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29. Juli 2011
Stimmenfestival Lörrach
Constantinople und Barbara Furtuna: Das Salz der Töne
Stimmenfestival: Constantinople und Barbara Furtuna .
Am gemeinsamen Salz muss es liegen, dass diese sieben Männer sich so gut verstehen. "In Korsika gibt es das Sprichwort, dass du einen Menschen erst kennst, wenn du mit ihm einen Sack Salz verbraucht hast", sagt Jean Philippe Guissani, Bariton des vierstimmigen Chores Barbara Furtuna. Mit dem kanadischen Trio Constantinople teilen er und seine drei Kollegen dieses Salz immerhin schon seit drei Jahren. Die verblüffenden Resultate des wachsenden Kennenlernens begeisterten und berührten die Zuhörer im Lörracher Rosenfelspark, beim ersten der Stimmenfestival-Konzerte dort.
Dass sich Korsen und Québécois überwiegend persischen Ursprungs zusammen auf eine Klangreise begeben, mag nicht unbedingt nahe liegen. Doch es verstecken sich hinter der geographisch weiten Streuung etliche Parallelen, die mit der Sprache, dem Französischen, schon mal einen günstigen gemeinsamen Nenner haben. Die Brüder Kiya und Ziya Tabassian an Langhalslaute und Perkussion haben ihr Projekt so offen angelegt, dass sie sich mit vielen Musikkulturen verständigen können: auf dem fruchtbaren Boden der modalen Musik, die nicht auf Tonarten, sondern auf der kunstvollen Entfaltung von Skalen basiert. Eine Sprache, die in Europa bis zur Renaissance vorherrschte und in vielen Traditionen weiterlebt, in der persischen Klassik ebenso wie in der korsischen Polyphonie.
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Schon im Intro wird diese Verknüpfung über Zeiten und Räume hinweg hörbar: Kiya Tabassian an der Langhalslaute Setar und Pierre-Yves Martel an der Tenorgambe umwinden sich, unterstützt durch Ziya Tabassians Schlagwerk, in schreittänzerischem Charakter. Der Boden ist bereitet für die vier korsischen Herren: Ein Marienlied stimmen sie über der instrumentalen Basis an, und sie sorgen von Beginn an für den Nackenhaareffekt. Aus einem satten Unisono heraus löst sich solistisch Maxime Merlandi mit kraftvollem Tenor, kehrt dann in den Quartettsatz zurück, der sich fast wispernd zurücknimmt, schließlich in einer anschwellenden Schlusswendung entlädt.
In diesen Männerstimmen, die die hohe Kunst der Polyphonie mit eruptiver Archaik würzen, steckt viel berührendes, auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Man hört tiefe, seelenvolle Spiritualität und bodenständige Inbrunst, auch mannhaften, urwüchsigen Stolz. Die so oft zitierte Einheit eines Chores, hier wird sie als vokaler Stoffwechsel auch optisch ausgelebt. Wie ein Korpus atmen die vier Insulaner, kommunizieren und bestätigen sich gegenseitig mit großen Handgesten, in einem fast szenischen face à face. Das zudem durch die unterschiedlichen Physiognomien seinen Reiz erhält: hier der hünenhafte, mitteilsame Bassist André Dominici, dort der kleine, sehr konzentrierte Tenor Jean Pierre Marchetti. Hierarchien werden aufgehoben, die Seconda, die tiefere Tenorstimme, übernimmt des Öfteren die Hauptrolle.
Barbara Furtuna alleine hätten schon für einen großartigen Abend gesorgt. Doch durch den lebendigen Wechsel der Anspielstationen mit den Kanadiern von Constantinople wird die Darbietung zum Erlebnis. Immer wieder spannend, wie sich in das versunkene, kreisende Doppel von Gambe und Setar eine Stimme hineinwagt. In "Lettera A Mamma" steigert sich über dem vorwärtstreibenden Galopp der Laute und dem Flattern der Sanduhrtrommel Tombak der Chor in ein überwältigendes Pathos. Belebend als Zwischenspiel ein tänzerisches Paradestück der Renaissance, "La Rotta della Manfredina": Jean Pierre Marchetti mit seiner schnarrend-nasalen Tenorkunst schlüpft zu den Akkordbrechungen der Gambe fast in die Rolle eines Höflings. Schließlich greift Maxime Merlandi zur Gitarre, lotet nicht nur mit Kiya Tabassians Setar Klangfarbenkontraste aus, sondern auch im Gesang: Kräftige mediterrane Kehligkeit trifft auf den wehmütige Arabesken spinnenden Barden mit zitterndem Bart.
Nach dem langen Schlussapplaus mischt sich der Constantinople-Chef schließlich ganz unter die Korsen, für die "Brunetta", ein fast humoreskes Stück mit übermütigem Glissando und strahlendem Dur-Schluss. Ein grandioser Auftakt im Park.
Autor: Stefan Franzen


