Samvardhana Motherson

Dank indischer Firma blüht die Bötzinger Peguform auf

Bernd Kramer

Von Bernd Kramer

Sa, 22. April 2017 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Deutsch-indische Symbiose: Das Unternehmen Peguform in Bötzingen spiegelt die Veränderungen in der Weltwirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten wider wie kaum ein anderes.

Welche Firma hat in Südbaden die meisten Stellen geschaffen? Wer bindet seine Mitarbeiter am besten an den Betrieb? Beim Wettbewerb Jobmotor haben die Badische Zeitung und ihre Partner außergewöhnliche Unternehmen ausgezeichnet. In einer Serie stellt die BZ die Gewinner einzeln vor. Das Bötzinger Unternehmen Samvardhana Motherson Peguform (SMP) gewann den ersten Preis in der Kategorie Arbeitsplätze für Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten.
Eigentlich ist Bötzingen eine typische südbadische Gemeinde. Mehr als 5000 Menschen wohnen am Fuß des Kaiserstuhls, umgeben von unzähligen Reben. Die Bewohner können auf die Höhen der höchsten Schwarzwaldgipfel blicken. Auf der anderen Seite liegt Frankreich nicht weit entfernt. Kein Außenstehender würde in solch einer idyllisch anmutenden Gegend vermuten, dass ein heimisches Unternehmen die Veränderungen in der Weltwirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten wie kaum ein anderes widerspiegelt.

Von 1999 bis 2011 war der Autozulieferer mit Bötzinger Zentrale immer wieder für Schlagzeilen selbst in der überregionalen Presse gut. Ein US-Selfmade-Millionär hatte den Spezialisten für Stoßfänger und Auto-Cockpits 1999 vom deutschen Klöckner-Konzern übernommen. Sein Engagement endete 2002 mit einem großen Knall. Peguform wurde unter dubiosen Umständen zahlungsunfähig, im Insolvenzverfahren stützte die deutsche Autoindustrie das Unternehmen mit Millionenkrediten. Ohne die Peguform-Produkte wären in vielen Autowerken die Bänder stillgestanden.

Dann machten die Kaiserstühler Bekanntschaft mit dem Cerberus (Deutsch: Höllenhund). So nannte sich die US-Private-Equity-Gesellschaft (Beteiligungsgesellschaft), die den Betrieb 2004 kaufte. Trotz schlechten Rufs – der SPD-Politiker Franz Müntefering bezeichnete Finanzinvestoren als Heuschrecken – entwickelte sich das Unternehmen gut. Betriebsratschef Gerhard Amann sagte 2007: "Wir sind bisher mit dem Investor nicht schlecht gefahren. Allerdings hat die Peguform auch die Ergebnisse gebracht, die von Cerberus erwartet wurden."

2008 stieg dann die österreichische Polytec-Gruppe bei Peguform ein. Deren Chef Friedrich Huemer kam allerdings die große Krise 2008/2009 in die Quere, welche die Weltwirtschaft kurzzeitig in die Knie zwang. Huemer hatte sich finanziell beim Peguform-Kauf für 220 Millionen Euro übernommen. Die Schuldenlast drückte. Die österreichische Cross-Industries-Gruppe sprang ein.

Und heute? Seit rund sechs Jahren macht die Bötzinger Zentrale des Unternehmens vor allem positive Schlagzeilen im Lokalteil – mit Ehrungen für langjährige Mitarbeiter und Bauanträgen für Erweiterungen, so wie viele andere erfolgreiche südbadische Mittelständler auch. Doch hinter der 180-Grad-Drehung steht kein einheimischer Unternehmer, dessen Familie seit Jahrhunderten in der Region verwurzelt ist. Die Wende brachte die familiengeführte indische Unternehmensgruppe Samvardhana Motherson, die 2011 die Peguform von Cross-Industries kaufte. Geleitet wird die Gruppe von Vivek Chaand Sehgal. Er hatte sie zusammen mit seiner Mutter 1975 gegründet – mit umgerechnet rund zwölf Euro Startkapital. Heute kommt Samvardhana Motherson auf einen Umsatz von 7,2 Milliarden Dollar (6,75 Milliarden Euro) und beschäftigt rund um den Globus 100 000 Mitarbeiter. Der Sitz ist in der Nähe von Neu-Delhi. Die Gruppe zählt nach eigenen Angaben mittlerweile zu den 40 größten Automobilzulieferern weltweit.

Andreas Heuser, Chef des Europa- und Amerika-Geschäfts von Samvardhana Motherson, war 2011/2012 maßgeblich an der Peguform-Übernahme beteiligt. Zusammen mit Sehgal hatte der an der Uni Freiburg ausgebildete Jurist im BZ-Interview damals gesagt, dass Samvardhana Motherson nicht auf den kurzfristigen Profit aus sei, sondern in sehr langen Zeiträumen denke: "Wir wollen Firmen, die aus irgendwelchen Gründen in Schwierigkeiten gekommen sind, langfristig eine Perspektive bieten."

Das indisch-deutsche Duo hat Wort gehalten. Getragen vom Wachstum der globalen Autobranche und der eigenen, cleveren Strategie, hat SMP an seinen Standorten weltweit kräftig investiert. So wurde unter anderem die Produktion in Bötzingen ausgebaut. Lange galt die Kaiserstühler Fertigung als das Sorgenkind – wegen der relativen Ferne zu den Werken der Autobauer. Der jüngste Beschäftigungszuwachs – 2016 wurden 202 zusätzliche Stellen geschaffen – geht vor allem auf die hohe Nachfrage der Bötzinger Unternehmenszentrale zurück. Weil sich SMP global so gut entwickelt, braucht man am Kaiserstuhl zusätzliche hochqualifizierte Mitarbeiter. Von Südbaden aus wird der weltweite Wachstumskurs des Autozulieferers in weiten Teilen gesteuert. Zentrale Funktionen wie die Entwicklung sitzen in Bötzingen. In der Region arbeiten heute mehr als 1500 Menschen für SMP, weltweit sind es 13 000. Der Umsatz beträgt knapp 2,6 Milliarden Euro.

Für die Zukunft ist Heuser zuversichtlich. Dem Wandel hin zur Elektromobilität sieht er gelassen entgegen: "Stoßfänger, Außenteile, Cockpits, Türinnenraumverkleidungen – all dies braucht auch ein Elektroauto." Zu den Herausforderungen zählten unter anderem, diese wesentlichen Autobestandteile noch leichter zu machen und dabei verstärkt Naturfasern einzusetzen.

Gesamtbetriebsratschef Gerhard Amann ist mit der Entwicklung des Unternehmens zufrieden. Er hat all die Brüche in der Vergangenheit als Chef der Mitarbeitervertretung hautnah miterlebt. Zwar gebe es weiterhin unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten. In einer von gegenseitiger Verlässlichkeit geprägten Atmosphäre ließen sich jedoch vernünftige Kompromisse finden. Sein Fazit: "Mir macht es wesentlich mehr Spaß über Einstellungen und hohe Investitionen zu reden, als über rasche Eigentümerwechsel und Stellenstreichungen, wie es vor 2011 der Fall war."

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