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11. August 2010

Der Sänger und die Kleinwüchsige

Altrocker à la française: Jacques Dutronc trat in Colmar auf.

  1. Nie ohne Sonnenbrille auf der Bühne: Jacques Dutronc Foto: afp

Die Zigarre steckte er sich erst nach der Zugabe in den Mund. Aber die Sonnenbrille hatte er von Anfang an auf und behielt sie auch auf. So wie er auch die lange Lederjacke nicht ablegte. Jacques Dutronc gibt den Altrocker. 67 Jahre ist er jetzt alt, sein jüngstes Album ist auch schon sieben – und seit 17 Jahren ist er nicht auf Tournee gewesen.

Dafür jetzt. Seit Januar macht der Sänger seine persönliche Tour de France. Es ist eine Comeback- und eine Abschiedstournee in einem. Am Montag führte sie ihn nach Colmar, ins Amphitheater auf dem Messegelände. Im Konzertprogramm der Foire aux vins, der Weinmesse, trat er auf.

Was passte und doch nicht passte. Dutronc, das war früher der Sänger mit der Zigarre in der einen und dem Whiskyglas in der anderen Hand. Der Pariser Dandy, der seit Mitte der 60er Jahre amerikanischen Rock ’n’ Roll und britischen Beat mit französischen Texten zu satirischen Hymnen vermählte. "Et moi, et moi, et moi", "Les Playboys", "Les Cactus" – Dutroncs Hits gehören in Frankreich zum kulturellem Allgemeinwissen. Und schafften seinerzeit auch den Weg nach Deutschland, in Jukeboxes von Milchbars, in denen französische Besatzungssoldaten verkehrten, auf studentische Plattenspieler. Auch als Partner und späterer Ehemann von Françoise Hardy war Dutronc bekannt.

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Mit "Et moi, et moi, et moi" beginnt er auch sein Colmarer Konzert, mit dieser trotzigen Selbstbehauptung des französischen Kleinbürgers gegen die ganze Welt: "Sept cent millions de chinois / Et moi, et moi, et moi" – siebenhundert Millionen Chinesen und ich und ich und ich. Es ist distanzierte Parodie und identifikatorisches Porträt zugleich, dieses Lied. Dutronc hat den Franzosen einen Spiegel vorgehalten, in dem auch er selbst zu sehen war. Er gehörte nicht zu den "engagierten" Sängern der 60er, die selbstgerecht die schlechte Welt anprangerten. Er habe eine im Show-biz einmalige Haltung erfunden, schrieb sein Biograph Michel Leydier über Jacques Dutronc: "détaché et attachant", ungebunden und fesselnd, zugleich.

Im Konzert zeigt er dieselbe Zweiseitigkeit. Er ironisiert sich selber, er nuschelt seine Ansagen hin, er schmeichelt dem Publikum kaum. Um dann mit seiner Band richtig loszulegen. Mit zwei Gitarristen, Tastenmann und Rhythmusabteilung macht er aus dem schmalbrüstigen Beat von früher einen breitschultrigen Rock von heute. Die Riffs werden kraftvoll vorgetragen, und es wird deutlich, was für ein effektiver Komponist Dutronc war, wie er die Texte seines Kompagnons Jacques Lanzmann in griffige Akkordfolgen übersetzte. Sie haben von ihrer Wirkung nichts verloren. "Les cactus", "On nous cache tout, on nous dit rien", "Qui se soucie de nous" – gerne lässt Dutronc seine Gitarristen auch auftrumpfende Soli spielen. Seine Stimme, die tiefer geworden ist, passt bestens zu dem Bluesrock.

Der Crooner Dutronc allerdings, als der er sich nach den Anfängen entpuppte, er kommt an diesem Abend kaum zum Vorschein. Sein Paradechanson "Il est cinq heures, Paris s’eveille" über die Nachtschwärmer und die Morgenstimmung in der französischen Metropole, wird ziemlich flott gespielt. Immerhin mit der Flöte, welche die sonstige Background-Sängerin spielt, die sich nach einigen Stücken zur Band gesellt hat.

Bei "Fait pas ci, fait pas ca" verkörpert ein Rapper die heutige Jugend

Noch mehr Leute kommen auf die Bühne. Bei "Fais pas ci, fais pas ca", der Satire auf autoritäre Eltern, darf ein Rapper mittun, der die heutige Jugend verkörpert. Und dann sind da noch ein Steptänzer – und die kleinwüchsige, stark geschminkte Frau in Rot, die Trinkerwitze erzählt: Verlangt ein Mann in der Kneipe zwei Bier. Fragt die Kellnerin: "Des pressions?". Er versteht "depression" und antwortet "non, alcoholisme". Da ist sie wieder, die ehrliche Selbstironie des Jacques Dutronc. Der ja längst trockener Alkoholiker ist, aber mit dem alten Image noch spielt: Als er auf der Bühne aus der Wasserflasche trinkt, lässt er die Videowand abschalten, schließlich habe er einen Ruf zu verteidigen. Die Zigarre blieb auch unangezündet.

Autor: Thomas Steiner