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22. Februar 2012

Interview

Wieland Backes: „Wir öffnen Gäste mit sanften Tönen“

BZ-INTERVIEW mit dem Talkshowmoderator Wieland Backes über schwierige Besucher, Voyeurismus und den Zeitpunkt aufzuhören.

  1. Seit einem Vierteljahrhundert moderiert Wieland Backes das Nachtcafe Foto: Südwestrunkfunk

1987 ging Wieland Backes erstmals mit seinem "Nachtcafé" auf Sendung. Auch 25 Jahre später gibt es die Talkshow noch. Dem Moderator mit der längsten Bildschirmpräsenz in Deutschland fehlt es weder an Themen noch Zuschauern. Zum Jubiläum sprach unsere Redakteurin Charlotte Janz mit Wieland Backes.

BZ: Herr Backes, 25 Jahre sind lang. Langweilt das "Nachtcafé" Sie manchmal?
Wieland Backes: Keine Minute. Jede Sendung ist neu und immer wieder eine Herausforderung für mich. Menschen, Themen und Zeiten ändern sich. Das "Nachtcafé" gibt mir das Privileg, immer am Puls der Zeit zu sein.
BZ: Aber Ihr Job ist seit einem Vierteljahrhundert der gleiche.
Backes: Ja. Routine mag in manchen Berufen ein Killerfaktor sein, in meinem ist sie ein großes Plus. Man lernt, Zwischentöne zu treffen, vielleicht mit der Zeit originellere Fragen zu stellen, ein besseres Gefühl für die Gäste zu bekommen. Ich merke schon, wenn ich aus der Sommerpause komme und sechs oder acht Wochen nicht moderiert habe, da muss ich erstmal wieder in Übung kommen.

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BZ: Was machen Sie anders als Ihre Kollegen, dass Sie sich so lange haben halten können?
Backes: Es gibt vielleicht, so hören wir es immer wieder von unseren Zuschauern, eine Unverwechselbarkeit des "Nachtcafés" und seines Moderators. Wir öffnen unsere Gäste mit sanften Tönen. Vielleicht transportieren wir ein klein wenig mehr als andere Sendungen, vielleicht erreichen wir eine besondere Gesprächstiefe.
BZ: Was war der unangenehmste Moment für Sie als "Nachtcafé"-Moderator?
Backes: Da wäre der berühmte Abgang von Dieter Wedel. Er ist der einzige Gast von etwa 4200 über die Jahre, der uns während der Sendung verlassen hat. Das Thema war "Seitensprung: Wie viel Freiheit verträgt die Liebe?". Nach Minute acht ist Wedel gegangen – bei Bezug des vollen Honorars, was wir als Schwaben natürlich monieren müssen.
BZ: Wie hoch sind denn Ihre Honorare?
Backes: Das war eher augenzwinkernd gemeint. Mit den Standardbeträgen, die wir bezahlen, wird man sicher nicht reich. Wedel war wegen seiner zahlreichen Frauengeschichten hart angegangen worden. Ich habe die Sendung einfach nahtlos weitergeführt und meinen Gast von der Bar, der eigentlich schon fertig war, gebeten, den leeren Sessel zu füllen und sich an der Diskussion zu beteiligen.
BZ: Prominente Gäste wie der Regisseur Dieter Wedel sind nicht die Regel. Im "Nachtcafé" reden meist unbekannte Menschen über private Erfahrungen. Weshalb interessiert sich der Zuschauer dafür, wenn nicht aus Voyeurismus?
Backes: Die Zuschauer vergleichen mit ihrem eigenen Leben. Neulich hatten wir einen Witwer, dessen große Liebe an Krebs gestorben war. Man erfährt, wie sehr dieser Mann mit seinem Leben gehadert hat, wie er langsam über den Tod hinwegkommt. In so einem Fall bekommen wir oft Rückmeldungen von Betroffenen, die vor dem Bildschirm saßen. Sie berichten, die Sendung habe ihnen unheimlich viel gegeben.
BZ: Kritiker bemängeln, dass in einigen Talkshowformaten Menschen zur Schau gestellt werden.
Backes: Dieser Kritik sind wir interessanterweise kaum ausgesetzt. Man sagt uns nach, dass wir doch sehr verantwortlich mit den Gästen umgehen, besonders mit denen, die zum ersten Mal vor einer Kamera sitzen. Zu meiner Arbeit gehört zweierlei: etwas in Erfahrung zu bringen und gleichzeitig den Gast ein wenig vor sich selbst und den anderen Teilnehmern zu schützen.
BZ: Auf eine diskrete Weise treten Sie den Leuten in Ihrer Sendung zu nahe. Wie gelingt Ihnen das?
Backes: Da habe ich mich über all die Jahre herangetastet. Die Gäste wissen, diesem Moderator können sie im Prinzip vertrauen.
BZ: Sie bewegen sich oft auf einem schmalen Grat zwischen intimen und zu intimen Gesprächen. Ist das manchmal unangenehm?
Backes: Eigentlich nicht. Die Erfahrung hilft meist, das richtige Maß zu finden.
BZ: Warum geben die Menschen im "Nachtcafé" so viel preis?
Backes: Es gibt unterschiedliche Motivationen. Bei Menschen mit schweren Schicksalen, Traumata, Verlusterfahrungen hat ein Auftritt bei uns oft eine therapeutische Wirkung. Der Zuspruch, die Wärme, die aus der Runde oder dem Publikum zurückkommen, geben vielen einen positiven Impuls im Umgang mit ihrer Geschichte.
BZ: Ihre Antwort impliziert, dass Sie wissen, wie es Ihren Gästen lange nach dem Auftritt geht.
Backes: Die erste Nachbereitung beginnt bei uns mit einem gemeinsamen Abendessen nach der Sendung. Oft halten die Gäste Kontakt mit meiner Redaktion, gelegentlich auch mit mir. Ehemalige Gäste melden sich manchmal nach Jahren und erzählen, wenn sich etwas in ihrem Leben verändert hat. Manche Geschichten schreiben wir fort. Bestimmte Gäste waren mehrfach in der Sendung, und wir haben verfolgen können, wie ihre Geschichte weitergegangen ist.
BZ: Hatten Sie schon Probleme, Gäste für ein bestimmtes Thema zu finden?
Backes: Das kommt immer mal wieder vor. Man darf natürlich keine Sendung mit dem Titel "Verlierer unter sich" machen. Da will keiner kommen. Manchmal müssen wir das Thema leicht umformulieren, um Kandidaten zu finden.
BZ: Ihre Sendung ist mit 90 Minuten lang. Ein solches Format verlangt Vorbereitung. Wie choreografiert sind die Gespräche?
Backes: Alles ist geplant, und alles ist offen. Als Moderator darf ich nicht mit einem sturen Fragekonzept in die Sendung gehen. Ich schreibe alle Fragen auf Karteikarten, aber nicht, weil ich sie in der Sendung genauso stellen will. Die Karte ist nur der Rettungsanker. Im Grunde muss ich alles im Kopf haben.
BZ: Und wie lange bleibt das noch so?
Backes: Ich bin jetzt über 65 Jahre alt. Der gemeinsame Wunsch des Hauses und mir war, dass ich erst einmal unbegrenzt weitermache. Entscheidend für die Frage des Aufhörens ist vor allem die Treue unserer Zuschauer.

– SWR, 24. 2., 22 Uhr: Nachtcafé-Jubiläumssendung "Erfolgsgeheimnisse".

Autor: cjz