Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. November 2013

Wer war schuld am Ersten Weltkrieg?

In einer Phoenix-Sendung stellt der Waldkircher Historiker Wolfram Wette die Thesen von Christopher Clark in Frage.

  1. Will Deutschland nicht entlastet sehen: Wolfram Wette Foto: dpa/Timm

  2. Sein Buch „Die Schlafwandler“ ist ein Bestseller: Christopher Clark Foto: Marc Müller

Ein historischer Wälzer ist zum Publikumserfolg geworden: Seit seinem Erscheinen steht Christopher Clarks 895-Seiten-Werk "Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" (BZ vom 11. September) bei den Sachbüchern auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Der australische Historiker, der in Cambridge lehrt, entwirft ein neues Bild der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs: Die Vertreter aller europäischen Mächte seien der Krise 1914 nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Serbien nicht gewachsen gewesen, wie Schlafwandler seien sie in den Krieg gegangen. Das ist die Revision des seit den 60er-Jahren vorherrschenden Bildes, das der Historiker Fritz Fischer mit seinem Buch "Griff nach der Weltmacht" durchgesetzt hatte: Das deutsche Kaiserreich sei der Kriegstreiber gewesen.

Gegen Clarkes Neuinterpretation wendet sich der Waldkircher Historiker Wolfram Wette, früher am Militärgeschichtlichen Forschungsamt und an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg tätig. Am vergangenen Dienstag war Wette vom Fernsehhistoriker Guido Knopp in dessen Diskussionssendung "History Live" eingeladen, zusammen mit Clark und dem Londoner Historiker Sönke Neitzel. Phoenix zeigt die aufgezeichnete Sendung am Sonntag, 3. November, zweimal sowie am Sonntag kommender Woche.

Werbung


"Der Bösewicht war bislang eher exklusiv das kaiserliche Deutschland, in diesem Buch gibt es viele Bösewichter", sagt Moderator Knopp anfangs mit Clarks Bestseller in der Hand, "ist das jetzt für Deutschland eine Art Persilschein?" So aber will Clark sein Buch nicht verstanden wissen. Es solle kein Freispruch für das Kaiserreich sein. Dessen Außenpolitik sei leichtsinnig und waghalsig gewesen. Aber man müsse das gesamteuropäisch einbetten, auch in den anderen Hauptstädten hätten Waghalsigkeit und Leichtsinn regiert. Er wolle, sagt Clark, Aspekte betonen, die bisher in der Forschung unterbelichtet gewesen seien.

Wette stößt sich zunächst an Clarkes leitendem Bild, alle Handelnden seien damals wie Schlafwandler gewesen. "Viel Nebliges, Unklares" liege in diesem Bild, es gelte aber, Ross und Reiter zu nennen, wenn es um den Kriegsausbruch geht. Sönke Neitzel assistiert seinerseits Clark: Die Frage nach einem Schuldigen führe – im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg – beim Ersten Weltkrieg zu nichts, man müsse mit dem Nebel leben. Clark will, so sagt er, seine Schlafwandler-Metapher als ein Bild für die begrenzte Rationalität aller Akteure verstanden wissen.

Gegen die Verallgemeinerungen Clarkes setzt Wette – zu dessen Werken das Buch "Militarismus in Deutschland – Geschichte einer kriegerischen Kultur" gehört – die These, es habe keinen "europaeinheitlichen Militarismus" gegeben. Es sei vielmehr eine Besonderheit Preußen-Deutschlands gewesen, dass hier der Generalstab einen großen Einfluss auf die Politiker ausübte. In anderen Ländern sei das nicht der Fall gewesen. Und dahinter stehe eine Kriegsmetaphysik spezifischer Ausprägung, die den Krieg als unausweichlich, als "Glied in Gottes Weltordnung" gesehen habe. So sei es dem Generalstabschef Moltke nur um den richtigen Zeitpunkt für den Kriegsbeginn gegangen, nicht darum einen Krieg zu verhindern.

Christopher Clark dagegen vermag keine deutsche Besonderheit zu sehen: Die deutsche Außenpolitik sei nicht anders gewesen als die anderer Länder. Bei ihren Entscheidungen im Juli 1914 hätten alle immer wieder die risikoreichste Option genommen. Der Begriff der Schuld greife nicht mehr, so sein Fazit, es sei ihm darum gegangen, die Merkmale des damaligen politischen Systems herauszuarbeiten, die bei allen griffen. Ein Kompromiss zwischen den Positionen Clarks und Wettes zeichnete sich in der Sendung nicht ab.
– Phoenix, So, 3. November, 13 Uhr und 0 Uhr, So, 10. November, 17 Uhr

Autor: Thomas Steiner