Das Alltagsgesicht der Stadt

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Mo, 22. Mai 2017

Ausstellungen

Graphische Kunst von Hans Rath und Jim Harris im Morat-Insitut.

Wenn Hans Rath auf Reisen geht, sind Bleistift und Zeichenblock zuverlässige Begleiter. Anders als der gewöhnliche Tourist, der mit Smartphone oder Digitalkamera in Sekundenschnelle Erinnerungsbilder fabriziert, die beinahe ebenso schnell wieder vergessen sind, nimmt sich Rath Zeit für die seinen; Zeit fürs Zeichnen. Sein Kameraauge ist das eigene, und die seismographischen Ausschläge des Zeichenstifts vermitteln eine nachhaltigere Vorstellung des Gesehenen als die raschen Digitalaufnahmen. Jede gezeichnete Ansicht ist gewissermaßen durch den Körper hindurchgegangen, durchtränkt mit momentaner Befindlichkeit, Augenblicksstimmung – der ganzen Subjektivität des Zeichners.

Seit über 20 Jahren zeichnet Rath Reiseziele; die ältesten der rund 90 Blätter im Freiburger Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft – mit flüchtiger Hand aufs Blatt geworfene Impressionen von Buenos Aires – datieren vom Herbst 1996. In realistischer zeichnerischer Kurzschrift geben seine Veduten Gebäude und Hochhäuser, Parks und Straßen, Hafenanlagen und Kanäle wieder.

Eher selten gelangen Menschen ins Bild; tun sie es doch einmal, so als Strichfigürchen ohne Individualität und Antlitz. Denn Gegenstand seiner zeichnerischen Porträts ist die Stadt. Und die zeigt ihm ihr Alltagsgesicht. Für urbane Wahrzeichen und Berühmtheiten interessiert sich Rath nicht. Seine Sujets sind unspektakuläre Ansichten, anonyme Ecken einer Metropole.

Helsinki, Stockholm und Riga, Vilnius, Warschau und Berlin – von überall her bringt Rath Skizzen mit; für seine Freiburg-Blätter brauchte er erst gar nicht zu reisen. Jim Harris wiederum, als alter Kumpel mitausstellender Künstler, musste für seine Dreisam-Zeichnungen erst einmal zu Rath nach Freiburg fahren. Während Raths Blätter in Pultvitrinen vor der Halle Nord liegen, besetzen Harris’ mehrteilige, großformatige Tuschen sowie eine Reihe von Kohlezeichnungen drei Wände der Halle.

Auch diese Zeichnungen sind Stadtansichten – im Blick nach draußen selbst noch die perspektivisch herrlich verzwickte, gleichsam kubistisch zerlegte raumgreifende Ansicht seines Amsterdamer Ateliers: in dreißig Blättern und – in etwa – im Maßstab eins zu eins! In der träumerischen Stimmung der in mehreren Reihen dicht aufeinander folgen Dreisam-Zeichnungen am Ende des Parcours hat man stellenweise den Eindruck, als flösse das Wasser des einen Blatts horizontal oder vertikal ins benachbarte über.

Als festgehaltener Augenblick sind die Blätter so zugleich Chiffren der verrinnenden Zeit. In den ungemein reizvollen, zu den Kanalufern hinab steigenden Utrechter Grachten-Zeichnungen an der gegenüberliegenden Wand finden sie ihr Pendant. Eine dieser Kohlezeichnungen zeigt Wasserringe im Kanal unter einer Brücke; ein ähnliches Sujet hat die erste der Tuschezeichnungen mit Amsterdam-Motiven. Die erinnern in den impressionistisch gestrichelten Linien des bewegten Wassers der Grachten bisweilen an die Strichtechnik von van Goghs Pinselzeichnungen. In anderen Blättern lösen sie die Spiegelungen im Wasser wie den dunstigen oder bewölkten Himmel in wässrig zerfließendes Informel auf.

Morat-Institut, Lörracher Str. 31, Freiburg. Bis 30. Sept., Sa 11–18 Uhr.