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03. Oktober 2009 17:50 Uhr

Kundgebung in Colmar

Atomkraftgegner demonstrieren friedlich gegen Fessenheim

Mit einer Kundgebung in Colmar haben Tausende Atomkraftgegner gegen den Weiterbetrieb des französischen Kernkraftwerks Fessenheim am Rhein protestiert. Auch viele Südbadener waren dabei.

  1. Gute Laune und drastische Bildersprache: die Anti-Fessenheim-Demo in Colmar. Foto: dpa

  2. Gute Laune und drastische Bildersprache: die Anti-Fessenheim-Demo in Colmar. Foto: dpa

  3. Gute Laune und drastische Bildersprache: die Anti-Fessenheim-Demo in Colmar. Foto: dpa

Wer in Colmar einen autofreien Nachmittag erleben wollte, der konnte das an diesem Samstag im Bereich des Bahnhofs. Zum Schutz gegen mögliche Randalierer hatten die Präfektur und der Oberbürgermeister von der Avenue Poincaré aus (der Zufahrtsstraße Richtung Bahnhof) die Querstraßen zur Altstadt absperren lassen. Mit einem Polizeiaufgebot von 3000 Polizisten, Gendarmen und Spezialkräften lag die Zahl der an Tag in Colmar anwesenden Uniformierten gleichauf mit der zumindest von der Präfektur veröffentlichten Teilnehmerzahl der Kundgebung gegen das Atomkraftwerk im elsässischen Fessenheim. Die Veranstalter gehen von mindestens 10.000 aus, die aus Südbaden, der Schweiz, aus dem Elsass und vielen anderen französischen Regionen in Colmar für die Stilllegung von Frankreichs ältestem Atomkraftwerk friedlich demonstrierten.

Das bunte Volk aus tausenden Umweltschützern und Atomkraftgegnern belehrte den Oberbürgermeister Gilbert Meyer eines Besseren, der noch Anfang der Woche per städtischem Erlass mit Straßensperrungen, teils auch für Fußgänger, verhindern wollte, dass Demonstranten Richtung Innenstadt vordringen konnten. Die Umweltverbände klagten mit Erfolg vor dem Straßburger Verwaltungsgericht. Die massive Polizeipräsenz verhinderte das nicht mehr, ebenso wenig, dass kurz vor Beginn der Kundgebung auf dem Bahnhofsplatz Helikopter über der Stadt zu kreisen begannen, so dass die Redner teilweise nur schlecht zu verstehen waren.

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Anlass des Protests: Im Akw Fessenheim beginnt die Zehnjahresinspektion zunächst von Block eins, Mitte 2010 folgt Block zwei. Von ihrem Ergebnis und der Empfehlung der französischen Atombehörde hängt die Laufzeitverlängerung des Atomkraftwerks ab.

SCHWEIGEMINUTE UND SIRENENGEHEUL

Der grüne Senator und Bürgermeister von Wattwiller Jacques Muller fordert seit Langem, aus dem vor 32 Jahren ans Netz gegangenen elsässischen Akw einen Versuchsstandort für die Demontage einer nuklearen Anlage zu machen. In Frankreich, wo die Nuklearenergie noch mehr als anderswo in Europa als saubere Energie gilt und eine starke, nicht zuletzt staatliche Lobby hat, stoßen die Demonstranten mit ihrer Aktion auf taube Ohren. "Wir haben das Gefühl, es steht schon längst fest, dass Fessenheim weitere zehn Jahre ans Netz darf", sagt Rémy Verdet von den französischen Anti-Atomkraftaktivisten "Réseau sortir du nucléaire", die vorrangig die Großveranstaltung in Colmar organisiert haben.
Eine Schweigeminute und Sirenengeheul stellten symbolisch einen nuklearen Unfall dar. In der Menge waren selbst gebastelte Hüte mit Sonnenblumen und Kostüme, die Giftmülltonnen darstellten, zu sehen.

Ursprünglich waren die Kundgebung und eine Demonstration – letztere gaben die Veranstalter nach dem Zwist mit den Behörden auf – an der Place Rapp und am Marsfeld gegenüber der Präfektur geplant. Angesichts der angekündigten hohen Teilnehmerzahl von mehreren Zehntausend verbot der Präfekt aus Sicherheitsgründen die Veranstaltung vor der Präfektur.

LANGE VERZÖGERUNGEN DURCH GRENZKONTROLLEN

Schon am Morgen waren bis auf die nördliche Autobahnausfahrt die Zugänge zur Stadt gesperrt, Radfahrer und Busse aus Südbaden wurden an der Grenze kontrolliert, nach den Regeln, die angewandt werden, wenn Fußballspiele anstehen. Die Präfektur ließ im Laufe des Nachmittags, als sich in der Menge vor dem Bahnhof Gerüchte verbreiteten, es würden Demonstranten vor der Stadt aufgehalten, ausdrücklich mitteilen, dass von Deutschland kommende Busse mit Demonstranten nicht angehalten, sondern lediglich kontrolliert würden. Entsprechend lange fielen die Verzögerungen aus, so dass zahlreiche Demonstranten erst lange nach Beginn der Kundgebung eintrudelten.

An diesem Tag konnte man in Colmar auch verzweifelte Touristen antreffen, die zunächst lange nach einem Parkplatz gesucht hatten und anschließend vor den Straßensperren zurückschreckten. Selbst die Bahnhofshalle war vorsorglich geschlossen. Bis auf gelegentliche Taschenkontrollen ließen die Gendarmen jedoch Fußgänger problemlos durch. Verwundert waren dennoch - wie Axel Mayer, der als Vertreter des BUND auf dem Podium sprach - viele, die kürzlich in Berlin mit 50.000 gegen Atomkraft demonstriert und in der Hauptstadt nicht so viele Ordnungshüter gesehen hatten.

"Man spürt, dass die Autoritäten hier mit der Bewegung nicht umgehen können, weil die Lager sich nicht kennen", sagte Reinhard Zimmermann, ein Deutscher, der im Elsass lebt. Ihr Versagen beim Nato-Gipfel im April in Straßburg nähmen sie jetzt zum Vorwand, um diese Bewegung zu kriminalisieren.

Autor: Bärbel Nückles