Teneriffa

Darum ist die Kanareninsel ein Topspot für den Astrotourismus

Andreas Drouve

Von Andreas Drouve

Sa, 10. November 2018 um 13:45 Uhr

Reise

Sternstunden auf Teneriffa: Die Kanareninsel mit ihrem 3718 Meter hohen Vulkan Teide ist ein beliebtes Reiseziel für Astrotouristen. Eine Woche ohne Party, ohne Drinks. Nur um Sterne zu sehen.

Sterne lassen sich mit dem bloßen Auge beobachten. Oder durch ein handelsübliches Fernglas. Man kann bei Dunkelheit auch einfach hoch ins Gebirge fahren, einen Aussichtspunkt ansteuern und den Kopf in den Nacken legen. Auf Teneriffa jedoch ist diese Art der Himmelsbeobachtung nur bedingt spannend. Mehr Spaß macht es durch ein leistungsstarkes Nacht- und Sonnenteleskop zu schauen. Und so eines hat Jesús Mesa Rodríguez, 39, auf der Sternwarte der Kanareninsel aufgebaut.

Es ist früher Abend, Wind fegt über die Höhen. Vor uns erhebt sich der Teide, ein 3718 Meter hoher Vulkan und Spaniens höchster Berg. Rundum im Observatorium wirken die leuchthellen Kuppelbauten und Türme wie ein Open-Air-Skulpturenpark, in dem sich Stararchitekten ausgetobt haben. Die Sonne sei eigentlich weiß, sagt Rodríguez. Durch die Filter des Teleskops erscheint sie als feuerroter Ball.

Ein paar Meter weiter bereiten Freizeitastronomen ihre Ausrüstung vor. Teleskope, Laptops, Kabel, Kameras, Stative samt Gegengewichten. Ein Grüppchen Engländer der Basingstoke Astronomical Society Expedition Group wird die Nacht zum Tag machen und bis in den Morgen wach bleiben. Eine Woche Teneriffa ausschließlich, um Sterne zu sehen. Ohne Party, ohne Drinks.

"Alkohol und Nachtbeobachtung sind kein guter Mix", sagt Bob Trevan, 61 Jahre alt und Computeringenieur. Er atmet schwer, die Höhe von 2400 Metern macht ihm zu schaffen. "An den Strand oder Pool komme ich überhaupt nicht", sagt Trevan, der mehr als 100 Kilogramm Material angeschleppt hat. Ähnlich gut ausstaffiert ist Ian Piper, 46, der daheim in Crowthorne Fish ’n’ Chips verkauft. Er schwärmt von den Blicken auf das Sternbild Skorpion und die Milchstraße. "So was bekommst du bei uns in Südengland nicht zu sehen", sagt er.

Teneriffa gilt als ein weltweiter Topspot für Astrotourismus. "Das ist zusammen mit La Palma einer der drei weltbesten Plätze für die Sternbeobachtung, neben Hawaii und der Atacamawüste in Chile", erklärt Natascia Baldassarri, 44. Die italienische Astronomin ist eine Kollegin von Rodriguez und zählt die Gründe für die Besonderheit Teneriffas in Sachen Astronomie auf: die isolierte Insellage im Atlantik, die großen Höhen, die geringe Lichtverschmutzung und ganz oben 300 Tage freie Sicht im Jahr.

Rodríguez ist ein sogenannter Starlight-Guide. Er führt in den Bau eines Nachtteleskops, ein weißes Kuppelkonstrukt. Drinnen ist ein Dauersurrton zu hören. Der Experte erklärt die Mechanismen, doch die Sicht von hier ins Universum bleibt Profiforschern vorbehalten. Schade!

Die Zeit für Amateure kommt später wieder, außerhalb des Observatoriums im Nationalpark El Teide, wenn die Sonne versunken ist. "Im Himmel schauen wir immer in die Vergangenheit", sagt Baldassarri beim Teleskopblick auf den Kugelsternhaufen Messier 13. Was wie ein Baumwollball aussieht, ist bis zur Erde 25 000 Lichtjahre entfernt.

Im Vergleich dazu scheinen die Planeten zum Greifen nah. Der rötliche Mars. Jupiter, von dem sich manchmal vier Monde symmetrisch abspreizen. Saturn, dessen Ringe wegen atmosphärischer Turbulenzen vor dem Auge leicht zittern und einen Wow-Effekt auslösen. Weit weg bleibt das alles trotzdem, ebenso wie der Polarstern und die Sternbilder, die Baldassarri mit einem Laserpointer am Firmament nachzeichnet: Großer Wagen, Schütze, Schwan, Herkules. Niemand solle falsche Erwartung hegen, sagt sie. Bei den Touren ließen sich keine Himmelsdetails einfangen, als würde man in einer Raumsonde sitzen oder Bildergalerien anklicken, wie sie die Nasa auf ihre Webseite stellt.

Einer, der sich auskennt, wie kaum ein Zweiter zwischen Erde und Himmel über Teneriffa, ist Miquel Serra-Riquart, promovierter Astrophysiker und Leiter des Observatoriums. Für die Astronomie sei dies ein perfekter Ort, für die Gesundheit ein gewöhnungsbedürftiger. "Wegen der Höhe bekommst du Kopfschmerzen und Atemprobleme. Nach zwei Stunden verbrennt dir die Haut. Manchmal blutet die Nase." Und an manchen Wintertagen zeigt das Thermometer 20 Grad minus. Die meiste Zeit arbeitet der 52-Jährige in den geografischen Niederungen der Insel, in La Laguna. Dort hat das astrophysische Institut der Kanaren, zu dem auch das Observatorium auf La Palma gehört, seinen Sitz. Obwohl die Forschungsvorhaben zunehmen, habe die Präsenz der Wissenschaftler auf Teneriffas Sternwarte deutlich abgenommen, erklärt Serra-Riquart. Das Bild vom Sternengucker, der nachts leibhaftig vor Instrumenten oder im Kontrollraum vor Bildschirmen sitzt, sich gelegentlich einen Kaffee aus der Küche holt und mit Kollegen im Aufenthaltsraum plaudert – das ist seit einigen Jahren Geschichte.

Der Grund sei die zunehmende Automatisierung, klärt Serra-Riquart auf. Mittlerweile lasse sich über das Internet alles bequem vom Büro oder von daheim aus verfolgen. Roboterteleskope seien die Zukunft, "die funktionieren von selbst." Einige befinden sich bereits auf dem Gelände, weitere sind in Planung. Was bei diesen Projekten im Fokus steht? "Asteroiden erforschen", sagt Serra-Riquart und spricht von "Minen im Weltraum", gespickt mit Edelmetallen, Wasser, Mineralien.

Die Geschichte der Astronomie auf den Kanaren ist noch nicht ganz geklärt. Die These, dass bereits die Ureinwohner – die Guanchen – den Himmel beobachteten, gewann erst mit jüngsten Studien an Gewicht, sagt Astrophysikerin Antonia María Varela Pérez. Die 53-Jährige arbeitet ebenfalls am Institut in La Laguna. Sie verweist auf den Schotten Charles Piazzi Smyth, der 1856 das erste Hochgebirgsobservatorium auf Teneriffa errichtet hat – in einem Tierunterschlupf. Das Zubehör gelangte auf dem Rücken von Maultieren ins Gebiet um den Teide hinauf. Die spanische Zeitung "Eco del Comercio" berichtete damals, dass Smyth in den Bergen insgesamt 63 Nächte verbrachte.

Erst mehr als ein Jahrhundert später, ab den 1960er Jahren, profilierte sich Teneriffa allmählich als Hotspot der professionellen Astronomie. Pionier war der Festlandspanier Francisco Sánchez, der eine erste internationale Kooperation anregte. Stolz holt Pérez in ihrem Büro einen Stapel Dokumente hervor, die ihr Sánchez zur Auswertung hinterlassen hat. Reflektiert sie ihre eigene Geschichte, erinnert sie sich, dass sie als Mädchen vom Balkon ihres küstennahen Elternhauses in der Inselhauptstadt Santa Cruz einen Sternenhimmel wie aus dem Bilderbuch sah. Das sei heute unmöglich, wegen der Lichtverschmutzung, der sie den Kampf angesagt hat. Man müsse das Bewusstsein schärfen für den "reinen Himmel", eine natürliche Ressource. Der Astrotourismus auf der Insel sei das beste Beispiel dafür. Wollen Besucher die Sterne beobachten, müssen sie die Lichtquellen verlassen und mindestens auf 2000 Meter kommen.

Auf Teneriffa gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, aber keine Garantie für Traumblicke himmelwärts. Tage später ist beim englischen Beobachtergrüppchen um Bob und Ian Ernüchterung eingekehrt. Sie werten zwar zufrieden die Fotoausbeute der letzten Nacht aus, samt Trifid- und Lagunennebel, doch nun hängt Staub aus der Sahara in der Luft. Die Sicht ist erheblich getrübt, die Natur unberechenbar.

Dagegen hat ein paar Kilometer weiter auch der Guide Miguel Ángel Pérez Hernández kein Rezept. Seine kleine Agentur lebt vom Sternentourismus. Die widrigen Verhältnisse hat er seinen Kunden heute rechtzeitig mitgeteilt. Abgesprungen ist keiner. Der zunehmende Mond verhindert deutliche Blicke auf die Milchstraße. Und doch fühlt man sich in der Finsternis abseits der Straße in der schroffen Trockenlandschaft von einer besonderen Stimmung erfasst. Der Blick durchs Teleskop zeigt den Mond, wie ihn die meisten nie gesehen haben dürften: graubleich, wie Zement, kraterdurchsetzt. Stille Faszination.

Ansonsten gilt: Der Himmel lebt. Und wie! Die schwachen Lichter von Satelliten sind ohne Hilfsmittel erkennbar. Plötzlich taucht, markant leuchtend, die ISS auf, die bemannte Raumstation, die ebenso schnell verschwindet. Ihr Höllentempo lässt sich vage erahnen, knapp 30 000 Kilometer in der Stunde. Langsam verabschiedet sich Venus hinter dem Rücken des Teide, der einem übermächtigen Scherenschnitt gleicht. Dann huscht eine Sternschnuppe über den Himmel. Zu schnell, um sich etwas zu wünschen.