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30. Oktober 2014 00:05 Uhr

Familien in Südbaden

"Das Bedürfnis wird nach Familie wird es immer geben"

Wenn man ihn als Lobbyisten bezeichnen würde – Uto R. Bonde würde das vermutlich als Kompliment verstehen. Seit Jahren engagiert sich der Freiburger auf verschiedensten Ebenen für die Belange von Familien.

  1. Jedem Familienmitglied eine Wähler-Stimme, das fordert Uto R. Bonde. Foto: SCHOENEN

BZ: Beschreiben Sie doch bitte einmal Ihre Familie.
Bonde: Wir sind vier Generationen, auch wenn wir nicht unter einem Dach leben. Einer unserer Söhne hat mit seiner Frau zusammen drei Kinder, der andere Sohn lebt mit seiner Partnerin zusammen, die zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht hat und der jüngste Sohn hat gerade geheiratet mit einer großen Familienfete. Und dann ist da noch unsere Oma mit ihren 97 Jahren. Für meine Enkel ist sie die Oma-Oma, sie führt noch einen eigenen Haushalt. Wir treffen sie alle zwei bis drei Tage. Für unseren Familienverband ist das eine ganz tolle Erfahrung.

BZ: Das klingt zunächst einmal eher klassisch. Muss man den Begriff "Familie" heute aber nicht weiter fassen? Oder hat er sich womöglich schon überholt?
Bonde: Also, der Begriff Familie wird bleiben. Ändern werden sich aber sicher die Formen. Wesensmerkmale der Familie sind der Zusammenhalt, die innere Beziehung, das solidarische Miteinander. Ich denke aber, dass der Begriff in der Breite zunehmen wird.

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BZ: Welchen Stellenwert sollte "Familie" denn heute haben?
Bonde: Ich will jetzt nicht juristisch werden, aber das Grundgesetz sagt in Artikel 6 deutlich, was Familie ist und was Familie bedeutet. Aber schauen wir uns zum Beispiel die Shell-Studie an. Da wurde ganz deutlich, dass viele junge Leute nach einem festen Partner, nach Kindern, einem Beruf streben. Also nach so einer Art Idylle. Das Bedürfnis nach Familie, nach Gemeinschaft wird es immer geben.

Wie wäre es denn, wenn es keine Familie gäbe? Uto R. Bonde
BZ: Welche Faktoren beeinflussen denn aus Ihrer Sicht heute das Bild der Familie?
Bonde: Da ist auf der einen Seite das Wunschbild. Auf der anderen Seite hängt dieses Bild auch sehr stark davon ab, unter welchen Rahmenbedingungen Familie stattfindet. Das sieht bei einer Alleinerziehenden ganz anders aus als in einem Umfeld mit geregeltem Wohlstand. Als schrecklich empfinde ich es, wenn es zu Situationen kommt, in denen Familie versagt oder nicht funktioniert hat. Das wird dann in der Gesellschaft gerne verallgemeinert, obwohl das höchstens im Einzelfall berechtigt ist. Dabei ist die Familie viel belastungsfähiger, als man es sich eigentlich vorstellt. Man muss ja nur einmal im Umkehrschluss fragen: Wie wäre es denn, wenn es keine Familie gäbe? Da sehe ich tausend Fragezeichen und viel, viel weniger Antworten.

BZ: Lassen Sie uns einmal über die von Ihnen angesprochenen Rahmenbedingungen für Familien sprechen. Was fällt Ihnen zu folgenden Gesichtspunkten ein: Gesellschaftlich …
Bonde: … hat sich vieles geändert. Früher konnten viele Leistungen nur im Verbund der Familie erbracht werden. Sicherheit bot früher der Clan, heute die solidarische Gemeinschaft. Trotzdem sind die Beiträge der Familie eher noch tragender geworden. Schauen Sie nur auf die Solidarsysteme. Sie brauchen Menschen, die da reinwachsen, damit das ganze System überhaupt funktioniert, von den Beiträgen bis zur Leistungserbringung.

BZ: Politisch …
Bonde: … ist Familienpolitik als Querschnittsaufgabe herausfordernd. In der Familienpolitik nähern sich aber unterschiedliche Gruppierungen dem Thema Familie unter unterschiedlichen Gesichtspunkten. Wir als Deutscher Familienverband haben die Wahrnehmung, dass Familienthemen vorzugsweise in Wahlkämpfen eine Rolle spielen, weil man die Stimmen braucht. Ich will jetzt nur mal einen Punkt herausgreifen: Wie kann man Familien als zahlenmäßig größte Gruppe so organisieren, dass sie ihre Interessen artikulieren und auch politisch über Parteien umsetzen können? Einer unserer Ansätze ist der: das Wahlrecht von Geburt an.

Warum kann man nicht sagen: Jeder Mensch hat eine Stimme. Kinder würden bis zu einem gewissen Alter von ihren Eltern vertreten. Formalisten sagen jetzt, dass das nicht geht. Aber ein Säugling kann erben und die Eltern verwalten das Vermögen über den notwendigen Zeitraum. Warum können Vater und Mutter nicht auch politische Entscheidungen für diesen Säugling mitbeeinflussen? Dann wäre Familienpolitik bestimmt kein Thema mehr für Sonntagsreden, sondern ein hartes politisches Geschäft. Und um die Rahmenbedingungen für Familien stünde es ganz anders.

BZ: Wirtschaftlich …
Bonde: … ist das Thema Familie vor allem für junge Menschen eine zentrale Frage. In der Shell-Studie wurde festgestellt, dass sich die meisten Paare zwei Kinder wünschen. Häufig endet es aber schon mit einem. Warum? Weil Familie wirtschaftliche Einschränkungen mit sich bringt. Ein Einkommen fällt meist weg, man braucht eine größere Wohnung, mehr Geld für den Lebensunterhalt. Und da kommen wir zu einer sehr zentralen Frage: Sind Kinder reine Privatsache der Eltern oder Teile der Gesellschaft? Und für die ist die Gesellschaft dann mitverantwortlich, bei sozialer Absicherung, medizinischer Versorgung, Bildung und letztlich auch bei der Integration in den Arbeitsprozess, denn wir können Kinder nicht verschleißen in einer Generation Praktikum. Ein Unternehmen, das nicht versucht, den Bedürfnissen von Familien gerecht zu werden, ist letzten Endes nicht wirtschaftlich genug.

Man muss Familien entlasten. Uto R. Bonde
BZ: Ist das nicht eine Illusion?
Bonde: Kann ja sein, aber ich glaube nicht. Wenn ich Wohnungen brauche, mache ich Wohnungspolitik, wenn ich die Wirtschaft fördern will, dann mache ich eine Steuer- oder Wirtschaftspolitik. Das heißt: Wenn der politische Fokus auf ein Ziel gerichtet wird, setzt das auch Kräfte frei, die diesem Ziel dienen. Wenn also klar ist, dass die Solidarsysteme von Familien getragen werden, dann kann man Familien zum Beispiel steuerlich und sozialversicherungsrechtlich nicht so behandeln, wie wenn die Leute keine Kinder hätten. Man muss Familien für die Familienarbeit, für Erziehungsarbeit wirtschaftlich und steuerlich entlasten. Jemand, der diese Leistung nicht erbringt, aber von den Leistungen der Familie partizipiert, der kann nicht gleichbehandelt werden. Die Gesellschaft hat da eine Verantwortung.

BZ: Mischt sich der Staat dennoch zu sehr in Familien ein, indem er immer mehr Familienaufgaben übernimmt?
Bonde: Ich sehe es nicht als dirigistisch an, wenn der Staat Leistungen anbietet. Familien brauchen in bestimmten Situationen heute eine gerechte Behandlung, Hilfe und Förderung. Das schließt ja überhaupt nicht aus, dass eine Familie sagt: Wir verzichten darauf. Denn das Recht der Erziehung bleibt ja immer bei den Eltern. Und Eltern können durch den Staat nicht ersetzt werden.

BZ: Ist Südbaden aus Ihrer Sicht eigentlich eine familienfreundliche Region?
Bonde: Da ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel getan worden, auch weil man in unserer prosperierenden Region dafür sensibilisiert ist, dass man für die nachwachsende Generation etwas tun muss. Heute können Sie zu jedem Bürgermeister gehen, die werden immer schauen, dass sie ihre Einrichtungen für Kinder und Jugendliche halten. Denn sonst brechen vor Ort die Strukturen – besonders im ländlichen Raum – irgendwann zusammen. Ich sehe im regionalen Bereich viele engagierte Leute.

BZ: Und zum Schluss: Wie steht es in 100 Jahren um die Familie?
Bonde: Also, ich denke, dass sich vielleicht die Vokabeln ändern, aber das Bedürfnis nach menschlichem Miteinander wird immer bleiben.
Uto R. Bonde

(Jahrgang 1946) ist verheiratet, Vater von drei Söhnen und fünffacher Großvater. Seit Oktober 2014 ist er Ehrenvorsitzender des Deutschen Familienverbandes (DFV) Baden-Württemberg, dessen Vorsitzender er seit 1996 war. Im DFV hat sich Bonde seit 1969 in den verschiedensten Funktionen ehrenamtlich engagiert. Beruflich war Uto R. Bonde in leitender Funktion in der Berufsintegration und Berufsvorbereitung von Jugendlichen tätig. Er lebt mit seiner Frau in Freiburg.

Deutscher Familienverband

Der Deutsche Familienverband versteht sich als Lobbyist für Familien. Der Verband wurde vor rund 90 Jahren gegründet und hat bundesweit nach eigenen Angaben 15 500 Mitglieder, die sich auf lokaler, regionaler und bundesweiter Ebene engagieren.

Infos im Internet:

Autor: Holger Knöferl