BZ-Lesern vor seinem Abflug zu Olympia erklärt. Jetzt lässt er den Worten Taten folgen. Rechtskurve, zweihundert Meter vor dem Ziel. Rießle auf der Innenbahn. Rydzek läuft außen, strauchelt, stürzt. Dahinter verliert Björn Kircheisen fünf, sechs Meter. Rießle entfesselt. Allein voraus. Als bester Deutscher. Vor sich nur noch zwei Norweger. Er läuft, als ginge es um sein Leben. Noch hundert Meter. Familie Rießle ist kurz davor, sich quasi in die Leinwand zu stürzen. Noch zwei Sekunden, eine Sekunde – Bronze für Fabian Rießle.

Tränen der Freude

Philipp Rießle heult. Hemmungslos, mitten rein in Albert Wursthorns Wurstsalat. Mutter Barbara versucht sich mit glühenden Wangen im Bart ihres Mannes zu verstecken. Es will ihr nicht gelingen. Sie muss jetzt einfach gucken, wie Fabian da im Schnee liegt – der Sohn, der Bruder, der Onkel, der Bronzemedaillengewinner. "Schöne Farbe", sagt Vater Alfred, "die Medaille passt zu Fabian".

Familie Rießle spitzt die Ohren. Jeden Moment muss er doch jetzt kommen, der O-Ton, das Interview, die Gratulation via TV für Fabian Rießle. Stattdessen: Kircheisen, der über Rang vier lamentiert.

Danach Schnitt auf Bundestrainer Hermann Weinbuch, der an Eric Frenzel erinnert und daran, dass es ja zwei Medaillen für die deutschen Kombinierer hätten werden können. Über Fabian Rießle verliert er kein Wort. Und noch ein Schnitt: Horst Hüttel, DSV-Renndirektor, kommt zu Wort. Der denkt an Kircheisen, redet auch von den zwei Medaillen.

Warten auf das Interview

Aber jetzt, endlich: Der Fernseh-Regisseur schaltet zurück ins Langlaufstadion. Die TV- Kamera fängt Fabian Rießle ein, der erst die Ski und dann die Arme reckt, der strahlt wie ein bodenständiger Schwarzwälder nur strahlen kann. Bruder Philipp wischt sich über die Augen: "Ich wusste, dass es der Fabian draufhat. Auf dem letzten Kilometer ist er brandgefährlich." Das sind Informationen, die den TV-Zuschauern zukommen sollten. Jetzt muss sie doch kommen, die Schalte zu Fabian, dem Großartigen. Doch – nichts passiert. Dass Fabian Rießle Bronze gewonnen hat, ist dem TV-Kommentator keine Silbe wert. Vater Alfred Rießle wird ungehalten: "Könnte jetzt vielleicht endlich mal jemand dem Fabian gratulieren?"

Das ZDF tut es nicht. Statt Bronze-Interview gibt es eiskalt Eishockey. Fassungslosigkeit in Breitnau. "Ja, spinnen die denn", giftet Albert Wursthorn. Mutter Barbara gibt sich gnädiger. "Wir werden den Fabian schon noch sehen und hören, ganz bestimmt."

Spätestens bei der Siegerehrung. Und natürlich am Donnerstag. Da ist für Fabian Rießle im Teamwettkampf binnen 48 Stunden die zweite Olympiamedaille reserviert. Die darf aus Gold sein.
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Autor: Johannes Bachmann