Das neue Herz des Dorfs

Margareta Holzreiter und Martin Pfefferle

Von Margareta Holzreiter & Martin Pfefferle

Do, 06. September 2018

Buggingen

Grünen-Staatssekretärin Bärbl Mielich besucht die Senioren-Wohngruppe und die Arztpraxis in Buggingens neuer Mitte.

BUGGINGEN. Noch sind drei Zimmer frei in der Senioren-Wohngemeinschaft in Buggingen. Zwölf Zimmer hat die WG. Die 63- bis 86-jährigen Bewohner der "Wohngruppe am Ehebach" fühlen sich pudelwohl in der neuartigen Einrichtung. Barbara Gehring sitzt draußen und strickt. Sie kommt über das Gärtnern ins Gespräch mit Grünen-Staatssekretärin Bärbl Mielich, die zu Besuch ist.

Die große Hürde ist das Verlassen der eigenen vier Wände. Das fällt vielen Menschen schwer. Christa Kling hat diesen Schritt gerade hinter sich. Die 85-Jährige lebte zuletzt in Ludwigsburg, nun wollte sie in die Nähe ihrer Kinder ziehen, die in Buggingen leben. Als sie ihr Zimmer zeigt, fällt ihr sofort ein Gemälde in den Blick. "Das ist die Ostsee, da komme ich her. Ich vermisse das Meer." Doch seit sie als Vertriebene aus Danzig in den Westen Deutschlands kam, war sie nicht mehr in der Stadt, die heute zu Polen gehört. Es sei wichtig, sich etwas aus der vertrauten Umgebung von Zuhause mit in die Wohngruppe zu nehmen. Eine Bewohnerin hat ihre 21-jährige Katze in ihrem Zimmer: Ohne sie wäre sie nicht eingezogen, erzählt sie.

Eigentümer der Einrichtung ist die Gemeinde Buggingen, die hat sich die Senioren-WG gut eine Million Euro kosten lassen. Vom Innovationsprogramm Pflege 2016 des Landes Baden-Württemberg gab es 100 000 Euro als Zuschuss. "Wir müssen nicht nur etwas für die Jüngeren tun, auch die Älteren im Ort brauchen unseren Einsatz", sagt Bürgermeister Johannes Ackermann.

Leiterin der Gruppe ist Anna-Maria Fischedick, die Bärbl Mielich durch die Wohngemeinschaft führt. Am Tisch in der Küche schnibbelt eine Frau Karotten für das Mittagessen. "Wir legen großen Wert darauf, die Bewohnerinnen und Bewohner zu aktivieren und zu beteiligen", sagt Fischedick. Mielich ist beeindruckt von dem Engagement, das von zehn Personen geleistet wird – unter anderem auch von Jutta Mrosewski. Sie lebt mit ihrem Mann in einer der Wohnungen, die betreut werden oder betreut werden können, und sie bastelt oder geht mit den Bewohnern spazieren. "Manchmal führen wir auch einfach Gespräche", sagt sie. Jutta Mrosewski kommt aus Dormagen. Die "schöne Landschaft und die netten Menschen" hätten sie nach Buggingen gebracht, erzählt sie in der großen Runde, an der auch neben der Grünen-Politikerin auch der "Vater des Projekts", Holger Karg, Vorstand des Müllheimer Sozialwerks, beteiligt ist. Karg war es, der sich zusammen mit Bürgermeister Ackermann das Modell ausdachte, mit dem nun die Wohngruppe funktioniert. 1745 Euro kostet ein Platz im Monat. Die Leistungen der Sozialstation werden separat abgerechnet. Ziel sei es, deutlich unter den Kosten eines Pflegeheims zu landen, sagt Karg.

Mit dem Drei-Säulen-Modell mit der Gemeinde als Vermieter, einer Alltagsbegleitung und der Pflege durch das Sozialwerk Müllheim wurde Neuland betreten. Wesentlichen Anteil an der Umsetzung haben Hauptamtsleiterin Sonja Pfeiffer und Ursula Hamm, die nicht nur das Vorzimmer von Bürgermeister Ackermann bestreitet, sondern auch als ehrenamtliche Helferin für die Wohngruppe tätig ist.

Der Clou an dem Komplex ist, dass auch eine Arztpraxis eingezogen ist. Ärztin Hanna Waschpusch und Eduard Waschpusch bieten ein breites Spektrum an medizinischer Betreuung und Versorgung an. Der Weg dorthin war aber steinig. Johannes Fechner, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, sei keine Hilfe gewesen, sagt Eduard Waschpusch. Er habe das Gefühl, dass er ausgebremst worden sei. "Uns wurden drei Jahre lang Steine in den Weg gelegt." "Ich werde auf ihn zugehen", verspricht Bärbl Mielich. Denn: Ärzte auf dem Land seien Mangelware. "Wir haben sinkende Ärztezahlen und steigende Einwohnerzahlen", sagt Ackermann. Viele junge Ärzte, so Waschpusch, hätten Angst vor der Selbständigkeit. In Heitersheim und Neuenburg nähmen Allgemeinärzte nur noch Privatpatienten neu auf, so Waschpuschl. Dementsprechend groß sei der Bedarf auch in Buggingen.

Zum 1. Januar 2019 wird Jörg Pflieger aus der Praxisgemeinschaft aussteigen. Einen Nachfolger gebe es schon. "Der Fortbestand ist gesichert", betont Hanna Waschpusch.