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14. November 2017 07:57 Uhr

ARD-Hörspieltage

Deutscher Hörspielpreis für SWR-Produktion "Broken German"

Die ARD-Hörspieltage halten an der Radiokunst fest – auch mit der Prämierung von "Broken German" nach dem gleichnamigen Roman des israelischen Autors Tomer Gardi.

  1. Hat allen Grund zum Lachen: Autor Tomer Gardi Foto: arie kishon

Verdienstvoll! Man möchte es laut herausrufen Auge in Auge – nein: Ohr in Ohr – mit den Hörspieltagen der deutschen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Seit dreizehn Jahren nun liegt der Fokus der ARD während eines Wochenendes im November auf jenen Produktionen ihrer Sender, die man nicht sehen kann. Die ARD-Hörspieltage finden im Karlsruher ZKM statt: einem äußerst angemessenen Ort für das kleine Festival der dem Wort verpflichteten akustischen Kunst. Der Wettbewerb um den Deutschen Hörspielpreis gab der viertägigen Veranstaltung von Beginn an den Rahmen vor: Eine Jury diskutiert öffentlich über die von jedem Landessender eingereichten Hörspiele, zwölf an der Zahl. Darum ranken sich allerlei akustische Events: in diesem Jahr vom Livehörspiel über den Radio-"Tatort" bis zum Mini-Sprecher-Auftritt als im Retro-"Salon Helga".

12 000 Besucher immerhin nahmen das wie immer vom SWR organisierte Angebot wahr. Die Organisatoren können diese beträchtliche Resonanz unter der Rubrik "Nicht nachlassendes Interesse am Medium Radio" verbuchen. Passend dazu wurde in Karlsruhe erstmals die neue App "ARD Audiothek" aktiviert: Mit ihr lassen sich überall und allezeit ARD-Hörspiele auf das Smartphone herunterladen. Eine weise Ergänzung des medialen Angebots – wer sitzt heute schon noch zur angegebenen Sendezeit am Radio? Gerold Hug, Programmdirektor für Kultur beim SWR: "Mit diesem Schritt in die digitale Zukunft stärkt die ARD die Position des Hörspiels und sieht darin auch eine Weiterentwicklung ihres öffentlich-rechtlichen Auftrags als Produzent für diese Radio-Kunstform."

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Die Kunstform Hörspiel hat eine lange Tradition

Das ist schön gesagt: Radio-Kunstform Hörspiel. Sie hat eine lange Tradition. In der Nachkriegszeit war das Hörspiel literarische Avantgarde. Autoren wie Günter Eich, Ingeborg Bachmann oder Wolfgang Hildesheimer nutzten das Medium für poetische Experimente. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wurde 1950 gegründet und wird immer noch vergeben. Er gilt als wichtigste Auszeichnung des Genres. Die Deutsche Akademie für Darstellende Künste vergibt die Auszeichnungen "Hörspiel des Monats" und "Hörspiel des Jahres". Dieser unendlich verdienstvollen Einrichtung, für die eine dreiköpfige Jury Monat für Monat die Hörspielproduktion der ARD sichtet, war in Karlsruhe eine vom SWR-Hörspielchefdramaturgen Manfred Hess moderierte Diskussionsrunde anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens gewidmet. Auch die Fernseh- und Hörspielkritik stand auf dem Prüfstand: Unter der Fragestellung "Lauter Likes?" beschäftigte sich eine illustre Runde von Kulturwissenschaftlern (Jochen Hörisch), Autoren (Kathrin Röggla) und Kritikern (Stefan Niggemeier, Diemut Roether) mit der seltsamen Diskrepanz zwischen der Hörspiel- beziehungsweise Hörbuchproduktion und ihrer Rezeption. Die Hörspielkritik ist so gut wie verschwunden aus den Feuilletons, sie wurde verdrängt von der TV-Kritik: Noch fast jeder "Tatort" löst ein erdbebenartiges Medienecho aus. Daran kann auch ein Forum wie die ARD-Hörspieltage kaum etwas ändern.

Immerhin sorgt das Ereignis für ein gewisses mediales Echo – vor allem dank der vergebenen Preise. Den Deutschen Hörspielpreis gewann die SWR-Produktion "Broken German" nach dem gleichnamigen Roman des israelischen Autors Tomer Gardi. Beim Klagenfurter Wettlesen im vergangenen Jahr war Gardi – auch wegen des offen geäußerten Vorwurfs, er könne nicht richtig Deutsch – nicht berücksichtigt worden. Auszüge aus der teilweise bizarren Diskussion sind in dem von Noam Brusilovsky eingerichteten Hörspiel zu hören. Ansonsten geht es in dem vielstimmigen Spiel mit Sprache und Identitäten, das sich jeder Einheit von Zeit und Ort verweigert, um die recht skurrile Reise einer Mutter mit ihrem Sohn nach Berlin, bei der es zum Verschwinden der eigenen und der Aneignung fremder Koffer geht. Unter anderem. Außerdem lässt sich ein "Arbeitsmigrant in der Prosa eine fremde Sprache" (so klingt Broken German) nachts im Jüdischen Museum einschließen.

Die Entscheidung der Jury ist als mutig und innovativ zu begrüßen. "Broken German" trifft bis in die formale Gestaltung hinein die Situation in einem Land, das längst schon zur Einwanderungsgesellschaft geworden ist – und verknüpft sie mit dem mörderischen Antisemitismus in der jüngeren Vergangenheit dieses Landes. Der Preis für die beste Schauspielleistung ging – konkurrenzlos – an Lars Rudolph, der das Wagnis auf sich genommen hat, in der Hörspielfassung von Heinz Strunks Roman "Der goldene Handschuh" die Rolle des Frauenmörders Fritz Honka zu übernehmen. Erfreulich für die Regio: Den Publikumspreis gewann Lukas Holligers Thriller "Verfluchtes Licht", der im Jahr der deutschen Wende in Basel spielt. Regie bei dieser SRF-Produktion führte Mark Ginzler, ehemaliger Redakteur beim damals im SWR-Studio Freiburg angesiedelten Regio-Hörspiel. Heute wird es in Stuttgart produziert.

Autor: Bettina Schulte