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12. August 2011

Zaz und Olivia Ruiz: Das freche Mädchen und die Schokofrau

Eine kennt man in Deutschland, die andere nicht: Die Sängerinnen Zaz und Olivia Ruiz im Konzertprogramm der Colmarer Weinmesse.

  1. Hat Spaß auf der Bühne: Zaz in Colmar Foto: Vanessa Meyer Wircke

  2. Bringt Glamour auf die Bühne: Olivia Ruiz Foto: Vanessa Meyer Wirckel

Sängerinnen gibt es in Frankreich so viele wie Sandkörner am Mittelmeer. Dass es aber eine von ihnen schafft, auch in Deutschland erfolgreich zu werden, ist so selten wie Hitzetage an der Nordsee. Und es hat immer etwas Zufälliges an sich. Was zum Beispiel hat Zaz, das Olivia Ruiz nicht hat? Die eine steht derzeit in Deutschland in den Top Ten, die andere kennt hier zu Lande kaum einer. Dabei haben sie in Frankreich beide ganz ähnlich Karriere gemacht – und waren beide jetzt im Konzertprogramm der Colmarer Weinmesse zu erleben.

"Je veux" heißt der Hit von Zaz. Geschrieben für sie schon 2007 vom Produzenten Kerredine Soltani. Damals war die Sängerin, die abseits der Bühne Isabelle Geffroy heißt, noch unbekannt. Was sich änderte, als sie 2009 den Talentwettbewerb "Génération Réservoir" im Pariser Olympia gewann. Sony gab ihr einen Plattenvertrag, der bekannte Kollege Raphael schrieb ihr drei Lieder, im Herbst 2010 erschien das Debütalbum "Zaz". Mehr als eine Million mal ist es seither in Frankreich verkauft worden.

Womit Zaz in ihrer Heimat noch nicht zu den ganz Großen gehört. Beim Konzertabend in Colmar muss sie vor Ben L’Oncle Soul (Ticket vom 3. August) auftreten. Der Retro-Soul-Sänger ist der größere Star. Für Zaz bleibt nur eine Stunde vor ihm (und nach der Vorband Été 67). Die allerdings nutzt Zaz so gut aus, dass man nur wenig vermisst, wenn man eigens ihretwegen angereist ist.

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Die 31-Jährige wirkt immer noch wie ein freches Mädchen aus der alternativen Fraktion. Sie hüpft herum, zeigt dem Publikum in der Freiluftarena in Colmar, wie man aus dem Unterleib heraus schreit, mischt das Bühnengeschehen auf. "Je veux", in dem sie im Gegensatz zum Titel besingt, was sie alles nicht will (die Suite im Ritz, Schmuck von Chanel, den Eiffelturm), beginnt sie mit einem Intro, das mit tibetischen Klangschalen anfängt, dann dramatisch wird – und auf einmal abrupt stoppt. Zaz sagt "Bonsoir", als ginge sie jetzt von der Bühne. Und nach dem verblüffenden Moment geht das Lied richtig los. Immer bereit für Unerwartetes, bloß nicht machen, was alle machen.

Dabei macht Zaz musikalisch so Unerwartetes nun auch wieder nicht. Mit ihrer vierköpfigen Band setzt sie die Lieder ihres Albums auf der Bühne zwar etwas fixer um, aber so, dass der Mix aus Sinti-Swing und Chanson, Pop und (mehr als auf der CD) Rock seinen Charme behält.

Was bei aller Mädchenhaftigkeit an Zaz beeindruckt, ist ihre Stimme. Nicht nur des rauen Timbres wegen, das an Patricia Kaas erinnert. Zaz kann mit ihrem Gesang so wendig umgehen, dass sie mit jazzigen Scats Liedern wie "J’aime à nouveau" lebendige Verzierungen mitgeben kann, die live besonders hübsch sind. Auch ihre durch die Faust gesungenen Bläserimitationen, etwa in "La fée", sind witzig. Und die Ballade "Éblouie par la nuit" singt Zaz so beeindruckend in hoher Lage, dass man meint, es stünde auf einmal eine andere Künstlerin auf der Bühne.

Dass Zaz den Sprung über die Grenze zu uns geschafft hat, hat bestimmt mit dieser Stimme zu tun. Aber ohne ihre Plattenfirma wäre es nicht dazu gekommen. Die setzte im vergangenen Herbst ihren PR-Apparat in Gang, Medien von der Brigitte bis zu den Tagesthemen bissen an (die BZ nicht, es sei hier zugegeben), die Radios nahmen "Je veux" in ihre Playlists auf, das Stück wurde zum Hit.

Olivia Ruiz hat auch einen: "La femme chocolat" heißt das Stück von 2005, in dem sie nach dem Genuss zu vieler Tafeln fürchtet sich in eine Frau aus Schokolade zu verwandeln. Das gleichnamige Album, ihr zweites, verkaufte sich in Frankreich wie das Debüt von Zaz mehr als eine Million mal. Ruiz war zuvor auch durch einen Talentwettbewerb bekannt geworden: die "Star Academy", quasi "Frankreich sucht den Superstar". 2001 war Ruiz ins Halbfinale gekommen, hatte sich viele Sympathien erworben. Ins Mainstream-Geschäft ging sie aber nicht, tat sich stattdessen privat und musikalisch mit Mathias Malzieu zusammen, dem Kopf der Indieband Dionysos. Und macht seitdem Musik, die viel Witz hat und munter die Genres mixt: Balkan und Surf, Rock ’n’ Roll und Flamenco, Pop und Chanson.

Olivia Ruiz ist am Mittwochabend in Colmar die Hauptperson, vor ihr darf der katalanische Rock-Chansonier Cali eine Stunde lang ran. Ruiz kommt dann mit achtköpfiger Band, es werden ausgefallene Instrumente gespielt: Die Ukulele leitet "J’aime pas l’amour" ein, das Titellied von Ruiz’ erstem Album. "C'est toujours la même chose / même histoire, même parcours / mêmes mots, mêmes roses / mêmes yeux de velours", singt sie darin, mindestens so ironisch wie Zaz’ "Je veux". Lustig schmetternde Bläser akzentuieren dann "Elle panique", eine Single aus Ruiz’ drittem Album "Miss Météores".

Mit einer hohen Stimme singt Olivia Ruiz, die an Vanessa Paradis erinnert, aber mehr Kraft hat. Ihr Auftreten ist das einer so überdrehten wie eleganten femme fatale. Während Zaz kein Bein zeigt, zeigt sie ganz viel. Im kurzen Kleid stakst sie auf hohen Schuhen energisch über die Bühne, eine genauso herausfordernde Bühnenperson wie Zaz. Schade, dass ihre Plattenfirma Universal sie nicht auch nach Deutschland gebracht hat.

Autor: Thomas Steiner