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12. April 2014

Darf Henri aufs Gymnasium?

Streit um ein Kind mit Downsyndrom löst neue Petition aus.

STUTTGART. Soll ein geistig behinderter Elfjähriger aufs Gymnasium? Nein, sagt die Schule. Ja, sagen die Eltern. Nun entbrennt im Internet eine weitere rasant wachsende Bildungsdebatte. Am Ende muss der Kultusminister entscheiden.

Ob nun nur der Elternwunsch dahintersteckt oder der des Kindes, ob das Vorhaben klug und sinnvoll ist oder ob nicht: In Walldorf soll ein elfjähriger Bub namens Henri aufs Gymnasium, obwohl er geistig behindert ist und dem Unterricht nicht so folgen wird, dass er das Ziel der Schule, nach acht Jahren das Abitur abzulegen, erreichen kann. Sowohl die Gesamtlehrerkonferenz als auch die Schulkonferenz – also neben den Lehrern auch Vertreter der Eltern und Schüler – haben die Aufnahme des Kindes abgelehnt, weil es zieldifferent unterrichtet werden müsste.

Dies ist kein Votum gegen die Inklusion im Allgemeinen: Körperbehinderte, die zwar ebenfalls sonderpädagogischen Förderbedarf haben, am Gymnasium aber zielgleich lernen können, sind davon nicht betroffen. Das Kultusministerium hat nach der Entscheidung der Schulkonferenz das Schulamt Mannheim beauftragt, weitere Möglichkeiten zu prüfen, wie Henri inklusiv beschult werden könnte.

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Das Verfahren ist sehr formal und nennt sich Bildungswegekonferenz. Beharren die Eltern in diesem Gespräch weiter darauf, ihr Kind gegen den Willen der Pädagogen aufs Gymnasium zu schicken, muss Kultusminister Andreas Stoch (SPD) entscheiden. Dies, sagte er am Freitag, solle schnell geschehen. Die Inklusion, ergänzte er, müsse, wenn das Schulgesetz entsprechend geändert wurde, grundsätzlich für alle Schularten gelten. Er schränkte aber ein, in jedem Einzelfall sei zu prüfen, welche Voraussetzungen für eine Aufnahme von Kindern mit Behinderung an einer Schule vorliegen.

Der in Heidelberg wohnende Holger Wallitzer-Eck, Vater eines ebenfalls vom Down-Syndrom betroffenen Kindes, hat deshalb am Freitag eine Onlinepetition gestartet. "Der Fall Henri ist der Präzedenzfall, ob unsere Gesellschaft Inklusion nun wirklich umsetzen möchte oder nicht." Stoch solle damit ermutigt werden, gegen die Schule zu entscheiden.

"Denn tut er es nicht, wird das einen Dominoeffekt auslösen. Jede weiterführende Schule könnte dann Inklusion erfolgreich abwehren. Das wäre ein schlimmer Rückschritt für alle Beteiligten im noch jungen Inklusionsprozess", schreibt er in der Begründung. Die Petition war mit mehreren Dutzend Unterschriften gestartet, zählte nach wenigen Stunden aber bereits ohne große Propaganda mehr als 700 Unterstützer.

Der Lehrerverband VBE erinnert derweil daran, dass sich die UN-Konvention, auf die sich die Eltern beziehen, primär an Staaten richtet, die bisher nichts für behinderte Schüler tun. Weltweit, so Uschi Mittag, Referatsleiterin Sonderschulen, würden 98 Prozent der behinderten Kinder vom Bildungssystem ausgeschlossen. Genau dieses Recht aber sei mit dem differenzierten Sonderschulwesen im Südwesten vorbildlich gesichert. Der VBE glaubt deshalb auch nicht, dass der Landtag unabhängig von politischen Vorgaben juristisch gezwungen sei, das Schulrecht der UN-Konvention anzupassen.

Autor: Andreas Böhme