New York

Die Freiheitsstatue wird heute 130 Jahre alt

Ruben Moratz

Von Ruben Moratz

Fr, 28. Oktober 2016

Colmar

Die Freiheitsstatue wird heute 130 Jahre alt –       ihr Schöpfer kam aus Colmar und wird dort geehrt.

Ein Mann mit braunem Rauschebart und langem Mantel steht auf einer windigen Brücke und blickt über die Stadt. Er sieht lange Kais und viele niedrige Häuser, von welchen Rauch aufsteigt. Es ist der 8. Juni 1871 – die Stadt heißt New York, sie ähnelt dem heutigen Amsterdam. Hinter den leuchtenden Augen des 37- Jährigen, der die USA zum ersten Mal bereist, verfestigt sich in diesem Moment ein Plan: Er will diese Stadt mit einem Kunstwerk schmücken, ihr ein Monument der Freiheit und Hoffnung schenken – eine Freiheitsstatue.

Mehr als 15 Jahre Träumen, Planen, Bauen liegen zu diesem Zeitpunkt noch vor ihm. Erst am 28. Oktober 1886 wurde die "Lady Liberty" eingeweiht – heute vor 130 Jahren. Ihr Schöpfer, der Visionär auf der Brücke, hieß Frédéric-Auguste Bartholdi. Er vollbrachte in der Freiheitsstatue sein Meisterwerk – und hat seine Wurzeln im Elsass.

Geboren wurde Bartholdi 1834 in Colmar als Mitglied einer wohlhabenden Familie. Geldsorgen kannte er nicht, was ihm eine unbeschwertes Künstlerleben ermöglichte. Der Mann von Welt unternahm selbstverständlich zahlreiche Reisen: Bartholdi sah die erste Weltausstellung 1851 in London und erkundete seine französische Heimat ausgiebig. Die Reiselust trieb den jungen Künstler 1856 bis nach Ägypten, in den Jemen und nach Abessinien, das heutige Äthiopien. In seinem Rückreisegepäck nach Frankreich befanden sich etwa 100 Fotografien – darunter die ersten Bilder, die jemals in Südarabien geschossen wurden. Außerdem mehr als 200 Zeichnungen, die ihn zu verschiedenen Bildhauereien anregten. Keine andere Idee faszinierte ihn jedoch wie jene, die ein Mann namens Édouard René Lefebvre de Laboulaye im Jahr 1865 an ihn herantrug.

Der Journalist, Politiker und Amerika-Liebhaber Laboulaye meinte, dass in den USA ein Symbol der Freiheit errichtet werden müsse – zum 100-jährigen Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung, also im Jahr 1876. Und Frankreich, als Seelenverwandter, habe sich daran zu beteiligen. Bartholdi war begeistert und mobilisierte in beiden Ländern Geldgeber. Sie planten ein Mammutprojekt: 46 Meter hoch und 254 Tonnen Kupfer schwer. Zum Jubiläum wurde nur die rechte Hand fertig – die goldene Fackel tragend wurde das erste Teil bei der Weltausstellung in Philadelphia präsentiert. Die Amerikaner nahmen es euphorisch auf, sodass sich Bartholdi die folgenden Jahre ganz dem Vorhaben widmete. Im Jahr 1884 war die Statue fertig, stand jedoch in Paris, wo sie gebaut wurde. Zerlegt und in etwa 300 Kisten verpackt, ging Lady Liberty im Mai 1885 auf einmonatige Schiffsreise nach New York. Dort wurde sie schließlich unter großem öffentlichen Interesse mit Militär- und Schiffsparade eingeweiht. Bartholdi hatte es geschafft – seine Vision wurde Wirklichkeit: Er hatte zwischen den beiden großen Nationen eine Verbundenheit sichtbar gemacht, welche sich auf Unabhängigkeit und Freiheit beruft.

Die Stadt Colmar hat ihrem berühmten Sohn ein Museum gewidmet. Obwohl Bartholdis Familie schon bald nach Paris umsiedelte, befinden sich heute fast alle Werke des Künstlers in seiner Geburtsstadt. Seit den 1920ern können im Bartholdi-Museum Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen des Bildhauers bewundert werden. Auch der älteste bekannte Entwurf der Freiheitsstatue befindet sich dort – ursprünglich noch Bartholdi-Statue genannt. Anhand von Fotografien, Skizzen und ersten Miniaturskulpturen kann der Besucher einzelne Phasen des Baus nachvollziehen. Obwohl es das vielleicht bekannteste Monument der Welt ist, eine technische Meisterleistung des 19. Jahrhunderts, sind es keine imposant inszenierten Ausstellungshallen, in welchen ihre Genese betrachtet werden kann. Nein, es ist das Wohnhaus der Bartholdis selbst, ein Maison im Stil des französischen Klassizismus – eingerichtet mit geschwungenen Sesseln, verzierten Kommoden und goldenen Bilderrahmen. Nach dem Tod des Bildhauers veranlasste seine Frau, dass das Haus mit Kunstwerken gefüllt und zur Besichtigung geöffnet wurde. Sie stellte nur eine Bedingung: "Der Museumskonservator hat immer der protestantischen Religion anzugehören – und er muss Colmarer sein!"

Weitere Infos: Bartholdi-Museum in Colmar,

Mi-Mo 10-12 und 14-18 Uhr, 5,50 Euro, Lehrer und Senioren: 3,50 Euro,

Kinder und Studenten: frei

http://www.musee-bartholdi.fr