Kunst im öffentlichen Raum

Das ist der Schneckenreiterbrunnen im Freiburger Colombipark

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 10. August 2018 um 18:45 Uhr

Kunst

In einer Sommerserie stellen wir einige dieser Kunstwerke in Freiburg vor – und beginnen mit Konrad Tauchers Schneckenreiterbrunnen im Colombipark. Er entführt den Betrachter in eine Märchenwelt.

Ein Junge, der auf einer Schnecke reitet, groß wie eine Riesenschildkröte, das Gehäuse dient als Sattel: Das so sonderbar anmutende tiermenschliche Paar in Konrad Tauchers Schneckenreiterbrunnen im Colombipark in Freiburg ist offensichtlich eine Ausgeburt der Phantasie.

Der Karlsruher Bildhauer hat das Motiv aber nicht erfunden. Schneckenreiterskulpturen existieren im Entstehungsjahr 1906 in großer Zahl und unterschiedlichster Ausführung, auch im Material. Es gibt sie in Bronze, Marmor oder Stein, bis hin zum Nippesfigürchen aus Porzellan, nicht selten nah am Kitsch.

Still, unaufdringlich, in sich gekehrt

Tauchers Bronzeplastik ist dem Jugendstil zuzuordnen, in dessen Blütezeit die Entstehung fällt. Für den Jugendstil war Freiburg ein gutes Pflaster. 1907 wurde mit dem Bau von Hermann Billings Kollegiengebäude I der Universität begonnen. Viele Bauten der Gründerzeit weisen Ornamentik und Bauschmuck im Stil des Jugendstils auf.

Kunst im öffentlichen Raum ist nicht selten raumgreifend und spektakulär im Wortsinn. Im Colombipark gibt sie sich anders: still, unaufdringlich, in sich gekehrt. Die träumerische Gelöstheit der Szene passt zum leicht verwunschenen Parkambiente mit seinen alten Hainbuchen, Kastanien und Nadelbäumen, den Sträuchern und Blumenrabatten. Auf den Betrachter wirkt sie unmittelbar. Ihn zieht sie aus der Hektik des Alltags heraus und entführt ihn für Augenblicke mental in eine Märchenwelt. Schon durch das Motiv ist der Schneckenreiter ja eine Skulptur sozusagen in Zeitlupe. Entschleunigung ist ihre Signatur.

Alles verbindet sich zum Märchenhaften

Seinerzeit wurde das Werk von Presse und Öffentlichkeit als eine neue "Hauptzierde der Stadt" freudig begrüßt. Es war zunächst allerdings anders positioniert: Vom Promenadenweg in der Achse des Haupteingangs wurde der Brunnen irgendwann an seinen heutigen Standort nahe dem kleinen Rebhang an der Eisenbahnstraße verlegt. Eher andeutungsweise beschreibt die Skulptur eine Bewegungskurve von Fort- und Übergang. Der kleine Reiter ist ja, wie langsam auch immer, unterwegs, sein versonnener Habitus ist das psychische Pendant der Bedächtigkeit der Bewegung. Übergang und Übertritt deuten sich schon darin an, dass der Kopf der Schnecke über die Plinthe – den Sockel der Skulptur – hinausragt.

Gleichzeitig sind ihre Fühler so etwas wie eine plastische Metapher derer, die der Junge selbst in Richtung Welt ausstreckt. War seine linke Hand doch ursprünglich über zwei Lederriemen als Reiterzügel mit den Fühlern der Schnecke verbunden. Insgeheim kündet sich zugleich erwachende Geschlechtlichkeit an. So ist die Zügel haltende Hand nahe dem Geschlecht des Jungen positioniert, dessen Nacktheit sich als Natürlichkeit im Sinne der Reformpädagogik der Zeit deuten lässt. Dennoch: Der vor aller Augen liegende Sinn der schönen Plastik hat noch eine andere Richtung. Alles verbindet sich hier zum Wunderbaren und Märchenhaften der Szene. In träumerischer Bewegung nimmt der junge Schneckenreiter auf seinem ungewöhnlichen Transportmittel Kurs aufs Reich der Poesie und Phantasie.
Für sie muss man kein Museum besuchen: Kunst im öffentlichen Raum ist für jeden zugänglich. Aber auf sie macht auch niemand aufmerksam. Sie ist auf zufällige Begegnung angelegt. Und oft wird sie schlicht übersehen. In einer Sommerserie stellen wir einige dieser Kunstwerke in Freiburg vor.