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04. Juli 2010 19:20 Uhr
Das 22. Festival International in Colmar
Klassik-Sommermärchen à l’Alsace
Das Festival International de Colmar gehört zu den großen Klassikereignissen des regionalen Festspielsommers. In diesem Jahr stehen russische und französische Werke im Mittelpunkt – Impressionen vom Festivalauftakt.
Das (Fußball-)Sommermärchen endet abrupt links des Rheins. Das einzige, was einen derzeit beim Spaziergang durch Colmar ausbremsen kann, sind die Touristengruppen, die von vollklimatisierten Reisebussen ausgespuckt werden. Keine Fans, keine Autokorsos, keine Tricolore. Außer an öffentlichen Gebäuden. Da hätte die Banderole zum 22. Festival International de Colmar eine reelle Chance, dem Bleu-Blanc-Rouge den Rang abzulaufen. Aber irgendwie, so scheint es, ist die elsässische Stadt gar nicht so richtig daran interessiert, sich ein ergänzendes Image zur bekannten Fachwerk- und Puzzlescheibenromantik zuzulegen. Das Fremdenverkehrsmotto "Colmar – l’alsace magique" genügt, und so übt sich die Elsassmetropole im Vergleich zu anderen Festspielstädten in vornehmer Zurückhaltung gegenüber einem Klassikfestival, das unter der Leitung des bald 66-jährigen Weltklassegeigers Wladimir Spiwakow noch immer hohen künstlerischen Rang besitzt. Aber auch das Festival selbst ruht in gewisser Weise in sich selbst, richtig Neues, Überraschendes findet man auch in diesem Jahr kaum. Und dass das gut gemachte, an Details reiche 180 Seiten starke Festivalbuch nach wie vor nicht einmal englische, geschweige denn deutsche Übersetzungen der Essays parat hat, die spärlichen deutschen Formulierungen auf den Besetzungszetteln dafür gespickt mit Rechtschreibfehlern sind, steht im krassen Widerspruch zum Etikett "international".
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Das Programm kann solches indes auch in diesem Jahr für sich beanspruchen. Entgegen der üblichen Praxis, es großen Interpreten zu widmen, stehen dieses Mal zwei große Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt: Maurice Ravel und Sergej Rachmaninow. Damit ist das Festival ein gewichtiger Beitrag zu dem von den Präsidenten Sarkozy und Medwedew ausgerufenen französisch-russischen Jahr 2010, zieht es doch den dramaturgischen russisch-französischen Faden, von ein paar Ausnahmen wie Grigory Sokolovs Bach-Brahms-Schumann-Standardprogramm gestern Abend abgesehen, mit erstaunlicher Konsequenz durch.
Zum Beispiel an den beiden Eröffnungsabenden. Das Orchestre National du Capitole de Toulouse und sein aus Ossetien stammender junger Chefdirigent Tugan Sokhiev sind schon formal eine exzellente Paarung für den binationalen Ansatz. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie sind es auch künstlerisch, und dies in einem geradezu überwältigenden Maß. Nicht nur Insider schätzen den Klangkörper aus der Airbus-Stadt an der Garonne, das sich unter seinem langjährigen Chef Michel Plasson auch international einen Namen gemacht hatte, als exzellenten Botschafter der französischen Sinfonik und des französischen Musiktheaters. Beim Eröffnungsstück am Freitagabend in der nicht ganz ausverkauften Kirche St. Mathieu wird deutlich, dass sich dieses Orchester sein spezifisch französisches Klangidiom bewahrt hat. In Ravels Suite zu "Ma Mère l’oye" wird man eines enormen Reichtums an Farben und feinen Nuancierungen gewahr, die zumal durch einen hinreißend nasal-französisch geprägten Holzbläsersatz geprägt werden. Die Musiker verzaubern mit Ravels Zaubergarten aber ebenso wie mit Rachmaninows "Sinfonischen Tänzen". Deren rhythmisch-instrumentatorisches Niveau gleichwohl in seinen Raffinessen und klingenden Parfums dem französischen à la Ravel sehr nahe ist. Womöglich hätte der Komponist, hätte er diese Interpretation des brachialen rhythmischen Grundduktus’ des ersten Satzes, der Ravel-gleichen Orgiastik des Walzers und der höllischen Danse macabre am Ende erleben dürfen, seine Widmung des Stücks an das Philadelphia Orchestra auch den Toulousern zugeeignet. Postum.
Auch die beiden Solistenkonzerte lassen aufhorchen. Da ist Geneviève Laurenceau, die Konzertmeisterin der Toulouser mit Prokofiews zweitem Violinkonzert. Ihr samtig-silberner, sinnlicher Geigenton, ihr ausgeprägtes Gespür sinfonisches Miteinander sowie ihre ausgesprochen reife Bogen- und Grifftechnik sind Attribute der Solistenqualitäten dieser sympathischen Künstlerin. Und da ist am Vorabend Bertrand Chamayou. Der junge französische Pianist zeigt mit Ravels G-Dur-Klavierkonzert eindrucksvoll, weshalb er zu den großen Klavierhoffnungen seines Landes gehört. Neben stupender Anschlagtechnik, etwa beim Schlusssatz, dessen schnurrende Motorik an eine von Jean Tinguelys Fantasiemaschinen erinnert, überzeugt er vor allem mit einer Legatospielkunst in den unteren dynamischen Bereichen von hoher Reife: ein Pianist, bei dem Motorik nicht Selbstzweck ist und der den Dialog mit dem Orchester förmlich herausfordert.
Dessen prächtige Verfassung wiederum hat sicher viel mit seinem Chef zu tun. Tugan Sokhiev führt die Toulouser wie ein Zauberer durch die Stücke, mit einem bemerkenswerten Gespür für das Abmischen des Klangs und die Kunst des Abphrasierens. Bei ihm ist Musik Ausdruck subjektivster Emotion, und so kann es passieren, dass ein Werk wie Tschaikowskys "Capriccio italien" vergleichsweise uninspiriert, metrisch brav daher kommt, die fünfte Sinfonie des russischen Romantikers dagegen zur musikalischen Offenbarung wird. Da paaren sich Tschaikowskys schwermütig-pastose Klänge mit höchster Entäußerung der Gefühle, und dies auf beispielhaftem Interpretationsniveau. Trotz unerhört hoher Temperaturen und den der Perfektion des Zusammenwirkens keineswegs dienlichen Raumverhältnissen auf dem Podium versetzen Dirigent und Musiker sich – und das Publikum – in einen Musizierrausch nach dem andern. Der Beifall ist enthusiastisch, das Orchester in Zugabenlaune. Ein Slawischer Tanz von Dvorák am zweiten Abend, und – fast wie ein Wiegenlied – das Vorspiel zum dritten Akt aus Bizets "Carmen" am Eröffnungstag. Eine Hommage an Ehrendirigent Michel Plasson...
– 22. Festival International de Colmar noch bis 13. Juli
Autor: Alexander Dick
