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16. August 2012

Bundesdeutsche Geschichte und ein Mord in Locarno

Die Jury des Deutschen Buchpreises stellt die Longlist der 20 nominierten Romane und Autoren vor.

  1. Nominiert: Sten Nadolny Foto: dpa

Altrevoluzzer Rainald Goetz und Altmeister Sten Nadolny gehören zu den Autoren, die mit ihren neuen Romanen für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert sind. Am Mittwoch wurde die Longlist mit 20 Titeln bekannt gegeben, die eine Kritikerjury aus 162 Neuerscheinungen ausgewählt hat. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels prämiert seit 2005 die beste literarische Neuerscheinung des Jahres mit dem Buchpreis.

"Sehr viele Bücher setzen sich intensiv mit der Geschichte der Bundesrepublik auseinander", sagte der Sprecher der Jury, Andreas Isenschmid von der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag. "Ich glaube, das ist ein sehr gutes Jahr." Es gebe viele Dimensionen, die vorkommen: "Die große Liebe und der avancierteste Kapitalismus, die Erfahrung des Heiligen so gut wie Schocks der Kälte und Einsamkeit."

Goetz (58), der früher mit experimentellen Lesungen oder einem Netz-Tagebuch für Furore sorgte, ist mit seinem Roman "Johann Holtrop" nominiert, der im September erscheint. Es geht um den Absturz eines charismatischen Vorstandschefs. In "Weitlings Sommerfrische" von Sten Nadolny (BZ vom 23. Juni) sind eine Kindheit in den 50er Jahren und zwei von ihr ausgehende Lebensläufe das Thema.

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Olga Grjasnowa verarbeitet in ihrem Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" ihre Zeit als jüdische Einwandererin in Deutschland. Weitere Themen sind das Aufwachsen in einem deutschen Internat bei Christoph Peters ("Wir in Kahlenbeck") oder die Rückkehr eines jüdischen Richters ins Berlin der Nachkriegszeit bei Ursula Krechel ("Landgericht"). In "Ich nannte ihn Krawatte" erzählt Milena Michiko Flašar von einer ungewöhnlichen Begegnung, Frank Schulz macht in "Onno Viets und der Irre vom Kietz" einen Hartz-VI-Empfänger zum Detektiv.

Auf der Liste stehen auch Wolfgang Herrndorf, der mit seinem Sahara-Roman "Sand" bereits den Preis der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr gewann, Jenny Erpenbeck mit ihrem Schicksalsroman "Aller Tage Abend" und der Österreicher Clemens J. Setz ("Indigo"), der 2009 schon mal auf der Shortlist für den Buchpreis stand. Setz veröffentlicht wie Goetz beim Suhrkamp-Verlag, der auf der Longlist mit noch drei weiteren Titeln vertreten ist: In "Fliehkräfte" schickt Stephan Thome einen Philosophieprofessor auf eine Selbstfindungsreise. Ulf Erdmann Ziegler untersucht in "Nichts Weißes" das Erwachsenwerden im Computerzeitalter, und Bernd Cailloux zieht in "Gutgeschriebene Verluste" die Lebensbilanz eines Anti-Bourgeois (BZ vom 7. April).

Außerdem nominiert sind Germán Kratochwils Familiendrama "Scherbengericht", Bodo Kirchhoffs Ehedrama "Die Liebe in großen Zügen", Michael Roes’ "Die Laute" über einen gehörlosen Komponisten, die moderne Robinsonade "Robinsons blaues Haus" von Ernst Augustin (BZ vom 28. April), sowie der Klinikroman "Heimlich, heimlich mich vergiss" von Angelika Meier.

Dass man nicht unbedingt über die Gegenwart schreiben muss, um für den Buchpreis nominiert zu werden, beweist die Aufnahme von Patrick Roth: Der in Freiburg geborene, in Los Angeles lebende Autor ist mit "Sunrise – Das Buch Joseph" vertreten, in dem er die Geschichte von Joseph von Nazareth, des Gatten der Jesus-Mutter Maria, erzählt. Neben diesem schickt der Wallstein-Verlag ein zweites Buch ins Rennen: In "Bugatti taucht auf" schildert die Dramatikerin Dea Loher in ihrem ersten Roman die Aufarbeitung eines Mordes in Locarno.

Am 12. September wird die jetzige Auswahl auf die Shortlist mit sechs Romanen reduziert. Der Sieger wird am 8. Oktober bekanntgegeben. Im vergangenen Jahr war Eugen Ruge für seine DDR-Familiensaga "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ausgezeichnet worden.

Autor: dpa/BZ