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03. Dezember 2008 14:17 Uhr

Junger Lenzkircher entwickelt Medienkunst

Chinesische Zensur zum Runterladen

Chinas Internetzensur auf dem eigenen Computer: Zusammen mit internationalen Medienkünstlern hat der Student Tobias Leingruber aus Lenzkirch ein Programm entwickelt, das es möglich macht, vom Schreibtisch im Westen aus die Filter im Fernen Osten zu erleben.

Dass das Medium Internet nicht nur freien Datenzugang ermöglicht, sondern durchaus auch staatlicher Reglementierung ausgesetzt ist weiß inzwischen jeder. Für China trifft dies allerdings noch mehr zu als für die meisten anderen Länder: Im Unterschied zur westlichen Welt sind dort im öffentlich zugänglichen World Wide Web Zensur und das Filtern von Inhalten an der Tagesordnung. Unter der Adresse www.chinachannel.hk kann sich nun jeder, der über einen Internet Zugang verfügt mit Hilfe eines kostenlosen Programmzusatzes, einem Addon, ins chinesische Netz einloggen und die Willkür chinesischer Zensurbehörden am eigenen Schreibtisch miterleben.

Das Addon bewirkt, dass der Rechner eine chinesische Identität annimmt und der Benutzer über chinesische Server datentechnisch direkt ins Land der Mitte gelenkt wird. Einziger Haken ist, dass das Programm nicht mit dem verbreitetsten Browser Internet Explorer funktioniert, sondern Mozilla Firefox benötigt.

Die Idee für "China Channel" stammt von den in Szenekreisen bekannten Medienkünstlern, Aram Bartholl aus Berlin, dem New Yorker Evan Roth sowie dem Stuttgarter Studenten und Programmierer Tobias Leingruber. Der 24-jährige aus Lenzkirch im Schwarzwald war für die Gestaltung und Programmierung der Software verantwortlich und hatte offensichtlich wenig Scheu im Umgang mit den beiden Szenegrößen. Roth sorgte erst kürzlich mit der Ausstellung seines Projekts "Laser Tag" im Museum of Modern Art in New York für Furore. Koordiniert wurde das ganze Projekt ausschließlich online. "Da wir alle drei ständig auf Achse sind waren wir nur über unsere Rechner oder telefonisch miteinander verbunden", erzählt Leingruber.

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"Das Projekt zielt nicht darauf ab, die chinesischen Umstände zu bewerten, es geht vielmehr darum durch den Einsatz aktueller Technologien etwas mehr Aufmerksamkeit auf das globale Thema Zensur zu richten", sagt Leingruber weiter. "Ich vermute jede Regierung verfolgt zumindest Ansätze um Meinungen in gewisse Richtungen zu lenken."

Dennoch ließen es sich die drei Medienkünstler nicht nehmen ihr Projekt auch direkt in China einem großen Publikum zugänglich zu machen. Die Macher von "China Channel" stellten daher ihr Projekt in einer Galerie im für chinesische Verhältnisse liberalen Hongkong aus. Vergangenen Monat stand dort eine Installation mit zwei Computern, die über eine gemeinsame Maus und Tastatur bedienbar waren. Einziger Unterschied: Ein Rechner lief über eine herkömmliche Verbindung, der andere über einen Server auf dem chinesischen Festland. Wer Begriffe wie Tibet oder Dalai Lama eingab, wurde auf unterschiedliche Seiten verwiesen oder konnte mit ansehen, wie der Rechner mit der chinesischen Verbindung plötzlich gesperrt wurde.

"Ich denke, es ist wichtig offen, über Zensur zu sprechen", sagt Leingruber. Besonders in Honkong seien die Reaktionen des Publikums durchweg positiv gewesen. "Soweit ich weiß steht unsere Internetseite aber in einigen chinesischen Regionen schon auf der schwarzen Liste." Im Zentrum müsse künftig ein neues, kritischeres Bewusstsein im Umgang mit dem vergleichsweise jungen Medium Internet stehen. Ein hohes Maß an Transparenz sei hierfür unmittelbare Voraussetzung. Auch das im Westen zugängliche Netz dürfe sich nicht ausschließen. Auch hier sei das Internet Reglementierungen und Beschneidungen ausgesetzt.

Deshalb sei die Software, die "China Channel" zu Grunde liegt, auch frei erhältlich und der Quelltext offen. "Interessierte Programmierer können es umschreiben, um zum Beispiel das deutsche Internet mit dem der USA öffentlich vergleichen zu können", so Leingruber.

http://www.chinachannel.hk

Autor: Sebastian Kaiser