Satire-Aktion "Verafake"

Böhmermann stellt RTL bloß – Sender tauscht Team aus

kna

Von kna

Fr, 13. Mai 2016 um 15:33 Uhr

Computer & Medien

Jan Böhmermann blamiert in seiner ersten Sendung seit dem Schmähgedicht RTL. Jetzt prüft die Medienaufsicht die Reality-Sendung "Schwiegertochter gesucht". Der Sender tauscht das Team aus.

Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann ist nach seiner Zwangspause mit einem Coup auf den Bildschirm zurückgekehrt. In der ersten Ausgabe seiner Sendung "Neo Magazin Royale" nach dem Skandal um das Erdogan-Schmähgedicht enthüllte der Moderator am Donnerstagabend, dass er und sein Team einen Kandidaten in die RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht" eingeschleust hätten. Er habe "Robin" als falschen Kandidaten ins Rennen geschickt, um Missstände bei RTL aufzudecken, sagte Böhmermann. RTL räumte am Freitag Fehler "bei der Produktion einer Folge" ein und kündigte inhaltliche und personelle Konsequenzen an.

RTL will Produktionsteam austauschen

In der aktuellen Staffel der Sendung von Moderatorin Vera Int-Veen sucht der "einsame Eisenbahnfreund" Robin aus dem Ruhrgebiet "eine Freundin, weil er noch nie eine hatte". "Seit zehn Jahren verarscht Vera Int-Veen jetzt schon Behinderte bei RTL", sagte Böhmermann. Dabei gehe es immer nur um eine "geile Story, geile Quote, geil viel Cash". Die Kandidaten würden dagegen für 30 Drehtage mit lediglich 150 Euro Aufwandsentschädigung abgespeist. Eine Kopie des unterzeichneten Vertrags habe RTL zudem erst zwei Wochen nach Ausstrahlung zugesandt. Unter dem "Hashtag der Woche" #verafake lud Böhmermann seine Zuschauer ein, sich auf Twitter auszutauschen.

"Respekt an Herrn Böhmermann", erklärte RTL. "Wir sind ihm komplett auf den Leim gegangen, denn er hat uns einen sympathischen Schwiegersohn präsentiert." Der Sender räumte ein, dass die Produktionsmitarbeiterin einen Fragebogen falsch ausgefüllt habe, als es um den Alkoholkonsum eines der eingeschleusten Protagonisten gegangen sei. Auch die konkreten Vorgaben, was "Robin" vor der Kamera sagen sollte, seien ein Fehler gewesen. Außerdem hätten die Mitarbeiter auf die Vorlage eines Ausweises bestehen müssen. Die Produktion der aktuellen Staffel werde daher von einem neuen Team übernommen.

"Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte" Andreas Fischer
Zu dem Vorwurf, die Kandidaten der Sendung erhielten nur eine geringe Aufwandsentschädigung, hieß es, bei einer höheren Summe wäre den Schauspielern, die angegeben hätten, arbeitslos zu sein, das Arbeitslosengeld gestrichen worden. Die Behauptung, der Vertrag sei den Kandidaten deutlich verspätet zugestellt worden, wies RTL zurück. Die Post habe den Vertrag nicht zustellen können, weil die Schauspieler unter der angegebenen Adresse nicht gemeldet gewesen seien. Die für RTL zuständige Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) leitete eine Vorprüfung gegen "Schwiegertochter gesucht" ein. "Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte", sagte NLM-Direktor Andreas Fischer dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover. Die Landesmedienanstalt habe den Vertrag angefordert, den die Produktionsfirma Warner Bros. International Television Production Deutschland mit den Kandidaten der Sendung abschließt. Sollte die NLM ein offizielles Prüfverfahren einleiten, droht RTL eine Beanstandung.

Berechtigung von Reality-TV-Formaten in Frage gestellt

Die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Tabea Rößner, forderte eine politische Debatte über die Berechtigung von Reality-TV-Formaten wie "Schwiegertochter gesucht". "Es ist teilweise unerträglich, wie rücksichtslos Medien um Aufmerksamkeit und Quoten kämpfen", sagte Rößner dem epd. Der Persönlichkeitsschutz greife häufig zu kurz. "Hier wird es nicht ganz einfach sein, zwischen der Menschenwürde einerseits und andererseits dem selbstbestimmten Recht der Beteiligten, sich für solche Formate zu entscheiden, abzuwägen."

Das "Neo Magazin Royale" am Donnerstagabend verfolgten auf ZDFneo rund 620.000 Fernsehzuschauer. Mit einem Marktanteil von 2,8 Prozent verdreifachte Böhmermanns Sendung ihren Marktanteil annähernd.

Nach dem Wirbel um das umstrittene Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan hatte das "Neo Magazin Royale" vier Wochen lang pausiert. Erdogan verlangte unter anderem eine Strafverfolgung nach Paragraf 103, der die Bestrafung bei einer Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter regelt. Die Bundesregierung erteilte die notwendige Ermächtigung für Ermittlungen gegen Böhmermann.

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