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26. Oktober 2011 00:05 Uhr

Neue Basler Zeitung

"Tages-Woche": Hybridzeitung erscheint zum ersten Mal

Die neue Basler Zeitung "Tages-Woche" setzt auf ein Amalgam alter und neuer Techniken. Sie kombiniert eine wöchentliche Print- mit täglichen Online-Ausgaben.

  1. „Tages-Woche“: Hybridzeitung erscheint demnächst zum ersten Mal. Foto: fotolia.com/Detlef

Hybrid: Der Begriff irrlichtert dieser Tage vor allem durch die Automobilindustrie, signalisiert Fortschritt, steht für eine Technologie, die klassische Verbrennungs- mit Elektromotoren kombiniert. Auf ein solch fortschrittliches Amalgam alter und neuer Techniken setzt auch die "Tages-Woche" in Basel, die am Freitag erstmals erscheint. Das Projekt kombiniert eine traditionelle gedruckte Wochenzeitung mit einer täglich erscheinenden Online-Zeitung und will beide Kanäle in einer neuartigen crossmedialen Dichte verknüpfen. Darauf spielt nicht zuletzt der Titel an, deshalb nennen die Chefredakteure Urs Buess und Remo Leupin ihr "Kind" auch gerne eine "Hybridzeitung" und schwärmen vom "Aufbruch in ein neues Medienzeitalter".

Dass Basel Schauplatz dieses Medienexperiments mit vorerst 30 Mitarbeitenden – darunter 18 Redakteure und Redakteurinnen – wird, verdankt sich einer Reihe von Zufällen. Ein wichtiger Faktor ist das in der Chemie- und Pharmastadt ausgeprägte Mäzenatentum: So sichern auch die Roche-Erbin Beatrice Oeri und ihre Stiftung Medienvielfalt das Projekt für die ersten vier Jahre. "Anschubfinanzierung" nennen Buess und Leupin das und sind ehrlich genug einzugestehen, dass das "Risiko ohne diese Sicherheit zu groß gewesen wäre" – zumal in einer Medienlandschaft, in der die Basis gedruckter Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine bröckelt – in der Schweiz noch massiver als hierzulande.

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Welche Summe die Stiftung bereitstellt, mag das Duo zwar nicht sagen; dem Eindruck aber, dank der solventen Mäzenin unbegrenzt aus dem Vollen schöpfen zu können, tritt es entgegen. "Wir haben einen engen Business-Plan", kontert Leupin solche Spekulationen. In vier bis fünf Jahren müsse sich die "Tages-Woche" selbst tragen. "Wir sind zuversichtlich das zu schaffen", ergänzt Buess. Schließlich verzeichne die Wochenzeitung schon vor dem Start und ohne Werbekampagne gut 3000 Abonnenten, und auch im Internet sei mit dem Nachrichtengeschäft Geld zu verdienen. Das machten Großverlage wie Axel Springer inzwischen ja allen vor.

Die Voraussetzung dafür aber ist, dass es der "Tages-Woche" tatsächlich gelingt, in Basel anzukommen. Atmosphärisch stehen die Zeichen dafür indes – und das ist ein zweiter Faktor, der das Projekt befördert hat – so gut wie selten. Da spielen die jüngeren Entwicklungen in und um die "Basler Zeitung" (BaZ) eine Schlüsselrolle. Die anhaltenden Gerüchte um eine verdeckte Übernahme der Zeitung durch Schweizer Rechte oder diesen nahestehende Kreise und der offen vertretene rechtsbürgerliche, nationalkonservative Kurs des Chefredakteurs sorgen im linksliberalen und rotgrünen Milieu der Stadt nach wie vor für Verdruss. Diese Stimmung verbindet sich mit dem lange schwelenden und durch die Veränderung der BaZ angeheizten Überdruss über die monopolähnliche Stellung des Blattes im Basler Tageszeitungsmarkt. "Die Situation stützt uns. Wir spüren viel Goodwill", gibt Urs Buess unumwunden zu.

Als Anti-BaZ, wie in der Schweiz und nicht zuletzt in Basel gern kolportiert, aber will die "Tages-Woche" dennoch keineswegs verstanden werden – auch wenn eine Reihe von Redakteuren samt der Chefredakteure eine BaZ-Vergangenheit hat und Buess selbst erst im Frühjahr dort ausgestiegen ist. Indes sei es nicht nur "vermessen", mit dem kleinen Team gegen die personell viel besser aufgestellte BaZ antreten zu wollen; vielmehr "wollen wir nicht aus einem negativen Groove herausstarten", betont Buess. Nein, die "Tages-Woche" und ihre Macher wollen "nicht einfach kopieren, was andere machen", sagt Remo Leupin.

Wie aber soll das Neue aussehen? Das aktuelle Geschehen, der "Nachrichtenteppich", wie es Leupin nennt, wird ausschließlich in der Online-Zeitung angesiedelt. Die Wochenzeitung, die im nordischen Tabloid gedruckt wird, im Format von 23 auf 34 Zentimeter, wie es hierzulande zum Beispiel die "Frankfurter Rundschau" nutzt, konzentriert sich auf Analysen und Hintergründe, Meinung und Hinterfragen. "Wir wollen Geschichten tief erzählen", beschreibt Leupin den Zugriff – jenseits der "Chronistenpflicht" und in der Anmutung "magazinig" .

Dafür ist zunächst ein Umfang von 64 Seiten pro Ausgabe angedacht. Thematisch liegt der Fokus auf Basel und seinem (Schweizer) Umland; andererseits sollen auch Baden und das Elsass keineswegs ausgeblendet werden. Aufgearbeitet wird der Stoff zwar nach wie vor entlang der klassischen Ressorts – von Politik über Wirtschaft und Sport bis zur Kultur. Das Ziel aber sind immer "die Geschichten, über die geredet wird", sagt Leupin. So oder ähnlich würde dieser Tage aber jede Redaktion ihre Arbeit definieren. Den Mehrwert sehen Buess und Leupin in der Vernetzung der Online- und Printzeitung. "Wir stellen nicht einfach das Print eins zu eins in Netz", sagen sie. Im Gegenteil: Die Artikel der Wochenzeitung werden zwar Online gestellt, sind aber nicht mehr umsonst abzurufen. Stattdessen sollen Online-Geschichten in der Zeitung vertieft und Printgeschichten online weitererzählt, "Diskussionen angezettelt werden". Dahinter steht ein Gedanke : "Die Stärke des Netz ist die dialogische Struktur", findet Leupin. Diese will die "Tages-Woche" aktiv nutzen – bis zu Ideen wie dem Twittern aus Theaterpremieren.

Transparenz und Durchlässigkeit lautet ein weiteres Motto dieses Versuchs. Dafür steht nicht zuletzt das Domizil im Unternehmen Mitte in der Basler Innenstadt: Ebenerdig, gut einsehbar hinter den großen Glasfenstern und direkt neben einem Café sitzen Blattmacher, Online-Redakteure, Layouter und Anzeigenverkäufer wie in einem Ladengeschäft in Reihe an großen Bildschirmen. Das hat durchaus Symbolcharakter. Die Schwelle, das Medium zu nutzen, soll so niedrig wie möglich bleiben. "Wir wollen weg von der Einwegkommunikation", umreißen die Chefredakteure diese Strategie und das, sind sie sich sicher, ist nicht nur der Charme, sondern die Chance ihres Hybridmodells.

Autor: Michael Baas