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28. Februar 2009

"Sich der Wikipedia-Welt widersetzen"

BZ-Interview: Ernst Elitz, der scheidende Intendant des Deutschlandradios, zur Zukunft von Radio, Fernsehen, Zeitung und Online

  1. „Wir wollen Menschen ansprechen“: Intendant Ernst Elitz Foto: dpa

Der Lotse geht von Bord oder ein Journalist von altem Schrot und Korn: Beide Bilder passen auf Ernst Elitz (67) wie kaum einen anderen deutschen Medienmann. Ende März tauscht der gebürtige Berliner, dereinst auch Mitarbeiter der Badischen Zeitung, nach 15 Jahren erfolgreicher Intendanz beim Deutschlandradio das öffentlich-rechtliche Parkett mit dem Ruhestand. Mit Erfolgen, die sich auch mit Blick auf die Quote des nationalen Hörfunks sehen lassen können. Alexander Dick machte mit ihm einen Streifzug durch die Medienlandschaft.

BZ: Herr Elitz, wenn Sie auf die aktuellen Querelen um die Wiederbesetzung der ZDF-Chefredaktion und konkret um Nikolaus Brender blicken, sind Sie dann gar nicht so unglücklich, dass Ihre Berufszeit im öffentlich-rechtlichen Bereich nun zu Ende geht?
Ernst Elitz: Ich bin beim Deutschlandradio drei Amtszeiten jeweils mit 99-prozentiger Mehrheit gewählt worden, ohne parteipolitischen Zoff. Also auch das geht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich kann da nur einen Vers von Ferdinand Freiligrath zitieren: "Der Dichter steht auf einer höheren Warte als auf den Zinnen der Partei." Ersetzen Sie "Dichter" durch "Journalist" und Sie liegen richtig.

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BZ: Dann hoffen wir, dass das, was in der Vormärzzeit galt, auch heute noch seine Richtigkeit hat. Sie haben den öffentlich-rechtlichen Rundfunk über Jahre hinweg in allen Bereichen begleitet. Wie ist Ihre Einschätzung? Hat sich die politische Einflussnahme auf die öffentlich-rechtlichen Medien verändert in dieser Zeit?
Elitz: Die Einflussversuche sind geringer geworden. In den Anfangszeiten meinte die Politik noch, der Rundfunk gehöre ihr. Schon in der Weimarer Republik gab es diese Auseinandersetzungen.

BZ: Aber heute sitzen Vertreter von Parteien und Regierungen in den Rundfunkgremien …
Elitz: …was ich für richtig halte, denn ein Politiker ist genauso Vertreter der Öffentlichkeit wie ein Verbandsvorsitzender. Die sitzen ja auch in unseren Gremien. Wer da mitredet und mitbestimmt hat eine politische Meinung. Aber für den Journalisten gilt die Grundtugend der Unvoreingenommenheit. Da spielt Partei keine Rolle.
"Die Einflussversuche

der Politik auf die

öffentlich-rechtlichen Medien sind geringer geworden."
BZ: Ist dann das, was gegenwärtig um die Wiederbesetzung des ZDF-Chefredakteursposten läuft, ein ganz professioneller normaler Vorgang?
Elitz: Ich weiß nicht, ob es beim ZDF normal ist. Bei uns ist es nicht normal.

BZ: Sie waren Gründungsintendant des Nationalen Hörfunks, standen 15 Jahre lang Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk voran. Sie haben also diesen zweigleisigen Hörfunk, wenn man so will, aus dem Kindbett heraus ins Erwachsensein geführt. Entlassen Sie einen adoleszenten oder gar schon erwachsenen Sender?
Elitz: Erwachsen! Richtig erwachsen wird man nur, wenn man sich gegen Widerstände durchsetzen muss. Einige Bundesländer und die ARD konnten sich anfangs gar nicht für das Projekt Nationaler Hörfunk begeistern. Das ist Vergangenheit. Jetzt haben wir von den Ländern sogar den Auftrag für ein weiteres nationales Programm – DRadio Wissen – und die Option auf weitere Programme.

BZ: Das klingt gut im Hinblick auf die Zukunft des Programmradios. Auf der anderen Seite: Wenn ich in einer Arztpraxis bin oder in anderen öffentlichen Räumen, läuft dort in der Regel nicht SWR 2, Deutschlandfunk oder Deutschlandradio.
Elitz: Sie sollten den Arzt wechseln.

BZ: Danke für den Tipp, aber sehen Sie vor dem Hintergrund der Quote die Zukunft des Programmradios noch rosig?
Elitz: Dass man in öffentlichen Räumen ständig bedudelt wird, führt dazu, dass immer mehr Menschen sich Programmen zuwenden, die Information, Kultur, intelligente Wortsendungen bieten. Wir haben unsere Hörerzahlen in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt, jetzt für beide Programme zusammen neun Millionen regelmäßige, fast zwei Millionen tägliche Hörer.

BZ: Auch Elitz ist ein Quotenjäger?
Elitz: Wir sind ja nicht Journalisten geworden, um uns in einer Séance gegenseitig mit den Füßen unter dem Tisch anzustoßen. Wir wollen Menschen ansprechen. Und je mehr Menschen wir für unsere Programme begeistern, umso stolzer sind wir. Da haben wir im Moment viel Anlass.

BZ: Der Rundfunk hat sich seit seinen Gründungszeiten immer mehr aufgespalten in Richtung Spartenradio. Steuern wir, überspitzt formuliert, auf ein "Schichtenradio" zu?
Elitz: Die Gesellschaft driftet auseinander. Das zwingt die Medien, sich auf bestimmte Zielgruppen zu spezialisieren. Unsere nationale Zielgruppe ist eine besonders an Politik und Kultur interessierte Öffentlichkeit. Eine Regionalzeitung wendet sich an die Bürger in der Region und ist damit eines der letzten Integrationsmedien, denn sie erreicht die Verkäuferin, Ihren Herrn Doktor, den Handwerker, alle unabhängig vom Lebensalter.

BZ: Laut Studie sind inzwischen 18 Prozent der Bevölkerung printresistent, auf Deutsch: Die lesen nicht.
Elitz: Je größer diese Gruppe wird, desto schwieriger ist es für jedes anspruchsvolle Medium. Wer keine Zeitung liest, hört auch nicht Deutschlandradio und umgekehrt.

BZ: Diesen Prozess werden die Zeitungen kaum stoppen können. Aber ist das der einzige Grund für den Auflagenrückgang? Was machen wir falsch?
Elitz: Regionalzeitungen machen alles richtig, wenn sie ihre Marke auch auf das Internet übertragen. Die Zeitung muss sich der Wikipedia-Welt – wenn alle etwas sagen, wird schon einer recht haben – widersetzen. Irgendwelche Infobits kann jeder twittern. Die Zeitung dagegen bietet Verlässlichkeit, unterscheidet Wichtiges von Unwichtigem und sollte damit die erste Anlaufadresse für die Internetnutzer in der Region werden.

BZ: Sie haben in einem Beitrag für den Berliner "Tagesspiegel" postuliert, dass die Zeitungen und öffentlich-rechtliche Medien im Internet stärker kooperieren sollten. Es gibt da aber immer noch starke Vorbehalte und Ängste. Welche Vorschläge haben Sie?
Elitz: Was die Öffentlich-Rechtlichen produzieren, ist durch Rundfunkgebühren finanziert und sollte deshalb allen auf allen Wegen zur Verfügung stehen. Auch den Zeitungen für ihre Internetportale.

BZ: Das sogenannte Riepl’sche Gesetz besagt, dass kein neues Medium ein altes vollständig verdrängt. Der Kuchen wird nur neu aufgeteilt. Gilt das auch für das Internet?
Elitz: Zwei Medien sind verschwunden: die Keilschrift und der Fernschreiber… (lacht). Immer wurde durch das Aufkommen eines neuen Mediums ein altes totgesagt – sie werden alle nebeneinander bestehen und sich gegenseitig stärken, denn Zeitung lesen und Radio hören ist bequemer als ständig im Internet zu klicken. Ich kann die Zeitung morgens beim Frühstück lesen und sie verträgt auch einen Marmeladenfleck, das ist beim Computer nicht der Fall.

BZ: Lassen Sie uns auf das Medium zu sprechen kommen, dem Sie auch sehr lange verbunden waren – dem Fernsehen. Gerade ist das Privatfernsehen 20 Jahre alt geworden, was die einen mehr, die anderen weniger freut. Ich will es mal an einem Beispiel aufzeigen: Die Übertragung des Echo-Musikpreises am vergangenen Wochenende in der ARD fand gerade etwas über zwei Millionen Zuschauer; bei "Deutschland sucht den Superstar" auf RTL waren es über fünf Millionen. Sagt das nicht schon sehr viel über die Konkurrenzsituation von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen?
Elitz: Wenn die Öffentlich-Rechtlichen an einem Abend die Holzhacker-Buam und Florian Silbereisen senden, dann haben sie gewonnen … (lacht) Bloß, man darf die Frage stellen: Wie viel Florian Silbereisen verträgt der öffentlich-rechtliche Rundfunk?

BZ: Was glauben Sie?
Elitz: Ich bin kein Fan von Florian Silbereisen & Co, aber alle zahlen ihre Gebühren, deshalb müssen auch alle auf ihre Kosten kommen. Auch Zeitungen haben Kreuzworträtsel, obwohl nicht alle Zeitungsredakteure Kreuzworträtsel-Fans sind.

BZ: Noch einmal Stichwort Rundfunkgebühren. Sehen Sie die Finanzierbarkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei all seinen Aufgaben inklusive Kultureinrichtungen, Klangkörper auf Dauer gewährleistet?
Elitz: Für 17,98 Euro im Monat wird eine Vielfalt von Programmen und Spartenkanälen geboten. Das gibt es für dieses Geld an keinem Zeitungskiosk. Die beiden Programme des Deutschlandradios – zwei mal 24 Stunden höchste originelle, spannende, informative Unterhaltung: Dafür zahlen Sie 39 Cent im Monat. Ich glaube, das ist ein fairer Preis, selbst wenn er irgendwann auf 42 Cent angehoben würde.

BZ: Sehen Sie für dieses Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch in der Zukunft eine breite Mehrheit in Gesellschaft und Politik?
Elitz: Wenn Sie den Leuten bei einer Meinungsumfrage die Frage nach der Höhe der Gebühr stellen, wissen sie es nicht. Das spricht dafür, dass sie die Gebühr nicht bedrückt …

BZ: …oder nicht bezahlt wird (beide lachen). Letzte Frage: Sie werden ab dem 1. April Privatmann sein – geht das überhaupt bei einem Journalisten?
Elitz: (lacht) Ich werde dann mehr Zeit zum Zeitunglesen und Fernsehen haben.