Das Buch der Ringe

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Sa, 08. Dezember 2018

Neues für Kinder

BZ-INTERVIEW mit dem Wissenschaftler Willy Tegel, der in den Jahrringen von Bäumen lesen kann.

Welche Geschichte kann ein Baum erzählen? Das weiß Willy Tegel, Archäologe und Umweltwissenschaftler an der Universität Freiburg. Claudia Füßler hat mit ihm gesprochen.


BZ: Herr Tegel, Sie können in Baumstämmen lesen. Was steht denn da?
Tegel: Da stehen zum Beispiel Informationen darüber, wie das Wetter in früheren Zeiten war. Das sehen wir an den sogenannten Jahrringen oder Baumringen, wie die Engländer sagen. Solche Ringe hat in den Regionen, in denen es Jahreszeiten gibt, jeder Baum und jeder Strauch. Sie bilden sich, weil der Baum im Winter eine Wachstumspause hat. Jedes Jahr entsteht ein neuer Ring. Indem wir die Ringe zählen, finden wir heraus, wie alt ein Baum ist. Holz ist also ein wunderbarer Datenspeicher.
BZ: Wie zählen Sie die Jahrringe? Die sind doch oft sehr eng aneinander. Haben Sie so gute Augen?
Tegel: Wir arbeiten mit einem Mikroskop und 60-facher Vergrößerung. Und um sicherzugehen, dass wir uns nicht verzählen, zählen wir mehrmals nach.
BZ: Wie alt sind die ältesten Bäume in Deutschland?
Tegel: Ungefähr 500 bis 600 Jahre, das sind meist Eiben. Die ältesten Bäume im Schwarzwald sind Kiefern bei Neustadt und Löffingen, die standen dort schon vor etwa 430 Jahren. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu den ältesten Bäumen der Welt: 5000 Jahre alten Borstenkiefern in Kalifornien.
BZ: Wie können Sie in den Jahrringen etwas über das Wetter vor langer Zeit erfahren?
Tegel: Hat ein Baum viel Licht und gute Bedingungen zum Wachsen, sind die Jahrringe breiter, als wenn er zum Beispiel zu wenig Wasser hat. Die Bäume in Deutschland reagieren stark auf Niederschläge. Bäume, die hoch in den Alpen wachsen, reagieren eher auf Temperaturen. Im Frühjahr produziert ein Baum besonders große Zellen, damit er viele Nährstoffe und eine Menge Wasser nach oben transportieren kann, im Sommer verdicken dann die Zellwände, das ist auch wichtig für die Stabilität. Im Winter passiert nichts, der Baum ruht sich aus. Und im nächsten Frühjahr beginnt ein neuer Jahrring zu wachsen. Wir schauen uns an, wie dick die Jahrringe sind, und wissen, wie gut die Bäume in einem Jahr gewachsen sind. Deshalb wissen wir, wie das Wetter in diesem Jahr war. So können wir das Klima vor vielen hundert oder gar tausend Jahren mit dem Klima heute vergleichen. Ist es zum Beispiel normal, wenn wir ein paar Jahre lang so trockene Sommer haben? Außerdem können wir feststellen, wie alt Balken in Gebäuden sind, oder eine Geige oder der Rahmen eines Gemäldes. Wir schauen uns die Jahrringe des verwendeten Holzes an und geben die Daten in unsere große Datenbank ein, die bis zu 10 000 Jahre zurückreicht.
BZ: Hat wirklich jeder Baum für jedes Jahr einen Jahrring?
Tegel: Ja, auf jeden Fall. Selbst wenn er ganz schmal ist. Manchmal sehen wir auch, dass Zellen kaputt oder verformt sind, ein ganz typisches Muster. Das deutet darauf hin, dass es in einem Winter sehr starken Frost gegeben hat. Auch wenn ein Baum verletzt worden ist, können Jahrringe verschwinden. Sie sind dann schon noch da, aber sehr, sehr schmal, das können nur Experten erkennen.
BZ: Müssen Sie einen Baum fällen, um die Jahrringe anschauen zu können?
Tegel: Nein. Wir bohren ihn mit einem dünnen Spezialbohrer von der Seite an und holen damit einen sogenannten Bohrkern raus, der geht von der Rinde des Baumes bis in die Mitte und ist nur fünf Millimeter dick. Das schadet dem Baum nicht.