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16. September 2011
Pianistische Wunderwelt
Das Yaron Herman Trio beim Festival Jazz de Colmar.
Vor zehn Jahren brach er sein Studium am berühmten Berklee College of Music in Boston ab, weil es ihm zu wettbewerbsorientiert war. Auf dem Flug zurück in seine Heimatstadt Tel Aviv machte er einen Zwischenstopp in Paris, wurde nach einer Jam-Session gleich engagiert und blieb in der französischen Hauptstadt hängen – bis zum heutigen Tag. Dank seines beeindruckenden Talents und seiner außergewöhnlichen Energie war Yaron Herman rasch anerkannt und gilt seit langem als Jazz-Pianist der Zukunft.
In Frankreich begeisterte er bereits neue Hörerschichten für den Jazz. Vor drei Jahren gewann Herman dort den "Victoire du Jazz" als bester neuer Instrumentalist. Das renommierte deutsche Jazzlabel Act nahm ihn vergangenes Jahr unter Vertrag. Jetzt war der 30-Jährige beim Festival Jazz de Colmar Gast, wo er mit seinem Trio den internationalen Reigen des Festivals einleitete.
In einem siebenminütigen Solo führt Herman sogleich in seine pianistische Wunderwelt ein, eine Musik jenseits aller Genre-Grenzen. Ungeniert verwischt er die Trennlinien zwischen Jazz, Pop und Klassik. Er zieht das Publikum im ausverkauften Kulturzentrum CREF in ein Reich voller Innovation, Spielfreude und unerschöpflicher Energie. Sich überschlagende Akkorde verdichten sich ins Orchestrale, Melodien schälen sich heraus, Lyrisches ergibt sich schließlich.
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Dieser Pianist, der sich immer wieder von seinem Sitz erhebt, um noch druckvoller, noch dynamischer agieren zu können, verfügt über vielerlei Stile, die er aus seinem Hut zaubert. Perlende Läufe, lyrische Reflexion, freie Ausbrüche, swingende Rasanz und eine Portion Mozart oder Bach machen seine Merkmale aus, von den Folkloren unserer Welt ganz zu schweigen.
In den Ruhepausen nutzen die beiden Begleiter den Moment, um sich zu beweisen. Dezent finden sie ins Spiel, das von Anfang an von inspirierter Kommunikation und blindem Verständnis geprägt ist. Stephane Kerecki ist tief über den Kontrabass gebeugt, spielt munter und intensiv, lässt gelegentlich die Saiten auf den Steg knallen. Schlagzeuger Jeff Boudreaux ist von ruhiger Ausstrahlung und souveränem Gestus. Er gefällt mit exzellenter Besenarbeit und vermag auf den Becken allerhand Klangfarben zu zaubern. Das Trio assimiliert brillant all seine Einflüsse, alle Energien und musikalischen Strömungen unserer Zeit in eine eigene Sprache – eine Sprache voller Originalität, Authentizität und Emotion.
Daran mangelte es beim anschließenden Roy Hargrove Quintett beträchtlich. Die US-Stars gaben sich allzu siegessicher, spielten uninspiriert und klebten an sattsam bekannten Klischees. Kein Vergleich zum fulminanten Auftritt des Quintetts vor fünfeinhalb Jahren im Jazzhaus Freiburg. Freilich hatte sich der Trompeter damals von einer zupackenderen Rhythmusgruppe begleiten lassen. Heute singt er düster "Never Let Me Go": Der Song aus einem Michael-Curtiz-Thriller, den einst Nat King Cole nonchalant und ganz urban sang, kam wie ein Abgesang daher.
Insgesamt aber war es ein interessanter Abend in Colmar, machte er doch die gegensätzlichen Welten deutlich, in denen der gegenwärtige Jazz lebt: hier die Innovation, dort die Tradition.
– CD: Yaron Herman, Follow the White Rabbit (ACT/Edel). Das Festival Jazz de Colmar läuft noch bis Samstag.
Autor: Reiner Kobe
