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21. Juni 2008

Finden, was rar ist: Stille

Wenig bekannt in der Region: Das "Haus der Besinnung" in Betberg.

  1. Im „Haus der Besinnung“ in Betberg kann man auf unterschiedlichste Weise in die Stille hören, neue Wege gehen und sich die Augen öffnen lassen. Foto: Sabine Model

BUGGINGEN-BETBERG. Wer durch Betberg fährt, sieht die Kirche. Was dahinter steckt, erschließt sich nicht gleich. Man muss es schon suchen – das "Haus der Besinnung". In der Region hat es einen geringen Bekanntheitsgrad, bedauert Pfarrer Hanspeter Wolfsberger. Im Stuttgarter Raum ist es eher ein Begriff. "Dabei würden wir gerne auch für Menschen in der Nähe tun, was Gäste von überall bekommen", versichert er.

Im Windschatten des hektischen Zeitgeschehens kann man hier finden, was rar ist: Stille. Aber man muss sie wollen und aushalten. Bevor man sie bucht, bohren Kernfragen. "Wo bin ich? Warum mache ich das, was ich tue? Wo will ich hin? Was ist Sinn und Ziel?" Pfarrer Wolfsberger weiß wovon er spricht. Von 1993 bis 2003 war er Direktor des Gesamtwerkes der Liebenzeller Mission. Heute hat er eine halbe Pfarrstelle für Betberg und Seefelden. Bis vor kurzem fütterte der "Freundeskreis Haus der Besinnung" unter der Leitung von Helge Sternberg die Stelle auf. Inzwischen hält Hanspeter Wolfsberger Vorträge und bekommt Tantiemen für Bücher. "Brösel" hat er gesammelt und veröffentlicht, "Am Ofenfeuer mitgehört" und zum "Aufbruch" in die Advents- und Weihnachtsstille Mut gemacht. "Es kommt die Zeit, da achtet man auf das, was Körper und Seele signalisieren", verrät er zur Wende in seinem Leben. Man macht Beobachtungen bei sich selbst und anderen.

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Er habe in seinem beruflichen Leben schon oft die Grenzen der Landeskirche überschritten, räumt er ein. Und wie es scheint nicht nur die. Das Projekt "Haus der Stille" begann er mit Pfarrerin Evelyn Hauser schon in seiner Liebenzeller Zeit. Betberg bot beiden Gelegenheit, es hierher zu verlagern und fortzuführen. Denn das "Haus der Besinnung" ist Eigentum der Kirchengemeinde. Gleichwohl versprach die Mission 2003, das Projekt vorläufig mal fünf Jahre zu unterstützen.

So bekam Evelyn Hauser eine Dreiviertel-Stelle und eine junge Missionarin als Mitarbeiterin bezahlt. Der Freundeskreis finanziert eine 400 Euro-Stelle zur Unterstützung im Büro. Die Küchenleitung wird erwirtschaftet. Denn die 18 Betten im "Haus der Besinnung" sind zu 70 Prozent ausgelastet. Das bedeutet 2000 bis 2500 Übernachtungen im Jahr. Und die Gäste brauchen neben geistlicher auch körperliche Nahrung. Vier Mal am Tag.

Ansonsten ist der Schwerpunkt der Arbeit jedoch die Stille. Die Tagesstruktur wird von drei Gebetszeiten markiert, egal, ob nun gerade ein Seminar angeboten wird, Einzelgäste die Einkehrzeiten nutzen oder Gruppen mit eigenen Programmen den Schutzraum, die Abgeschiedenheit und die herrliche Landschaft buchen. Hier gibt es eine Auszeit, auf Wunsch mit Begleitung oder einfach nur ein Ohr, das zuhört. Wer sein Leben in Beruf, Partnerschaft und Familie überdenken und neu ausrichten möchte, kann Stille suchen, im Schweigen hören.

Dabei wird erlebt, wie Schweigen Impulse geben kann, um bei sich selber anzukommen, hat Evelyn Hauser vielfach erfahren. Obwohl die Pfarrerin nicht weiß, wie lange die Liebenzeller Mission noch Mittel zur Verfügung stellt, wird das Haus derzeit erweitert. "Wir hoffen einfach, dass es weitergeht", formuliert sie zuversichtlich. So entstehen in der alten Scheune neue Gruppenräume und ein Raum der Stille. Eigenleistung ist gefragt. Nur das Nötigste kann vergeben werden. Ehrenamtliche Mitarbeiter, die keine zwei linken Hände haben, werden dringend gebraucht. Und natürlich Sponsoren.

Der Freundeskreis richtet am Sonntag, 20. Juli, um 19 Uhr in der Kirche in Betberg ein Konzert mit der "Oathtown Bluegrass Band" aus. Mit Banjo, Mandoline, Bass, Gitarre und Mundharmonika spielen die vier Musiker handgemachten irischen Folk, weil es Spaß macht und sie hinter ihren Texten stehen. Ein Konzert, das sicherlich auch kirchliche Grenzen überschreitet, aber über den Erlös wieder in die Stille führt.

http://www.haus-der-besinnung-betberg.de

Autor: Sabine Model