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05. Dezember 2009 17:59 Uhr

Lyrik

Christiane Langer: Das Gewicht der Luft

Sie erhält das Große Literaturstipendium Baden-Württembergs 2009: Die Ulmer Lyrikerin Christine Langer. "Lichtrisse" heißt ihr Lyrikband von 2007.

Friederike Mayröcker entzückt sie, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nimmt sie für sich ein, und auch die Juroren im Ländle zeigen sich angetan und erkennen ihr für 2009 das Große Literaturstipendium Baden-Württembergs zu: Ihre Wahl hat mit Christine Langer eine genuine Lyrikerin getroffen, die abhebt, sicherer getragen als der Schneider von Ulm von der Luft, deren Gewicht sie neu vermisst: poetisch im Wortgewölk, das "Lichtrisse" zeichnen, die durch geschlossene Fensterläden brechen, ihren Vettern verwandt des nicht abgeschotteten Tages; umschließenden Schattenrissen gleich, die bergend verbergen, nicht zerreißenden Blitzen. Zuallermeist sanft, erschließt die Literatin des Menschen Leben und Tod als Selbstverständliches, gespiegelt in Natur, deren Erscheinungen Chiffren werden, sich dem kundig Gemachten enträtselnde Bilder.

Christine Langer ist nicht nur mit ihrem schmalen Werk – erste Gedichte entstanden schon 1982 – ein Begriff, sondern auch als Sprecherin des Bundesverbandes junger Autorinnen (seit 2004) und als Chefredakteurin der "Konzepte. Zeitschrift für Literatur", die sie bis 2003 mit Markus Orths zusammen herausgab: ein wichtiges Magazin, das Fenster öffnet ins schriftstellerische Schaffen der Gegenwart – etwas lyriklastig, doch immer wieder auch ein willkommenes Forum für Essays, Erzählungen, Hörspiele. Die dreißigste Nummer ist erschienen.

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In der Stadt Albrecht Berblingers 1966 geboren, bis heute in Ulm lebend wirkend, kann Langer "in Höhen fallen", eine im scheinbaren Paradox geübte Schneiderin des Stoffes, aus dem das Leben ist: Sicher gleitet sie dank ihres Sprachzaubers, unangestrengt – und noch "die Schwalbe bringt im Sturzflug ein ganzes Meer / Von Worten, ein jedes steht für Geschichte".

Den Blick richtet sie auf das Unscheinbare, wie im "Treppenaufgang" einst, dann in der "Studie für Fotografen" in den "Lichtrissen" nun: Häufig gelingende Wortfindungen erlauben ihr eigene Erkundungen des in seiner Wiederkehr nie und doch stets neuen ewigen Wunders -– in ihrer Natur- und Lebenslyrik, die um Eros und Thanatos kreist wie seit je.

Gedanken geben sich hin, wo ein Wort das andere gebiert im Spiel, assoziativ, alliterierend, assonierend, lautmalerisch, mit Synaloephen, Synkopen zur Musik drängend, entgrenzt ins Unberührbare, Unsagbare, unaufgeregt hingenommen Unabänderliche – zeitlos, ortlos, innerlich, bezogen auf ein sich verströmendes Ich, das Natürliches einsaugt: ganz Kreatur, Teil dieser Welt, jenseits aufgesetzter Verzweiflung an ihr. Des Lebens Fülle wird gefasst in einen Augenblick, nicht zu halten, ein Signum des Vergehens jeder. Und jeder weist hinaus über sich, wo "Jahre, geborgen in Zweigen, rascheln aufs Neue". Vertont wurden Werke Langers denn auch in der "Donausuite" von Orchestern aus Bukarest, Linz, Preßburg und Ulm sowie, im kreativen Dialog, experimentell "Bodenlos & Kirschenrot" von Martin Schmitt und Reinhard Köhler.

Die um das "Delirium der Sinne" weiß, führt den willigen Leser in die Schule des Sehens – "Tage lichtdurchkreuzt", schaut sie und "Goldlaub", "Die Wolken, Tonleiter im Fluß, / Bestimmen das Ausmaß neu, so leicht, / Das Sehen, das Augenschließen, / Das Tragen der Luft -"; des Hörens aber auch, lassen "schneeknisternde Schritte" sie aufhorchen, die noch, herbstelt es, das Geräusch verschrumpelnder Blätter vernimmt, "Molltöne im Geäst"; des Schmeckens von "Holunderblut" nicht nur; des Riechens von Feuchtwurzelndem auch; des Fühlens von "Haar und Haut", mit Haut und Haar liebend, zum sechsten Sinn sich tastend in erotischen Versen.

Jeder Erscheinung der Natur, die in Christine Langer eine empfindsame Beobachterin findet, misst sie Bedeutung zu als Zeichen des Lebens, "dem Himmel zugewandt, dem Herz": Transgressionen ins Wunder des Seins mit seinen natürlichen Grenzen. Dem Tod nicht entgehen können – und im Bewusstsein dessen über Pfützen springen, sinnenfroh wie ein Kind im Oktober, dessen Kleid das Rot der Hagebutte leiht am Busch "Mit kleinen dünnen Blättern die zerfallen / Würden beim Zerreiben": So wird Philosophie Dichtung. Beinah barock das Bekenntnis zum Leben, darin wir vom Tod stets umfangen sind! "Lichtrisse an der Wand werden zum Wolkengetümmel"; selbstvergessen, selbstverloren schwebt in ihm das Ich: "Wahrhaft lebt, der im Lichtriß vergeht".

"Jede Ankunft bleibt flüchtig mit wechselndem Ziel", weiß das Alter in seiner schrumpfenden Zukunft "Mit der Gewißheit eines Tages". Des Lebens Lust und Last besingt Langer und das Begehren, den kleinen Tod liedhaft, kantabel; und sie weiß, "Birgt sich Angst unterm Moos", wie auch immer beschienen. Die Wandelgänge des Daseins beleuchtet sie, die den "Trionfo del tempo e del disinganno" nicht nur bei Händel kennt, Narben, Risse, Enttäuschungen. "Klärender Sommertag": "Der Herbst am Grund des Erwartens". Es bleibt "der Schwindel / Beim Anblick /Dieser sekundenverspielten Form / Des Lichts", das wandelt, verwandelt: "Der Glaube ein Spiel /Und nur der Schatten gewichtet".

Christine Langers Sätze sind Atemzüge der Schrift. "Die Spur des Bleistifts / Gleicht dem Fortbestehen des Atems." Dies bleibt. "Solange der Weg mein / Atem weich und warm sich / Gedanken öffnen mondwärts / Tröstet Schweigen."

– Christine Langer: Lichtrisse. Gedichte. Verlag Klöpfer & Meyer, Stuttgart 2007. 115 Seiten, 16,90 Euro.

Autor: Michael J. H. Zimmermann