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08. August 2011 07:46 Uhr
Konzertkritik
Wie war's bei... Judas Priest in Colmar?
Im Namen der Pommes-Gabel: Judas Priest haben in Colmar eine Werkschau erster Güte hingelegt - inklusive Feuer, Nebel, Rock'n'Roll-Rollator und mehr Kostümwechseln als Lady Gaga.
Der erste Eindruck: Nirgendwo ist Hardrock und Heavy Metal so ein Familienereignis wie bei der Weinmesse in Colmar. Für Judas Priest zieht Papi noch mal seine abgesägte Jeansjacke mit den Aufnähern von Saxon und Running Wild an, wählt Mutti das Strass-T-Shirt mit dem Slogan "Liebe ist für alle da" auf der Brust und dem Rammstein-Logo im Nacken, torkeln Männer jenseits der besten Jahre durch die Gegend, sitzen picklige Jugendliche mit Nietenhandschuhen und Zahnspange neben Erziehungsberechtigten in Allwetterjacken, die gute Miene zum lauten Spiel machen.
Die Set-List: 21 Songs von 15 verschiedenen Alben. Klassiker wie "Breaking the Law", "Painkiller", "You've Got another Thing Coming", "Living after Midnight" oder "Metal Gods", nie vor dieser Tour live Gespieltes wie "Blood Red Skies" und "Never Satisfied", frühe Songs wie "Starbreaker" und "Night Crawler", dazu zwei Coverversionen: Joan Baez' "Diamonds & Rust" und "The Green Manalishi (With the Two Pronged Crown") von Fleetwood Mac zu Peter Greens Zeiten.
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Die Musik: Judas Priest präsentieren zwei Stunden 15 Minuten lang, was die gut 6000 Fans in Colmar erwarten. Sänger Rob Halford kreischt mit freundlicher Unterstützung seiner Helfershelfer Hall und Echo in den höchsten Tönen, dazu gibt’s die beliebten Zwillingsgitarren, stampfende Riffs, donnernde Drums und einen Bass, der die Hosenbeine flattern lässt – dazu ein Repertoire, das das Publikum vor der Tour selbst mitbestimmt hat und die komplette Karriere der Band seit 1974. Die Menge dankt es mit dem fortwährender Zeigen der Pommes-Gabel – dem Metallergruß, bei dem die Faust mit abgewinkeltem kleinen und Zeigefinger in den Himmel gereckt wird.
Die Show: Judas Priest haben Stil. Deshalb gönnen sie sich neben viel Feuer und Nebel auch einen Vorhang. Und: Der wird nicht zur Seite gezogen, sondern fällt ratz-fatz in den Bühnengraben, als es los geht. Gute alte Schule, wie man sie heute viel zu selten sieht.
Der verlorene Sohn: der langjährige Gitarrist K. K. Downing ist kürzlich ausgestiegen – wegen Problemen mit Teilen der Band und dem Management. Ein Hintertürchen aber gibt es. Die aktuelle Konzertreise wird zwar als "Farewell"-Tour verkauft. Damit ist aber nicht der Abschied von der Bühne gemeint. Das ein oder andere Konzert soll es auch in Zukunft geben. Und da würde sich eine Wiedervereinigung ganz gut machen, um die Hütte voller zu kriegen, als es zum Beispiel in Colmar der Fall war.
Der Neue: Tiptons Nachfolger ist Richie Faulkner. Der darf gleich alle Soli spielen und den wilden Mann markieren. Im breitest möglichen Ausfallschritt steht er am Bühnenrand. Die weiße Gibson Les Paul hängt ihm fast bis auf die Knie. Das hat er sich bei Ozzy Osbournes früherem Gitarristen Zakk Wylde abgeschaut. Aber was soll's, es sieht einfach zu cool aus. Dass er sich während dem Spielen regelmäßig an die Stirn tippt und dann wahllos ins Publikum deutet, hat er sich selbst ausgedacht. Aber was soll's, es sieht einfach zu doof aus.
Der Frontmann: Rob Halford wird am 25. August 60 Jahre alt. Immer noch gut bei Stimme, ist seine Verhalten auf der Bühne mit den Jahren etwas exzentrisch geworden. Gibt es im Heavy Metal noch einen anderen Frontmann, der zur eigenen Musik Discofox tanzt? Der auf einer Harley auf die Bühne kommt, es sich dann aber auf der schweren Maschine bequem macht, als ob es sich um einen Rollator handelt? Der eine Reitgerte zwischen den Zähnen trägt, mit der er dann dermaßen kraftlos in der Gegend herumfuchtelt, dass er damit nicht mal ein paar Fruchtfliegen verscheuchen könnte? Der eine immer noch schneidend scharfe Stimme mit der schlaffsten Körpersprache im Showgeschäft kombiniert? Der Mann ist ein Rätsel. Aber vielleicht ist das gerade dessen Lösung.
Der Lady Gaga-Faktor: Bei einem Priest-Konzert stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis. Denn zur Musik gibt es noch eine Metal-Modenschau dazu. Rob Halford schafft in zweieinviertel Stunden mehr Kostümwechsel als Lady Gaga. In Colmar präsentiert er seine aktuelle Kollektion: Jeanskutten mit zweierlei Aufnähern, eine Lederjacke im Bikerstil, vier oder fünf knie- bis bodenlange schwarze Mäntel, glitzernd oder verziert mit Dornen-Nieten, Ketten und allerlei scheppernden Applikationen, deren Verkauf einem Altmetallhändler einen sorgenfrohen Lebensabend garantieren würde. Die spektakulärste Kreationen aber ist ein Art schimmernder Stahlarbeiter-Mantel mit übergroßer Kapuze. Dazu kombiniert Halford einen Dreizack, dessen Zinken Funken sprühen. Wenn's mit dem Metal mal nichts mehr ist: Die gestrenge Topmodel-Macherin Heidi Klum sucht immer Juroren, die einen eigenen Stil haben und auf Sado-Maso stehen.
Bewertung: Mummenschanz, Musik, Materialschlacht – Judas Priest haben in Colmar alles gegeben, was sie konnten. Für Fans eine glatte Eins, für den geneigten Zuhörer auf Dauer etwas einförmig.
Autor: Peter Disch


