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18. August 2017

Rad-Artisten geht der Nachwuchs aus

Der RSV Concordia Unteribental ist der letzte Kunstradverein der Region / Spitzensportler fahren um Deutsche Meisterschaft.

  1. Ob allein oder zu zweit – Carolin Brauchle und Sebastian Zähringer vereinen auf dem Kunstrad Athletik und Ästhetik. Foto: Frank Schoch

  2. Aufgehängt: An einer Wand in der Buchenbacher Sommerberghalle warten die Kunsträder auf ihren Einsatz. Foto: Frank Schoch

  3. Aufgehängt: An einer Wand in der Buchenbacher Sommerberghalle warten die Kunsträder auf ihren Einsatz. Foto: Frank Schoch

BUCHENBACH. Sebastian Zähringer zählt zur deutschen Spitze, Sechster war er bei den vergangenen deutschen Titelkämpfen. Dass der 22-Jährige dennoch ungestört durch die Straßen laufen kann, liegt an dem Sport, bei dem er zur Elite gehört: Kunstradfahren. Unterhalb der Schwelle einer breiten öffentlichen Wahrnehmung bewegt sich auch Zähringers Verein: der RSV Concordia Unteribental beziehungsweise dessen Kunstrad-Abteilung. Gleichwohl steigen die Athleten bis zu viermal pro Woche auf das Rad und tun dabei Dinge, die oft schier unmöglich erscheinen.

Rund einen halben Meter über dem Boden baumelt Nele Metz in der Luft. In der Waagrechten, mitten in der Halle. Ihr Rad liegt unter ihr. Gehalten von einem Seil grübelt die jugendliche Kunstradfahrerin des RSV Concordia Unteribental, was bei ihrem Trick schief gegangen ist. Eben noch stand sie auf dem Sattel ihres Rades, jetzt hängt sie im speziellen Gurtzeugs, mit dem schwierige Übungen trainiert werden. Trainerin Gabriele Zähringer und ihr Mann Wolfgang rufen etwas mit Gleichgewicht und fehlender Geschwindigkeit. Doch die Feinheiten erschließen sich dem Besucher nicht.

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Vielleicht liegt das am Staunen darüber, was die Sportler mit so einem Rad alles machen. Und es dabei noch kinderleicht aussehen lassen. Dass man etwa auf einem Sattel nicht nur sitzen, sondern auch stehen und so seine Runden drehen kann. Dass man den Lenker zwischen die Beine nehmen oder einen Handstand auf dem Lenker machen kann. Und das alles ohne auf den Boden zu kommen, denn das bewerten die Punktrichter auf einem Wettkampf mit hohen Minuspunkten.

Unterdessen dreht auch Zähringers Sohn Sebastian seine Runden. Kunstradfahren ist Familiensache. Von Kindesbeinen an begleitet Sebastian seine Mutter in die Halle. Und auch sie stieg durch ihren Vater schon als Mädchen auf das Rad.

Wie aber kommt man ohne familiäre Beziehungen zum Kunstradfahren? Sich seinem Reiz zu nähern, ist nicht so einfach. Eine simple Antwort jedenfalls finden die Athleten und die Trainerin nicht. "Kunstradfahren zeichnet sich vor allem durch seine Vielfalt aus", sagen die Buchenbacher unabhängig voneinander. Athletik, Gleichgewicht, Koordination, Mut, mentale Stärke – all das sei in hohem Maß gefordert. "Und es sieht einfach auch klasse aus", sagt Gabriele Zähringer.

Weder Gangschaltung, noch Bremse oder Licht

Neben den Eigenschaften, die die Sportler mitbringen müssen, ist auch die Ausrüstung ungewöhnlich. Das Rad, das schnell mehr als 2000 Euro kostet, besitzt weder Gangschaltung noch Bremse oder Licht. Stattdessen einen nach oben gebogenen Sattel und einen Lenker, der an ein Rennrad erinnert.

"Der größte Unterschied ist aber die starre Nabe", erläutert Gabriele Zähringer. Es gibt also keinen Leerlauf, sodass der Fahrer damit vor- und zurückfahren kann. Eigene Räder besitzen aber nur die Spitzenathleten, für alle anderen stellt diese der Verein bereit.

Auch die Halle muss besonders beschaffen sein, insbesondere der Boden. Ist er zu weich, werden die Räder zu schnell zu langsam und lassen sich auch nicht gut drehen. Ist er zu hart, wird dadurch die Gesundheit zu sehr gefährdet. "Was den Boden angeht, sind wir hier gut ausgestattet", sagt Gabriele Zähringer. Allein die Größe der Halle ist ein Manko. "Wir würden gerne nationale Turniere ausrichten, doch für Infrastruktur und Tribünen fehlt schlicht der Platz." In Kirchzarten wäre das Drumherum gegeben, aber in der Halle ist der Boden zu weich.

Verein arbeitet mit Schulen zusammen

Und andere Kunstradvereine gibt es rund um Freiburg keine mehr. Ob in Waldkirch, March, Neuenburg, Riegel, Denzlingen oder in Freiburg, keiner ist mehr da. In anderen Regionen sei die Zahl der Vereine ebenfalls zurückgegangen. "Es war sogar schwierig, überhaupt Ausrichter für die nationalen Wettbewerbe zu finden", sagt Sebastian Zähringer.

Von Nachwuchsproblemen ist auch der RSV Concordia Unteribental nicht verschont. Sieben Mitglieder zählt die Abteilung. Daher arbeite der Verein mit Schulen zusammen, um Kinder vom Sport zu begeistern. Laut Sebastian Zähringer wird überlegt, ob die Darbietungen bei Wettkämpfen kürzer als die bisherigen fünf Minuten, möglicherweise auch auf zwei Flächen im direkten Duell miteinander ausgetragen werden. Grundsätzliche Einschränkungen für Interessierte sieht Gabriele Zähringer nicht: "Vom Alter her gibt es eigentlich keine Grenze nach oben."

Gleichzeitig hat sich Kunstradfahren weiterentwickelt. "Der Sport ist viel athletischer und spektakulärer als früher", sagt Gabriele Zähringer. Dass bei waghalsigen Übungen, an die sich die Sportler im Laufe der Jahre annähern, Verletzungen nicht ausbleiben, davon kann auch Carolin Brauchle berichten. Erst vor ein paar Wochen hat die 25-Jährige, die für Bad Schussenried startet, aber in Freiburg studiert und daher in Buchenbach trainiert, den Weg zurück auf das Rad gefunden. Durch ihre Erfolge – sie war Vierte bei der Deutschen Meisterschaft – wirkt sie als Vorbild für die anderen Athleten.

Ebenso wie Sebastian Zähringer. Nachdem der 22-Jährige mit dem sechsten Platz bei den nationalen Titelkämpfen 2016 seinen bislang größten Erfolg gefeiert hatte, soll es für ihn weiter nach oben gehen. Dazu arbeitet er seit dem vergangenen Winter mit einem Sport-Psychologen zusammen. "Das Mentale ist einfach wichtig", sagt das 92-Kilogramm-Kraftpaket. "Wenn ein Fehler passiert, muss man den schnellstmöglich abhaken."

Vielleicht denkt er gerade daran, als auch er mal wieder am Seil über dem Boden der Sommerberghalle hängt. Es wird nicht nicht das letzte Mal sein für das heutige Training.

Autor: Frank Schoch